Zwischen Kitsch und Pop

Das südenglische Brighton zeigt sich trendy

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Die Seele baumeln lassen: Das überraschend blaue Wasser des Ärmelkanals wirkt auf die Badegäste wie ein Magnet.

Ein Wochenende, um bei einer frischen Meerbrise die Seele baumeln zu lassen, in flippigen Boutiquen zu stöbern und bei Lifemusik und Biergärten den Sommer mal so richtig zu genießen? Da fallen einem sicher viele andere Orte ein als ausgerechnet Brighton.

Zwischen Kitsch und Pop

Doch die südenglische Stadt am Ärmelkanal bietet viel mehr als trockene Sprachkurse und zeigt sich überraschend trendy. Ein amüsiertes Lächeln umspielt die Züge des Paketboten, als er sich im „Metrodeco“ seinen Weg zwischen den eng gestellten Tischchen hindurch zur Theke bahnt. Der französische The-Salon im Art- Deco-Stil ist gerade eine der angesagten Adressen im südenglischen Brighton und rappelvoll.

Jetzt am frühen Samstagnachmittag ist es ausnahmslos weibliches Publikum zwischen 16 und 20, das in einer alles einnehmenden Lautstärke schnattert und kichert. Man sitzt in rosa Samt und Leopardenplüsch vor dünnwandigen Nippestässchen mit Goldrand und Tellern, deren Dekor sich unter den üppig belegten Sandwichs kaum noch auszumachen lässt. Auf jedem Tisch steht eine Etagere mit einem Gebäck namens Scones, das aufgeschnitten und dick mit Clotted Cream, einer Art Streichrahm und Konfitüre bestrichen wird. Auch den liebevoll dekorierten Törtchen widmen sich die Damen gerne, wenn es eine Gesprächspause zulässt und offensichtlich auch, ohne einen Gedanken an Kalorien oder eine Waage zu verschwenden.

Beliebte Stadt für Schwule und Lesben

Am heutigen heißesten Tag des Jahres trägt fast jeder in Großbritanniens bekanntestem Seebad so wenig wie möglich. Hier drinnen sind es zur TeaTime, zu der sich die Briten bekanntlich gerne schwarzen, grünen, weißen oder Rooibostee servieren lassen, überwiegend duftige Sommerkleider, die den Blick auf viel Haut zulassen. Draußen auf der Upper St. James`s Street zeigen auch zwei eng umschlungene Männer unter ihren knappen T-Shirts viel von ihren muskulösen und tätowierten Körpern. In Brighton hat der Hang zum eigenen Geschlecht Tradition.

Brighton und Hove, so heißt der aus den beiden Stadtteilen zusammengewachsene Ort offiziell, hat unter den rund 160 000 Einwohnern den statistisch höchsten Anteil an schwul-lesbisch lebenden Paaren in Großbritannien. In Kemp Town prägen sie ein ganzes Stadtviertel. Beinahe jedes der vielen kleinen Boutique-Hotels wird von einem homosexuellen Paar betrieben wie auch das New Steine Hotel, nur ein paar Schritte vom Meer, der endlosen Strandpromenade und dem Brighton Pier entfernt.

Überraschend blaues Wasser

Der Kieselstrand und das überraschend blaue Wasser des Ärmelkanals wirken auf die überwiegend noch weißhäutigen Badegäste wie Magneten. Zum Teil in Schlappen und nur mit einem Handtuch bekleidet, flanieren sie nach einem erfrischenden Bad den Brighton Pier entlang. Mehr als einen Kilometer ragt das Bauwerk, das noch aus der Regierungszeit der Queen Victoria stammt, ins Meer hinaus und bietet Kurzweil aller Art.

Die hölzernen Planken vibrieren unter dem Rhythmus der Karussells und der Achterbahn, die ihre kreischende Fracht hoch in die herrlich warme und salzig schmeckende Luft entführt. Wegen der sommerlichen Hitze stehen die Türen des Spielcasinos weit auf, immer wieder belohnen einarmigen Banditen den Einsatz mit klingender Münze. Ein junger Mann tanzt in einem weißen Damenkleid zu Gangnam Style, grölend beklatscht von seinen offensichtlich nicht mehr ganz so nüchternen Freunden.

