Noch bis zum 19. August dauert die „Reise nach Nantes“ – Aber auch danach lohnt sich ein Besuch

Zwischen Karussell und Parcours

Die Attraktion in Nantes: Der Ritt auf dem breiten Holzrücken eines zwölf Meter hohen Elefanten ist ein Riesenspaß.

Eigentlich hatte er kurz nach den Wahlen andere Sorgen als die, womit sein Crêpe gefüllt ist. Aber Jean-Marc Ayrault, Frankreichs neuer Premierminister, lässt sich zum Auftakt des Kunst-Festivals „Voyage à Nantes“ von der guten Laune in der größten Crèperie der Welt anstecken. Die heißt „Crepetown“, ist ein ehemaliges Fabrikgebäude und liegt auf der Ile de Nantes, jener Stadt, deren Bürgermeister Ayrault bisher war.

Gymnastik für die Augen

Die beiden Damen Nantes und Loire, allegorische Figuren des Brunnens auf der Place Royale, reisen nicht mit. Man hat ihnen einen giftgrünen Kletterberg übergestülpt. Action ist hier ebenso gefragt wie auf den Spielplätzen, wo die neuen Spiele Bana- und Nimbyball für Stimmung sorgen. Meist aber reicht Augengymnastik. Schwebt da eine Hauswand über der Straße? Und was macht das Riesennest im winzigen Gässchen? Im 140 Meter hohen Turm de Bretagne sitzt man selbst im Nest: „Le Nid“ ist die angesagte Bar. Der Rundblick ist sagenhaft, die Eigelb-Hocker witzig, der Kir preiswert.

Parallel zur „Voyage“ ist in diesem Sommer – zum letzten Mal nach 2007 und 2009 – die Open-Air-Biennale „Estuaire“ komplett zu sehen. Estuaire heißt Mündung, und genau dorthin lassen wir uns auf der „Chevalier Arlequin“ über die Loire treiben, vorbei an Merkwürdigkeiten wie einem halb versunkenen Haus. Poetisch. So wie das Boot des Österreichers Erwin Wurm: Es hing schon in Wien herum und in Emden, nun hier, abgeschlafft vom Dienst auf dem Wasser, denn, so sagt der Künstler, „auch Objekte haben eine Seele“. Oder ein praktisches Innenleben: Die „Villa Cheminée“, eine Installation auf einem alten Fabrikschornstein, kann man mieten.

Fantasiewellen reiten

„Alles, was ein Mensch sich vorzustellen vermag, werden andere Menschen verwirklichen können“: Jules Verne, 1828 in Nantes geboren, sprach’s – und wäre insofern nicht erstaunt über Riesenkrabben, fliegende Fische oder Poseidons Pferdekutsche. Er hatte sie womöglich zwanzigtausend Meilen unter dem Meer schon gesehen. Umgesetzt hat diese Visionen das Künstlerteam Delarozière und Orefice. Auf ihren mechanischen Fabelwesen kann man in der Ausstellung „Machine de L’île“ reiten und ab 15. Juli auch auf dem Meeresgetier: Ein dreigeschossiges Karussell trägt dann Jung und Alt durch rotierende Fantasiewellen.

Da wundert man sich fast nicht mehr, wenn plötzlich ein zwölf Meter hoher Elefant am Quai auftaucht. Mit bis zu fünfzig Touristen auf dem breiten Holzrücken trottet er seit Jahren als die Attraktion durch Nantes.

Jules Verne war fünfzehn, als die Einkaufspassage Pommeraye gebaut wurde – ein ästhetisches, aber auch technisches Wunderwerk, denn es galt, fast zehn Meter Höhenunterschied zu überwinden. Die elegante Treppe spielt eine Hauptrolle, auch in den Filmen von Jacques Demy. Agnes Vardà, 84 und Lebensgefährtin des Regisseurs, würdigt ihn in diesem Jahr mit einer Installation am Originalschauplatz.

Übrigens: Wir vermuten, dass Monsieur Ayrault zu seinem Crêpe am liebstem Karamellbutter isst – mit dem feinen Salzgeschmack des nahen Atlantiks.

Von Cornelia Raupach

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