In Island ist das ganze Jahr Badesaison – wenn man sich an die Regeln hält und den Geruch ignoriert

Wohltuendes Bad und faule Eier

Es stinkt bestialisch nach faulen Eiern, aber Hörthur atmet tief ein. Er ist Isländer und mag diesen Geruch und den Norden seines Landes, den manche Touristen, die er führt, nur mit Nasenklammer bereisen. Selbst durch die Lüftung drängt der faulige Schwefelgeruch ins Innere der Autos. Hörthur hat den Wagen vor dem Myvatn Nature Bath geparkt.

Bäder haben in der Region eine lange Tradition. Schon im 16. Jahrhundert nutzten die Isländer den Dampf, der entlang der Kraterreihe Jarthbathsólar emporsteigt und das Wasser, das aus den Poren der Erdoberfläche dringt, zur Reinigung des Körpers. Angeblich waren sie sich auch schon der Wellness-Wirkung bewusst und relaxten beim Bad rund um die Krater.

Zuerst nackt duschen

Wir passieren ein Drehkreuz, bekommen Badetuch und Schlüssel für den Spind und strikte Anweisungen von Hörthur: „Isländer duschen, bevor sie ins Wasser gehen. Und zwar nackt. Das ist auch für Ausländer Pflicht.“

Nach dem Umziehen und Duschen stehen wir bei null Grad gemeinsam am Beckenrand und blicken in das milchig-trübe Wasser, aus dem blaue und weiße Kappen ragen. Auch im Spätherbst und Winter baden die Isländer im Freien. Drei Mädchen reiben sich gegenseitig mit Schlamm ein. Die zarten Wellen wirken wie eine Streicheleinheit, weil sich das Wasser so weich anfühlt. Es sind keine Zusatzstoffe drin, dafür aber viele Mineralien, die ihm die Natur auf dem langen Weg an die Erdoberfläche mitgibt. Das Wasser soll rheumatische Krankheiten lindern und Bakterienbildung verhindern.

Vorbild für das Myvatn Nature Bath ist die Blaue Lagune, die in der Nähe der Hauptstadt Rejkjavik zum Baden einlädt. Dort setzen wir am nächsten Tag unseren spätherbstlichen Wellness-Trip fort. Sie existiert seit knapp 30 Jahren und ist der Badetempel schlechthin in Island – mit Klinik, zwei angeschlossenen Hotels, Edel-Restaurant und Einkaufsmeile. Schon nach den ersten Minuten in der türkis leuchtenden Lagune merken wir den Unterschied zum gestrigen Bad im Norden.

Gut gegen Schuppenflechte

Das Wasser ist nicht so zart auf der Haut, an manchen Stellen brennt es sogar ein wenig. „Wir baden hier im Abwasser“, sagt Hörthur. Er zeigt auf zwei Stahltürme in der Ferne, die kaum mehr zu erkennen sind. Sie gehören zu einem Geothermie-Kraftwerk. Das Salzwasser in den umliegenden Quellen erreicht 240 Grad. Wenn es im Kraftwerk nicht mehr benötigt wird, fließt es in die Lagune. Wissenschaftliche Untersuchungen haben 1982 ergeben, dass es Schuppenflechte lindern kann, und seitdem boomt die Blaue Lagune.

Isländer baden oft

Einheimsiche baden vor allem in Reykjavik. Die Haupstadt bringt es auf neun öffentliche Badeanstalten. Im Spa-Resort Laugar sind die Jacuzzis und Thermalbecken stets voll belegt – obwohl der Eintrittspreis pro Stunde oft höher liegt, als ein Ganztages-Aufenthalt in einem deutschen Erlebnisbad.

Island ist ein teures Reiseland. „Dafür bietet unsere wunderbare Natur jede Menge Gratis-Attraktionen“, sagt Hörthur. Er nimmt uns mit zum faszinierenden Wasserfall Dettifoss. Dort suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen und relaxen. „Das tut der Seele genauso gut wie ein Wellness-Tag“, sagt Hörthur und holt tief Luft. Wir können nicht so befreit durchatmen. Der faulige Geruch ist aber auch das Einzige, das bei der Winter-Wellness auf Island stört.

Von Christian Schreiber

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