Die Halbinsel Lista in Südnorwegen ist eine Schatztruhe, die geöffnet werden will

Die weißen Dörfer der Piraten

Zwischen Felsen und Meer: Der zauberhafte Ort Loshavn liegt südlich von Farsund. Vieler der Fischerhäuschen werden an Urlauber vermietet.

Vor dem Café am Hafen sitzen windgegerbte Fischer in Anorak und Wollmütze. Sie rauchen schweigend, ihre Augen aber suchen ruhelos den Horizont ab. Sie beobachten die Wolken, die Strömung und die Farbe des Meeres.

Von hier hat man einen herrlichen Blick über den Schärengarten, der im goldenen Herbstlicht leuchtet. Unzählige kleine Inseln tummeln sich vor der Küste. Die Holzhäuser der „weißen Stadt“, wie Farsund genannt wird, lehnen sich eng an die Felsen. Der Ort muss einmal wohlhabend gewesen sein. Davon zeugen die großen Kaufmannshäuser mit ihren Türmchen und Erkern und das weitläufige Rathaus mit den großen Sprossenfenstern.

Tratsch und Informationen

„Der Hafen ist immer noch das Herz von Farsund“, erklärt die Buchhändlerin mit dem wippenden Pferdeschwanz und dem gewinnenden Lächeln. Bei ihr erhält man Lesestoff für die langen Abende, Wanderkarten für die Erkundung der Gegend sowie den neuesten Tratsch und Informationen aus der Gegend. „Die Fischindustrie ist längst den Bach runter. Jetzt kommt das Geld von den Urlaubern, den Freizeitkapitänen und vor allem von den Anglern. Die wollen einmal im Leben ein richtiges Hochseefeeling haben, mieten sich ein Boot, fahren aufs Meer, halten die Angel raus, trinken Schnaps und fühlen sich wie Hemingway!“

Das Angeln scheint in Südnorwegen eine Hauptbeschäftigung zu sein, nicht nur für Touristen, sondern auch für die Einheimischen. Wo immer ein Bach oder ein kleiner See zu finden ist, trifft man mit Sicherheit auf einen Angler.

Eine kleine Welt für sich

Einer der schönsten Orte dafür ist Lomesand, ein echter Geheimtipp. Die Halbinsel ist nur wenige Kilometer von Farsund entfernt, aber eine kleine Welt für sich. Heidekraut und Seegras klammern sich im Kampf gegen den Westwind im Boden fest, Wildrosen wuchern die Sandwege zu. Die Wellen haben im Lauf der Jahrhunderte die roten Felsen glatt geschliffen, die nun einen idealen Hochsitz für die Fischer bilden.

Auf der Halbinsel Lomesand findet jeder eine Nische, von der er ungestört seine Angelrute auswerfen kann. Zu hören ist lediglich das Rauschen des Meeres, der Wind und das Knirschen der Muscheln unter den Füßen.

Vom Hügelzug am Ende des Strandes hat man eine herrliche Aussicht über den ganzen Skagerrak. Der Abstieg zum Ufer endet in Loshavn, einer verschwiegenen kleinen Siedlung aus weiß und rot gestrichenen Seemannshäusern. Die Messingklinken an den Türen sind wie Fische geformt und funkeln in der Sonne, die Türglocken haben als Klöppel ein geknotetes Tau. Reusen liegen im klaren Wasser, eine alte Frau im schwarzen Witwenrock kniet am Ufer und hält einen Fisch am Schwanz hoch. Auch Loshavn war einst ein Seeräubernest, von dem aus die armen Fischer auf Kaperfahrt gingen. Mit offizieller Erlaubnis brachten sie napoleonische Handelsschiffe auf und zogen sich dann in die unauffindbare Sicherheit der verwinkelten Schären zurück. Heute ist es ruhig hier, man könnte meinen, man sei in eine verlassene Filmkulisse geraten. Kein Auto fährt, kein Schiffshorn dröhnt, nur Rauch steigt aus den Schorn-steinen auf. Das Licht und das Meer haben sich hier vereint.

Von Martin Glauert

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