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Volksfeste zwischen Krisenmodus und Feierlust

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Dürkheimer Wurstmarkt
Nach zweijähriger Corona-Zwangspause erwartet die pfälzische Kommune Bad Dürkheim bis zum 19. September wieder mehr als 600 000 Menschen. Das Spektakel gilt als größtes Weinfest der Welt. © Uwe Anspach/dpa/Archiv

Krieg, Corona und Preisschock bringen Feierwillige ins Grübeln: Jetzt nicht - oder jetzt erst recht? Beim wohl größten Weinfest der Welt in Rheinland-Pfalz haben die Menschen dazu eine klare Haltung.

Bad Dürkheim/Koblenz - Endlich wieder rein ins Vergnügen! Die Sehnsucht nach unbeschwertem Feiern ist bei vielen Rheinland-Pfälzern nach zweijähriger Corona-Zwangspause groß. Doch schon ziehen düstere Wolken am Partyhimmel auf: Energie-Knappheit, Ukraine-Krieg, Klima-Krise. Passt da ein riesiges Volksfest wie der traditionelle Wurstmarkt in Bad Dürkheim wirklich in die Zeit?

„Niemand wird diese Themen auf dem Festplatz ganz abschütteln. Das ist für uns alle eine Belastung“, räumt Bürgermeister Christoph Glogger (SPD) ein. „Aber wir haben trotzdem die Hoffnung, dass wir einige unbeschwerte Stunden erleben werden.“ Gastfreundschaft und Gemeinschaft auf dem Wurstmarkt könnten „heilsam“ sein. „Sie können Kraft geben für die Herausforderungen unserer Zeit“, hofft Glogger.

Es ist eine Diskussion, die auch weiter südlich geführt wird: in München. Dort beginnt an diesem Samstag das Oktoberfest - begleitet von Jubel einerseits und Zweifel andererseits. Seit der letzten Wiesn 2019 hat sich die Welt verändert. Millionen Gäste aus aller Welt werden nach zwei abgesagten Oktoberfesten in München erwartet - und mit ihnen auch diverse Erreger. Trotzdem sehen auch Mediziner keinen Grund, das größte Volksfest der Welt abzusagen, das wegen seiner Internationalität noch eine größere Verbreitungswirkung haben könnte.

Weltgrößtes Weinfest hat lange Tradition

Bis zum 19. September erwartet Bad Dürkheim wieder mehr als 600 000 Menschen zum Wurstmarkt. Aus Eifel und Hunsrück und anderen Teilen des Bundeslandes und auch aus dem nahen Saarland strömen die Menschen zu dem Fest. Das Spektakel gilt als größtes Weinfest der Welt. Stammgäste heben den lokalen Charakter hervor - der Wurstmarkt sei kein „Wanderzirkus“ mit Ständen, die überall zu sehen seien. In diesem Jahr stehen an 57 Ausschankstellen 294 Weine und Sekte aus Bad Dürkheimer Weinbergen und Weinkellern im Mittelpunkt. Meist Riesling.

Seinen Ursprung hat der Wurstmarkt im 12. Jahrhundert, als Winzer und Bauern ihre Produkte Pilgern anboten. Diese reisten alljährlich Ende September zur Wallfahrt an. In diesem Jahr erlebt das Weinfest seine 606. Auflage, und selten waren die Begleitumstände so schwierig.

„Für alle waren die vergangenen Monate eine Zerreißprobe, und die Lage ist weiter angespannt“, schildert Wurstmarktmeister Marcus Brill. „Dennoch gehen wir mit einem positiven Gefühl in die bevorstehenden Festtage.“ Es gehe darum, Gästen „ein paar ausgelassene Feierstunden“ zu ermöglichen. Zwei Jahre hätten die Menschen auf das Traditionsfest verzichten müssen. „Daher wollen wir wenigstens in diesen Tagen ein Stück Normalität aufrechterhalten. Denn der Dürkheimer Wurstmarkt gehört zu unserer Kultur“, sagt Brill.

Strom lässt sich beim Volksfest kaum sparen

Erst vor kurzem war die Diskussion darüber, ob und wie Volksfeste in die Zeit passen, auch in Koblenz aufgeflammt. Niedrigwasser im Rhein und völlig ausgedorrter Uferbewuchs: Der Klimawandel stellt das Konzept von „Rhein in Flammen“ auf den Prüfstand. Denn der Kern des beliebten Spektakels sind Feuerwerke. Gemeinsam mit Koblenz und anderen Städten will Rheinland-Pfalz Tourismus nun auf der Basis einer Umfrage unter Partnern, Veranstaltern und Besuchern über ein „zukunftsorientiertes Veranstaltungsformat“ beraten.

Das betrifft auch das Thema Energie. „Natürlich haben wir uns als Veranstalter und Kommune die Frage gestellt, wo wir sparen können“, betont Bad Dürkheims Bürgermeister Glogger. Innerhalb der Kurstadt habe man an vielen Sehenswürdigkeiten und öffentlichen Gebäuden Maßnahmen ergriffen. „Der Wurstmarkt bleibt weitgehend unberührt, wenn auch zahlreiche Schausteller bereits auf LED-Beleuchtung umgerüstet haben und sich der angespannten Lage bewusst sind.“

Die Straßenbeleuchtung ab einer gewissen Uhrzeit auszuschalten oder zu dimmen, obwohl noch Tausende auf dem Gelände und im Stadtgebiet unterwegs sind, hält der Bürgermeister für keine gute Idee. „Das wäre allein aus dem Aspekt der Sicherheit kritisch.“ Für die erste Woche zog die Polizei ein insgesamt positives Fazit. Zu beklagen waren dennoch 15 Körperverletzungen und 10 Diebstähle.

Den Strom früh abzuschalten, das wäre auch schade für ein neues Wahrzeichen der pfälzischen Kommune. Seit kurzem lenkt unweit des Festplatzes ein Winzer mit Rückenkorb als Ampelmännchen die Fußgänger über die Straße. Von dem ortstypischen Motiv erhofft sich die Stadt noch größere überregionale Bekanntheit - über den Wurstmarkt hinaus. dpa

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