Der älteste Palio Italiens findet jedes Jahr im Mai in Ferrara statt

Wenn die Esel streiken

Über die Richtung wird noch diskutiert: Sehr zur Freude der Zuschauer haben die Jockeys beim Eselrennen alle Mühe, von ihren Reittieren den nötigen Siegeswillen einzufordern. Foto: Traub

Palio, ist das nicht das Pferderennen in Siena? Richtig. Aber in Ferrara findet der älteste dieser historischen Wettkämpfe in Italien statt. Seine Wurzeln liegen im Jahr 1259. Das Fürstengeschlecht der Este, in der Renaissance eine der einflussreichsten Familien Italiens, machte den Palio zu dem, was er noch heute ist – mehr als nur ein Pferderennen.

Der ganze Mai steht mit Veranstaltungen und Festen im Zeichen des Palios. Richtig los geht es aber am Vorabend des Wettkampfes. Dann wird in den Stadtteilen, die die Mannschaften stellen, bis tief in die Nacht gefeiert. Die Aktiven werden vorgestellt und Schlachtengesänge angestimmt.

Ferrara, das die Unesco schon seit dem Jahr 1995 als beispielhafte Stadt der Renaissance zum Weltkulturerbe zählt, konnte die leichten Erdbebenschäden aus dem letzten Jahr schnell beseitigen.

Am Wettkampftag ist das historische Zentrum Treffpunkt der Abordnungen der acht Stadtteile. Der Festzug nimmt Aufstellung im Castello Estense. Begleitet werden die farbenfrohen Gruppen von Rittern und Hofdamen, Fahnenschwingern und Musikern. Schaulustige, von denen viele Tücher in den Farben ihres Stadtviertels tragen, verfolgen die Parade. Über eine breite Prachtstraße erreicht der Zug die Piazza Ariostea.

Auf dem historischen Platz befindet sich das sandige, 333 Meter runde Oval, in dem der Palio stattfindet. Auf einem Podest in der Mitte der Arena thronen die Vertreter der Oberschicht im festlichen Ornat. Die Zuschauertribünen sind fest in der Hand der Fangruppen. Vier Palii, aufwändig ornamentierte, fahnenähnliche Stoffbilder für die Sieger, die dem Wettkampf seinen Namen gegeben haben, werden präsentiert. Und dann ertönen auch schon die Fanfaren für das erste Rennen. In zwei Rennen laufen erst Jungen dann Mädchen um die Wette.

Die Esel machen ihrem Ruf alle Ehre – sie sind störrisch

Danach folgt ein Höhepunkt: das Esel-Rennen. Es dauert etwas, bis sich die störrischen Vierbeiner damit arrangiert haben, einen Jockey durch die Arena tragen zu müssen. Auch die richtige Richtung einzuschlagen, bereitet Schwierigkeiten. Ein Reiter muss entnervt sein Rennen abbrechen – was ganz nach dem Geschmack der gegnerischen Fans ist.

Im Anschluss daran betreten die Jockeys und Pferde des Hauptrennens unter Begeisterungsstürmen das Oval. Die Hymnen der Viertel werden angestimmt. Die Spannung steigt. Vor dem Start ist es mucksmäuschenstill, danach will man die ohne Sattel reitenden Jockeys zum Sieg brüllen. Und schon kurz darauf ist alles vorbei, der Palio entschieden. Nur drei Runden müssen Pferde und Reiter absolvieren.

Mehr als der Sieg zählt, dass die Tradition gewinnt, heißt es. Und während der Gewinner des Palio auf den Schultern seiner Mannschaft durch die Arena getragen wird, rüsten sich die Geschlagenen zum Aufbruch. Gesungen und gefeiert wird trotzdem.

Von Ulrich Traub

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