Im Hintergrund ragt ein dunkles und bedrohlich wirkende Metallgerippe aus dem Wasser. Was aussieht wie eine vergessene Filmkulisse aus Waterworld, sind die Überreste des zweiten, älteren Piers am Strand von Brighton. Er wurde im 19. Jahrhunderts für die reichen Bürger aus London gebaut, die, angezogen von der gesunden Seeluft, lieber über das Meer hinweg flanierten, als darin zu baden. Zwei Pavillons für Konzerte und Theateraufführungen sorgten für die gepflegte Unterhaltung, bis eine Sturmflut und ein mysteriöser Brand den Pier so stark beschädigten, dass er geschlossen werden musste.

Cafés und Boutiquen im viktorianischen Stil

Gegenüber den Piers liegt die ältesten Viertel von Brigthon, die „Lanes“. Im Labyrinth der verwinkelten, engen Gassen mit ihren viktorianischen Häusern verbergen sich kleine Cafés, Boutiquen, Designerläden, Antiquitätengeschäfte und Juweliere. In der "North Laine", einem quirligen Viertel weiter nordwestlich, wird das Publikum schräger und die Läden werden immer verrückter.

 Exzentrische Modegeschäft wechseln sich ab mit Ökoshops, Kneipen mit Charity-Geschäften, in denen ehrenamtliche Verkäufer gespendete Second-Hand-Mode und allerlei Tand anbieten. Die Einnahmen kommen Kindergärten oder Tierheimen zugute. Gleich nebenan zieren das Dach des ältesten Kinos Großbritannien unübersehbar ein paar rot-weiß-bestrumpfte Cancan-Beine. Eisläden haben heute Hochkonjunktur und bei Sorten wie „Karamell mit Meersalz“, „Zitronen-Baiser-Kuchen“ oder „Rosen-Gurken-Sorbet“ fällt die Wahl scheer.

Im Schaufenster eines Schuhladens stehen unsägliche, mit Stoffpüppchen und Samtschleifen beklebte Kreationen, die angesichts ihrer zwanzig Zentimeter hohen Absätze eigentlich untragbar sein müssen. Doch die Testläufe einer rothaarigen langbeinigen Inselschönheit beweisen das Gegenteil. Die Grenzen zwischen Kitsch, Pop und Pomp sind fließend. Das gilt auch für den Royal Pavillon, einer Art Lustschloss, das der spätere König Georg IV Anfang des neunzehnten Jahrhunderts für sich erbauen liess. Von außen erinnert es an das indische Taj Mahal, im Inneren erwartet einen ein Sammelsurium echter und gefälschter chinesischer Dekorationen. Der Blick in die riesige Küche lässt den Rückschluss auf opulente Gelage zu und dass Georg IV offensichtlich keinem leiblichen Genuss gegenüber abgeneigt war.

Die Kieselsteine am Strand geben die Hitze des Tages jetzt langsam wieder ab und laden zum Ausruhen ein. Während das Riesenrad vor der untergehenden Sonne gemächlich seine Runden dreht, wartet in der Stadt eine der mindestens 365 Kneipen Brightons. Für jeden Tag eine andere.

Reise-Informationen

Brighton Reiseziel: Nur 30 Fahrminuten von London-Gatwick entfernt liegt die pulsierende Stadt an der Südküste Englands, eingebettet zwischen dem sanften Hügelland South Downs und dem Ärmelkanal. Drei Kinos, zehn Theater, fünf Casinos, dreißig Clubs, hunderte von Pubs und Bars sowie zahlreiche Museen und weit über 50 Events und Festivals bieten Brightons Besuchern ganzjährig eine vielfältige Auswahl an Freizeitaktivitäten.

Anreise: Am einfachsten und schnellsten geht es ab dem Flughafen London-Gatwick und von dort mit Bus (www.nationalexpress.com/neh.cfm ),der alle halbe Stunde fährt. Gatwick fliegt zum Beispiel Easy-Jet ab Düsseldorf an. Auch ab Heathrow gibt es halbstündlich direkte Busverbindungen nach Brighton, die inklusive aller Zwischenstopps aber etwa zwei Stunden Reisezeit brauchen.

Unterkunft: „New Steine Hotel“. Das fünfstöckige Stadthaus im georgianischen Baustil zwischen St. James`s Street und Strandpromenade bietet stilvoll ausgestattete und gleichzeitig erschwingliche Zimmer mit Bad oder Dusche/WC, Föhn und TV. Preis: im Sommer ab 100 € für das Doppelzimmer inkl. Englischem Frühstück.

Klima: Das Klima wird durch den Golfstrom beeinflusst und ist dadurch mild, aber auch regenreich. Charakteristisch sind schnelle Wetterwechsel.

Währung: Pfund Sterling

Informationen: www.visitbrighton.com

Von Solveig Grewe

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