Wenn die Hudson Bay im Nordosten Manitobas zufriert, beginnt die Robbenjagdsaison der Eisbären

Die weißen Riesen von Churchill

Bärenhunger: Ein Einzelgänger kommt nah an den Polar Rover heran – und gähnt gelangweilt, weil es dort nichts zu fressen gibt.

Gleich hinter Winnipeg beginnt der Norden. Je weiter man in Kanadas östlichster Prärieprovinz Manitoba Richtung Arktis vordringt, umso karger wird die Landschaft. Knapp drei Stunden dauert der Flug – der schnellste Weg nach Churchill an der Hudson Bay. Keine Straße führt dorthin. Der Zug braucht anderthalb Tage.

„Wo wollt ihr denn hin?“ fragt Steve Clubb, als er die dick verpackten Ankömmlinge begrüßt. Die meisten hatten sich auf stärkere Kälte eingestellt. „30 Grad unter Null wären jetzt normal. Minus vier ist viel zu warm für Ende Oktober“, sagt der 63-Jährige. Steve Clubb ist in der arktischen Natur zu Hause. Seit 23 Jahren führt er Reisegruppen durch die Tundra Kanadas.

„Die Eisbären kriegen Magenknurren von den milden Temperaturen“, sagt Steve. „Erst wenn es kalt genug ist und die Hudson Bay zufriert, beginnt für sie die Robbenjagdsaison.“ Normalerweise vertreibt das brechende Eis im Juli die Bären vom Meer. Oft lange schwimmend, kehren sie an die Küste zurück. Zwischen Cape Tatnam nahe der Grenze zu Ontario und Churchill wandern sie landeinwärts.

Auf jeden Einwohner ein Bär

Der Helikopter dreht. Der blaue Horizont steht schief, spiegelt sich in zugefrorenen, endlos vielen kleinen Wasserflächen. Vorbei am Chistmas Lake geht es zurück zur Bucht. Am Halfway Point sitzt der erste Eisbär. Er gräbt nach Fressbarem oder scharrt sich einen windgeschützten Schlafplatz. Er ist einer von 950 Tieren, die an der westlichen Hudson Bay zu Hause sind – unwesentlich mehr, als Churchill Einwohner zählt. In den 1940er- und 1950er-Jahren war der Ort ein US-Militär-Stützpunkt. Die Hangare aus dieser Zeit dienen heute zivilen Zwecken, unter anderem als Gefängnis für allzu unscheue Eisbären.

„Wer der Stadt zu nah kommt, wird bis zum Abtransport per Helikopter mit Knast bestraft“, sagt Steve. Oft genügen jedoch ein paar Schreckschüsse. „Die Bären mögen den Krach nicht und verziehen sich in Richtung Wasser. Vier Fahrzeuge mit bewaffneten Leuten sind ständig unterwegs in und um Churchill“, erklärt Steve.

Etwas Ernsthaftes sei selten passiert, die letzte tödliche Attacke auf einen Menschen gab es in den 70er-Jahren. „Schuld war der pure Leichtsinn“, sagt Steve. „Viele Leute finden die Bären niedlich, wollen sie am liebsten streicheln, bedenken aber nicht, dass es sich um gefährliche Raubtiere handelt.“

Hier gibt’s keine Straßen

Weiter nordöstlich hält der Jeep vor dem Hangar von „Great White Bear“. Das Unternehmen bietet Touren in seinen Polar Rovers – 15 Tonnen schwere Vehikel mit bis zu 40 Sitzplätzen und Riesenrädern.

Fahrer Bill kennt den Weg, auch wenn es in der Tundra keine Straßen gibt. Über Bird Cove, eine felsige Landnase, geht es zur Great White Bear Lodge. Der erste Eisbär an diesem Morgen liegt in Steinwurfweite zwischen Büschen auf dem Rücken und streckt alle Viere in die Luft. Am Gordon Point kommt ein anderer bis auf Tuchfühlung heran und läuft eine Ehrenrunde für die Kameras. Dutzende Begegnungen folgen.

Ein begehrtes Bildmotiv ist ein Brunch mit frischem Robbenfleisch, bei dem sich vier erwachsene Bären nun beobachten lassen. Ganz rosa gefleckt sind sie vom Blut, wie man durchs Fernglas sieht. Nichts für schwache menschliche Nerven, doch gut für leere Bärenbäuche. Endlich ist es kalt genug.

Von Carsten Heinke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.