Entdeckungen in der Goldschlägerstadt Schwabach

Zwei goldene Dachl

Konkurrenz für Innsbruck: Golddach auf einem Türmchen des Fachwerk-Rathauses aus der Renaissance. Fotos: Traub

Was die können, das können wir schon lange. Das müssen sich die Schwabacher gedacht haben, als sie sich gleich zwei goldene Dachl zulegten – was in der fränkischen Stadt ungleich mehr Berechtigung hat als in Innsbruck. Schließlich ist Schwabach das weltweit bekannte Zentrum der Blattgoldherstellung.

Eigentlich muss man sich darüber wundern, dass die beiden Dächer des Schwabacher Rathauses aus der Renaissance erst im Jahr 2001 ihre Goldauflage erhielten. „Blattgold wird bei uns schon seit über 500 Jahren geschlagen“, weiß Herbert Vestner. Der Ruheständler war selbst lange Jahre als Goldschläger tätig. Heute liegt sein Arbeitsplatz im Museum. In der komplett eingerichteten Schauwerkstatt erzählt er vom mittlerweile fast ausgestorbenen Handwerk des Blattgoldschlagens und demonstriert die entscheidenden Schritte.

Mit sechs unterschiedlich schweren Hämmern schlägt Vestner auf ein kleines Lederpäckchen, in dem das dünn gewalzte Blattgold liegt. Der Hammer wechselt von der einen Hand in die andere, sodass die Belastung gleich verteilt ist, während Vestner mit der freien Hand das Päckchen mit den Goldblättchen dreht und wendet.

„Genau 6836 Schläge sind nötig, um das Gold so dünn wie möglich zu bekommen.“ Das heißt maximal bis zu einem zwölftausendstel Millimeter dünn, wofür man etwa sechs Stunden braucht. „Das Schlagen wird heute fast ausschließlich von Maschinen ausgeführt“, erklärt Vestner. „Aber alle anderen Arbeitsvorgänge der Blattgoldproduktion haben sich über die Jahrhunderte kaum verändert“, so der frühere Goldschläger. Er selbst habe zum Beispiel Gold geschlagen, das heute noch die Kuppel des Pariser Invalidendoms schmücke. „14 Kilo mussten dafür geschmolzen werden“, erinnert sich Vest-ner.

Die goldenen Dächer des Schwabacher Rathauses sind als Symbol für ein uraltes Handwerk zu betrachten. In der Stadt bemüht man sich, das edle Material als goldenen Faden der eigenen Geschichte sichtbar zu machen. Beim Besuch der Stadtkirche kann man einen Hauptverwen-dungszweck von Blattgold entdecken: die sakrale Kunst. Auch in den Auslagen der Geschäfte und auf dem Weihnachtsmarkt auf dem heimeligen Königsplatz der Fach-werkstadt spielt Gold eine tragende Rolle. Dort wird etwa Schwabacher Goldwasser angeboten und an den Ständen lässt man sich Glühwein mit einer Blattgoldauflage schmecken.

Am Königsplatz mit seinen schmucken Fassaden liegt der historische Gasthof „Goldener Stern“. Dort empfängt Dieter Trutschel seine Gäste. „Schon als Junge habe ich den Blattgoldschlägern gerne bei der Arbeit zugesehen“, erinnert sich der Schwabacher. Klar, dass er Blattgold in seiner Küche verwenden wollte. Aber eine Enttäuschung hält er auch bereit. Es sei ein reiner Blickfang, den Geschmack verändere Blattgold nämlich nicht.

Wie schrieb doch Goethe einst, der übrigens auch Schwabach besuchte: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!“. Zumindest in dem fränkischen Städtchen.

Von Ulrich Traub

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