25 Jahre Nationalpark niedersächsisches Wattenmeer – eine Wattwanderung zeigt seine schönsten Seiten

Weite Sicht und schmutzige Füße

Naturerlebnis: Im Watt scheinen Himmel, Land und Meer nahtlos ineinander überzugehen. Und die Füße werden derweil vom Schlick sanft gepeelt. Fotos: Scherf

Es kribbelt ein bisschen, wenn man knietief im Schlick steckt und ahnt, dass ganz in der Nähe tausende Würmer, Krabben und Krebse unterwegs sind. „Unser Dschungelcamp“, sagt der Wattführer und pult mit seiner Schaufel zum Beweis immer wieder Tierchen aus Schlamm und Sand. Am liebsten extra lange Wattwürmer, denn dann geht ein Raunen durch die Gruppe.

„Huhu, Wattwurm!“, rufen die Kinder und der Wattführer beschreibt den Alltag des „Königs des Nordseebodens“.Zum Beispiel, dass er in einer u-förmigen Röhre wohnt und Sand frisst, um nahrhafte Partikel wie Algenstückchen zu entnehmen. „Arenicola marina“, so der wissenschaftliche Name des Wurms, ist leicht zu orten an den Häufchen, die wie winzige Spaghetti-Portionen aussehen und entstehen, wenn er rückwärts an ein Röhrenende kriecht und Kotschnüre ausscheidet.

Die Luft riecht nach Tang

Die Wandergruppe stapft Richtung Horizont in eine Weite, die schier endlos wirkt mit ihren fließenden Übergängen zwischen Wasser, Land und dem Himmel, der in Pfützen reflektiert wird. Möwen schreien, bei jedem Schritt schmatzt der kühle Matsch an den nackten Füßen, die Luft riecht nach Tang und schmeckt nach Salz.

Faszination Watt, Heimat von 10 000 Arten und Rastplatz für zig Millionen Vögel. Um das hochsensible Biotop zu schützen, wurde vor 25 Jahren der Nationalpark niedersächsisches Wattenmeer gegründet. Für viele Einheimische zwischen der niederländischen Grenze und der Elbmündung bei Cuxhaven war der Nationalpark anfangs ein rotes Tuch. Sie befürchteten zu viele Einschränkungen – Schluss mit Wasserski, Butterfahrten, Herzmuschelfischerei und Jagd auf Wasservögel.

Mittlerweile ist das Wattenmeer so vielfältig ausgezeichnet und geschützt wie wohl kein anderes Stück Natur in Europa. Die Region an der Nordseeküste ist nicht nur Nationalpark, sondern auch EU-Vogelschutzgebiet, Feuchtgebiet internationaler Bedeutung, FFH-Gebiet (nach der Flora-Fauna-Habitatrichtlinie), Biosphärenreservat und Weltnaturerbe. Das Ablassen von Dünnsäure, Klärschlamm, Müll und anderen Schadstoffen konnte durch die entsprechenden Naturschutzgesetze weitgehend gestoppt werden.

„Watt entsteht, wo flach auslaufender Meeresboden das Wasser bremst und sich Sand und Schlick absetzen.“

Der Wattführer

Dass der hohe Schutzstatus Touristen anlockt und damit der profitabelste Weg für die Region ist, haben die meisten Anwohner erkannt. Seit der Ernennung zur grenzüberschreitenden Weltnaturerbestätte durch die Unesco im Juni 2009 kommen auch immer mehr Gäste aus dem Ausland. Die Umweltschutzorganisation WWF fordert nun zusätzliche Ranger, um die Einhaltung der Richtlinien ausreichend zu kontrollieren. Aktuell ist außerdem der zunehmende Wasserverbrauch auf den Inseln problematisch, der zur Austrocknung vieler Dünengebiete führt. Langfristig ist allerdings der Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel die größte Gefahr für die Wattenmeer-Region.

„Wann kommt die Flut?“ Diese Frage war schon immer lebenswichtig im Watt, um rechtzeitig ans Land zurückzu-kehren. Zweimal täglich strömt Wasser von der offenen Nordsee auf die Wattflächen und fließt langsam wieder ab. „Watt entsteht“, erklärt der Wattführer, „wo flach auslaufender Meeresboden das Wasser bremst und sich Sand und Schlick absetzen. Schwach überströmtes Watt ist schlickig, mehr dem Wasser ausgesetztes ist sandig und mit den typischen Strömungsrippeln strukturiert“. Und dann mahnt er zur Eile: „Jetzt aber schnell zurück, sonst schnappt uns die Flut“.

Von Dietmar Scherf

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