Im Tiroler Stubaital kann man den indischen Übungsweg vor grandioser Naturkulisse lernen und praktizieren

Mit Yoga-Matten auf den Berg

Das Mantra des Wasserrauschens: Vor dem Grawa-Wasserfall zeigt Gotthard Obholzer (links, in Gelb-Orange) den Teilnehmern einige Asanas – so heißen die Körperhaltungen des Yoga. Fotos:  Schwarz

Und in diesem Getöse soll man seine innere Mitte finden? „Sucht euch jeder einen Platz für eure Matten“, ruft Yogalehrer Gotthard Obholzer gegen das Brausen des Wasserfalls an. Leichter gesagt als getan: Die Tiroler Kühe, die im nahen Unterholz bimmeln, haben überall ihre Hinterlassenschaften verteilt. Feuchtes Gras kitzelt die nackten Füße, bis sich die zwei Dutzend Touristen schließlich auf der Lichtung arrangiert haben und unter Obholzers Anleitung ihrem Atem nachspüren: „Lasst die Energie in euch hineinfließen.“

Da ist es wieder, dieses Bergsommergefühl aus der Kindheit. Der Duft nach Kräutern, Kuhdung und trockenem Nadelholz, die Sonnenstrahlen auf geschlossenen Augenlidern, die Vogelstimmen und das ewiggleiche Geräusch des stürzenden Wassers. Für Obholzer hat dieses Brausen eine meditative Seite, er erkennt darin den universalen Urklang Om und ermutigt seine Zuhörer, diese heilige Silbe der Hindus und Buddhisten mitzusingen. Auch die Yoga-Neulinge in der Gruppe stimmen ein, nachdem sie sich zuvor bei Körperübungen wie Kobra, Hund und Sonnengruß ein wenig an die alte indische Lebenslehre herangetastet haben.

Niedrigschwelliger Einstieg

Die Natur der Alpen eignet sich bestens für solche niedrigschwelligen Einstiege ins Yoga. Auf stillen Berggipfeln, vor grandiosem Gletscherpanorama oder bei einer Wasserfall-Wanderung finden Körper, Geist und Seele einfach nachhaltiger zueinander als in einem schmucklosen Seminarraum. Die Touristiker im Tiroler Stubaital haben dies erkannt und bieten mehrtägige Yoga-Erfahrungen an alpinen „Kraftplätzen“ an.

Dazu gehört auch der Stubaier Gletscher, der pro Saison von einer Million Wintersporttouristen frequentiert wird. Im Sommer, wenn der Ski-Trubel kurz pausiert, lädt die Welt des ewigen Schnees auf 3200 Höhenmetern zu spirituellen Erfahrungen ein. „Hier oben sind Sonne und Wind immer extrem; man spürt diese urigen, archaischen Energien“, sagt die bergbegeisterte Yogalehrerin Simone Hensel, die jedes Jahr extra aus Heidelberg anreist, um auf dem Gletscher Kurse zu geben.

Yogi-Suppe statt Knödel

In einem kerzenbeleuchteten Raum der Gipfelstation leitet sie mit sanfter Stimme ihre Gruppe dazu an, sich meditierend mit den Bergriesen ringsherum zu verbinden: „Stellt euch vor, ihr wärt selbst ein Berg…“ Mancher tiefenentspannte Teilnehmer muss nach dieser Erfahrung behutsam geweckt werden und strebt dann mit geschnürten Wanderschuhen zum Eisgrat-Restaurant, wo er Wiener Schnitzel und Kaspressknödel tapfer vermeidet und sich korrekterweise eine vegetarische Yogi-Suppe aufschöpfen lässt.

Sportlich geht es anderntags in der Bergstation Kreuzjoch nahe Fulpmes zu: Gar nicht so einfach, mit der rechten Hand über die Schulter hinweg das linke Fußgelenk zu fassen, wie es Sherry Kranebitter vormacht. Gekicher und leichtes Ächzen dringen aus der Runde. „Habt ihr alle Spaß?“, fragt die gebürtige Kanadierin, die vor vier Jahren im Tal heimisch geworden ist und nach eigenem Bekunden die Yogastile Vinyasa Flow und Iyengar unterrichtet. Die versierteren Yogi nicken wissend, die Neulinge gewöhnen sich allmählich an das Fachchinesisch. Die Kursleiter verstehen sich darauf, beiden Interessengruppen gleichermaßen etwas anzubieten.

Spaß haben auf jeden Fall Sandra, Sabrina und Petra aus Thüringen, die sich als komplette Anfängerinnen spontan ins Yoga-Vergnügen gestürzt haben. Nach zwei Kurstagen haben Seelen, Sehnen und Gelenke offenbar gleichermaßen profitiert. „Hinterher fühlt man sich so“, sagt Sabrina und zeigt zur Veranschaulichung ihr strahlendstes Lächeln.

Gelacht wird auch viel auf der nahen Aussichtsplattform Stubai-Blick: Es erinnert ein wenig an die Schiffsbug-Szene im Film „Titanic“, wie sich die Yoga-Begeisterten mit flugzeuggleich abgespreizten Gliedmaßen beinahe frei über dem Abgrund schwebend der Alpennatur entgegen recken. „Versucht jetzt, die Fingerspitzen zur Erde zu bringen“, sagt Kursleiterin Sherry. Ein wenig mehr Erdung für den Alltag hat die alpine Yoga-Erfahrung am Ende allen gebracht.

Von Axel Schwarz

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