Im Fichtelgebirge serviert der Jean-Paul-Wanderweg die schwere Dichterkost in gut verdaulichen Portionen

Wandergenuss häppchenweise

Seine Werke sind schwerverdauliche Kost. Jean Paul lässt sich nur häppchenweise genießen. Zu Lebzeiten waren seine Bücher „Hesperus“, „Siebenkäs“, „Titan“ und „Flegeljahre“, die heute kaum noch gelesen werden, echte Bestseller. Selbst Goethe und Schiller stellte er in den Schatten.

Wenn man zu seinen zum Teil verschrobenen Sätzen aus dem 18. und 19. Jahrhundert erst einmal Zugang gefunden hat, erweisen sie sich als erstaunlich aktuell: „Unsere Zeit ist mit der Zeit zufrieden, das heißt, die Jünglinge halten die künftige für idealer als die gegenwärtige, die Alten die vergangene.“ Nachzulesen auf Schautafel Nummer 70 entlang des 200 Kilometer langen Jean-Paul-Wanderpfads, auf dem man in Etappen zu den Lebensstationen des Literaten wandert. Die Route verläuft von Joditz über Schwarzenbach an der Saale, wo der Poet aufwuchs, nach Wunsiedel – wo Johann Paul Friedrich Richter im Jahr 1763 geboren wurde – bis nach Bayreuth. Dort lebte er nach Stationen in Leipzig, Weimar und Berlin 21 Jahre lang, bis er 1825 verstarb. „Viele Orte zwischen Hof und Bayreuth fanden Eingang in seine Bücher und Briefe“ erzählt Wanderführerin Inge Hessedenz: „Wanderungen durchs Fichtelgebirge waren für ihn eine Kraftquelle.“ Alle ein bis eineinhalb Kilometer säumen grüne Tafeln mit Aphorismen und Zitaten aus seinen Schriften den Wanderweg, dazu Hinweise zur Landschaftsgeschichte um 1800.

Wem Jean Pauls Gedankensplitter zu schwerverdaulich sind, der hat auf zahlreichen weiteren Routen Gelegenheit, die oberfränkische Region vor den Toren Bayreuths kennenzulernen. „200 Kilometer des Fränkischen Gebirgswegs führen durchs Fichtelgebirge“, sagt Inge Hessedenz: „Dabei sind zwei Eintausender, Schneeberg und Ochsenkopf, zu erklimmen.“ Aber die Anstiege auf breiten Trassen durch dichten Fichtenwald und entlang von Granitformationen sind gemäßigt. Der Ochsenkopf ist zwar nur der zweithöchste Berg, gab aber der Gegend den Namen. Nicht nur Jean Paul, auch Goethe hat ihn 1785 erklommen – wie am Goethe-Felsen vermerkt.

Zwei Themenwege erinnern an alte Handwerke. Auf dem bergbauhistorischen Wanderweg „Auf den Spuren der Bergleute“ rund um Warmensteinach geht es zu Stollen und Schächten des ehemaligen Flussspat- und Eisenerzabbaus. Elf Stationen erläutern Technik und Geschichtliches. Ein weiterer Erwerbszweig im oberen Steinachtal war über 400 Jahre lang die Glasherstellung. Er habe noch Glasbläser gelernt, berichtet Bernhard Raab, bevor er im Jahr 1969 das Gasthaus „Zum Loisl“ seiner Eltern übernahm, an dem der elf Kilometer lange Glaswanderweg vorbeiführt. „Das uralte Glasmacherzeichen, eine liegende Acht auf einem Kreuz, markiert die Strecke“, erklärt Raab: „Das Zeichen symbolisiert einen alten Glasmacherspruch: Es ist ein unendlich Kreuz, gutes Glas herzustellen.“

Nur ganze 56 Meter Höhenunterschied sind auf dem Echowaldweg rund um Mehlmeisel zu überwinden. Gekennzeichnet ist der Verlauf durch eine gelbbraune Trompete. Wer es besonders romantisch mag, der bestellt sich bei der Touristinformation des Ortes einen Trompeter. Dieses Klangerlebnis hätte ganz sicher auch Jean Paul zu neuen Geschichten inspiriert.

Von Dagmar Krappe

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