Blick hinter die Mauern des Vatikans

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Weitblick garantiert: Von der Aussichtsplattform auf der Kuppel des Petersdomes aus überschaut man das gesamte Gebiet des Kirchenstaates.

Wenn jemand dem Schweizergardisten in seiner bunten Uniform aus gelblichen und blauen Längsstreifen vorsichtig mit zwei Fingern an den silbernen Helm tippt, wippt der ganze Schädel. Vier-, fünfmal tut er es fast geräuschlos in jede Richtung, dann hat er sich wieder in der Mitte eingependelt. Der Mann nimmt es gelassen. Kein Wunder. Er hat ein Preisschild unter den Füßen – und ist aus Plastik.

Die bewegliche Miniatur mit dem überproportional großen Kopf wird an den Souvenirständen gleich hinter den Kolonnaden des Petersplatzes gehandelt und ist ein Renner. Die jahrhundertealte Festungsmauer des Vatikans ragt knapp hinter dem langen Souvenirtisch auf. Und keine 150 Meter sind es von hier bis zum Posten der echten Schweizergardisten, die die Zufahrt von der Via del Porta Angelica in den streng abgeschotteten Vatikan bewachen. Sie wippen nicht mit dem Kopf. Sie schütteln ihn kurz und lehnen freundlich, aber bestimmt ab, wenn ein Unbefugter Einlass in die schmale Straße mit den sandfarbenen Gemäuern begehrt, die auf die Sixtinische Kapelle zuführt. Von den Renaissance-Uniformen der Aufpasser darf sich dabei niemand täuschen lassen. Die Männer schützen Pontifex und Vatikan – und sie nehmen ihre Sache ernst.

Hunderttausende Besucher ziehen jedes Jahr durch den Petersdom und die Korridore der Vatikanischen Museen – ohne einen Fuß auf das geheimnisvolle Land direkt neben diesen Gebäuden setzen zu können. Dabei gibt es ein paar kaum bekannte Hintertüren hinein in das Reich von Papst Franziskus. So kommt man doch hinein Wer zum Beispiel die Schweizergardisten an der Wache Largo Paolo VI. auf Deutsch anspricht und vorgibt, zum Campo Santo Teutonico zu wollen, den winkt die Wache vormittags durch. Dieser hoch ummauerte kleine Friedhof liegt etwa 70 Meter innerhalb der vatikanischen Mauern und genießt dennoch exterritorialen Status. Deutsche und Österreicher müssen ihn ungehindert erreichen dürfen.

Nur 932 Menschen wohnen auf dem Gelände des Kirchenstaates – wie der Papst und seine Privatsekretäre. „Einmal“, erzählt Fremdenführerin Lucia, die die vormittäglichen Touren durch die Vatikanischen Gärten begleitet, „habe ich Franziskus ganz unverhofft hier im Park getroffen. Er stand an einem der Brunnen und plauderte mit seinem Sekretär.“ Meistens aber ist der Papst erst am Nachmittag hier unterwegs, wenn der Park für Besucher gesperrt ist.

Ganz oben von der Kuppel des Petersdomes aus erkennen ihn dann Besucher an seiner weißen Soutane. Sie rufen und winken sofort – und hoffen, dass er sie dort unten über 520 Stufen tiefer und weit entfernt hört und zurückwinkt. Wer im Vatikan wohnt, darf einige Vorteile genießen. Beispielsweise das Privileg von Abgeschiedenheit mitten in der Großstadt. Oder Honig im päpstlichen Supermarkt einkaufen zu dürfen, der von vatikanischen Bienenvölkern in der Sommerresidenz Castel Gandolfo gesammelt wird. Der soll göttlich schmecken. 

Von Helge Sobik

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