Weihnachtsbaum für den Papst

Das Auto quält sich durch den Nebel die schmale Bergstraße von Brixen nach Lüsen hoch. Schließlich taucht der Kirchturm auf – und versinkt sofort wieder im feuchten Dunst. Kurz bevor das Tal in einer Sackgasse endet, trifft man am Wegesrand auf den Stolz Südtirols: einen abgesägten Baumstumpf. Um die Rinde hat sich ein Mantel aus Schnee gelegt.

Noch fehlt eine Informationstafel, die den Rest der ehemals 34 Meter hohen Fichte als Denkmal ausweist. Im letzten Jahr hat Inhaber Martin Ragginer sie als Weihnachtsbaum für den Papst gespendet. Zwanzig Männer brauchten zwei Stunden nur um die Äste auf dem Schwertransporter am Stamm festzubinden. Die Fahrt nach Rom dauerte vier Tage. „Mein Vater hatte zu Lebzeiten schon oft Kaufangebote für den Baum bekommen, ihn aber nie hergegeben“, sagt der 30-jährige Martin. „Er hatte wohl gespürt, dass er für etwas Höheres vorgesehen ist“. Schließlich schaffen es nicht viele Bäume nach Rom auf den Petersplatz. Der Auserwählte muss mindestens 30 Meter hoch sein, gleichmäßig gewachsen und an einer Straße stehen, damit man ihn gut abtransportieren kann.

Das Lüsnertal ist eine waldreiche Region. An den Hängen drängen sich Tannen, Lärchen und Zirbelkiefern mit dicken Stämmen. Es duftet nach Harz und Holz. Das Tal liegt abseits vom Trubel der großen Skipisten zwischen Peitlerkofel und Eissacktal. Auf einsamen Pfaden wandert man durch den Tiefschnee hinauf auf die 1800 Meter hoch gelegene Lüsner Alm. Die Hügel sind nur mäßig steil und perfekt zum Langlaufen, Schneeschuh- oder Winterwandern.

Hoch oben meckert der Zirbengratsch

Der Schnee knirscht unter den Schuhen, irgendwo in den Wipfeln meckert ein Tannenhäher, den man hier ‚Zirbengratsch’ nennt. Und plötzlich reißt die Sonne ein Loch in die Wolken und gibt den Blick auf die grandiose Bergkulisse der Dolomiten frei. Gegen die scharfkantigen Felsen mutet die Lüsner Alm geradezu lieblich an. Sie ist die längste Alm und die Wiege des Schneeschuhwanderns in Südtirol. Schon im Jahr 1994 hat der Lüsner Franz Hinteregger die ersten Individualgäste im Winter herauf geführt. Unterwegs locken gemütliche Gasthöfe zur Einkehr.

Martin Ragginer wurde zum Dank für seine Spende nach Rom eingeladen. Die Begegnung war für ihn ein Ereignis, das er nie vergessen wird. „Als der Papst den Saal betrat, war es so still, man hätte eine Tannennadel fallen hören können“, erzählt er. Seinen Baum hat Martin allerdings kaum wieder erkannt. Ein Meer aus zweitausend Lichtern funkelte auf den Ästen.

Von Monika Hippe

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