Wanderreiten im französischen Jura

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Nervös tänzelt die schlanke Braune den schmalen Feldweg entlang. Ich fühle mich nicht wirklich wohl im Sattel. Während die anderen Pferde vor uns gutmütig vor sich hin trotten und sich ab und dann genussvoll an den Grasbüscheln links und rechts bedienen, zeigt sich Chloé eher bockig.

Wanderreiten im französischen Jura

Bis Fabienne an meine Seite reitet und erklärt, dass ich einfach mal nichts machen soll. „Die findet sich auch ohne deine Reitkünste zurecht, lass sie laufen und hör endlich auf, an den Zügeln zu ziehen!“ grinst die junge Frau und lässt sich zurück und hinter mich fallen. Das verstehe ich auch auf Französisch, ich tue, wie befohlen, und schon funktioniert die Sache.

Frankreichs kleinste Region mal vom Rücken der Pferde aus

Die Stute Chloé ist eines von den Pferden, die die ausgebildete Wanderreiterin Fabienne Stivalet bei Pontalier an reitbegeisterte Touristen vermietet. Das verschlafene kleine Örtchen liegt im Osten Frankreichs in dessen kleinster Region, der Franche – Comté. Die 230 Kilometer lange Grenze zur Schweiz bildet der Jura, ein Mittelgebirge, dessen höchste Erhebung mit 1495 Metern der Cret Pela ist. Die fast durchgehend bewaldeten und sanft geschwungenen Höhenzüge sind ein Eldorado für Aktivurlauber. Nach den Skilangläufern, den Mountainbikern und den Wanderern können seit dem letzten Frühjahr auch Wanderreiter längere oder kürzere Teilabschnitte ihrer insgesamt 500 km langen Route des GTJ ( Grand Traversees du Jura ) in Angriff nehmen, auf denen man das Gebirge durchqueren kann.

Draufgängerisch oder sanft – jeder Reiter findet hier die richtige Begleitung

Chloé stoppt unvermittelt und reißt mich aus meinen Träumen von gestrecktem Galopp über endlose Waldwege heraus. Das Pferd vor ihr hat nicht viel Aufhebens um das trübe Wasser in dem Schlammloch auf unserem Weg gemacht hat und ist einfach hindurch gelaufen. Chloé hingegen scheint misstrauisch. Als ob sie verborgene Untiefen nicht einschätzen kann und sich und ihre Reiterin vor Unheil bewahren will, setzt sie am Rande des Tümpels vorsichtig einen Huf vor den anderen und meidet das Wasser. Geschafft. So unterschiedlich Fabiennes Pferde in Rasse und Temperament auch sind, sie sind alle trittsicher und kennen sich bestens in dem Gelände hier aus. Ein für diese Region typisches Pferd ist der Comtois, der schon im Mittelalter als Schlachtross oder für Turniere eingesetzt wurde. Die Rasse mit einer hellen und wallenden Mähne soll besonders draufgängerisch und furchtlos. Doch mir ist die Vorsicht meiner Braunen bei gleichzeitig weiblicher Zurückhaltung schon ganz recht.

Die braunweißen Montbéliard-Kühe geben die Milch für den Comté

Eifrig wie eine Gämse klettert Chloé jetzt über steiniges Geröll einen Hang hinauf. „Immer schön nach vorne beugen“, meldet sich Fabienne hinter uns mal wieder zu Wort. „Damit macht ihr es den Pferden einfacher, wenn es so steil ist “. Oben angekommen, schweift der Blick über ein kleines Tal. Neben uns mampfen auf einer Weide braun-weiß-gefleckte Kühe das letzte Grün des Spätsommers. Eine nach der anderen hebt jetzt beim Anblick der vor Anstrengung schwer atmenden Pferde den Kopf. Die Milchkuh-Rasse Montbéliard gibt es seit über hundert Jahren in dieser Gegend. Ihre Milchleistung ist nicht nur um etwa 500 Liter höher als bei anderen Rassen, sondern auch von besonderer Qualität. Die Braunweißen mit den typischen weißen Köpfen ernähren sich ausschließlich von saftigen Gräsern und Kräutern der Jura-Wiesen. Im Winter steht Heu auf ihrem Speiseplan. Silage oder fermentierte Nahrung sind ein absolutes Tabu. Je nach Jahreszeit geben die verschiedenen Aromen der Futterplanzen oder des Heus der Kuhmilch ihre Noten. Deshalb schmeckt der Rohmilchkäse, nach der Region  Comté genannt, auch völlig unterschiedlich.

Nach dem Ausritt gibt es Käse, Brot und Wein

„Der  Comté aus Frühlingsmilch schmeckt mild und fruchtig, der aus dem Sommer intensiver und kräftiger“, weiß Fabienne zu berichten, die sich ganz offensichtlich nicht nur mit Pferden bestens auskennt, sondern auch mit deren milchgebenden Kollegen. Der Übergang von der vollen Blüte zur verdorrten Pflanze lässt den Comté im Herbst nussig schmecken, der im Winter dagegen geht in Richtung herzhaft. Ein wundervolles Thema, das wir nach dem Ausritt gerne bei dem klassisch französischem Trio, nämlich einem ordentlichen Stück Käse, knackigem Weißbrot und einem schönen Glas Wein aus der Region vertiefen.

Tipps: Fabienne Stivalet bietet nicht stundenweise Ausritte (12 Euro), sondern auch Tagesritte mit Picknick ( 58 Euro) an und stellt auf Wunsch auf die persönlichen Kenntnisse und Fähigkeiten ausgerichtete Wanderritte entlang des Grande Traversée du Jura mit Unterkunft und Verpflegung zusammen. 

Relais equestre les Seignes 25790 Les Gras www.relaisequestrelesseignes.com

Weitere Infos zur Franche-Comté: www.franche-comté.org

Von Solveig Grewe

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