Abseits der Touristenpfade: In Marseille führen Einheimische als ehrenamtliche „Greeter“ durch ihre Stadt

Zwischen Orient und Okzident

Morgenland und Abendland eng beieinander: In Marseille leben zahlreiche Nationalitäten.

Anne Chabot atmet tief ein, wenn sie ihren Lieblingsladen ‚Saladin’ betritt. Schon am Eingang erwartet sie ein Feuerwerk der Gerüche. Erst schießen Zimt und Sternanis in die Nase, gefolgt von Kardamom und Koriander. Drinnen kommen andere unbekannte orientalische Gewürze dazu. Am Boden reihen sich dutzende Eimer mit Nüssen, Pistazien und Feigen. „Das beste sind die Datteln – riesengroß und sehr lecker“, sagt Anne. Sie sind so gut, dass sie an diesem Tag schon ausverkauft sind.

Seit 70 Jahren vereinen sich im Saladin nicht nur Gewürznationalitäten. Auch die Kunden kommen aus der ganzen Welt. Schließlich ist die Grande Dame Marseille die älteste Stadt in Frankreich und blickt auf 2600 Jahre Geschichte als Hafen- und Einwanderungsstadt zurück, als Scharnier zwischen Orient und Okzident. Einst von Griechen gegründet und aus 120 Dörfern zusammengewachsen, entwickelte sie sich zur zweitgrößten Stadt im Land. Noch heute hat jeder Stadtteil sein eigenes Profil.

„Marseille ist wie Paris, nur am Meer, sagen viele, aber das stimmt nicht“, meint Anne, die aus Lyon kommt. „Hier sind die Menschen viel entspannter“. Die 27-jährige mit hochgestecktem Haarschopf und sympathischem Lachen arbeitet ehrenamtlich als „Greeter“. So nennen sich die Einheimischen, die abseits der Touristenpfade Fremde durch die Stadt führen. Sie zeigen ihre Lieblingsplätze und geben Einkaufs-Tipps. Dabei setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte, je nachdem ob man sich für Mode, Fussball, Architektur, Kino oder Kulinarisches interessiert. Annes Herz schlägt besonders für das arabische Viertel.

Eine Reise durch die Kulturen

Der Weg dorthin ist eine Weltreise durch die Kulturen. Am alten Hafen herrscht europäisches Mittelmeerflair. Die Luft ist salzig und feucht. An kleinen Ständen kaufen Marseillaner fangfrischen Fisch für die heimische Bouillabaisse. Ein paar Schritte weiter steht man dann doch irgendwie mitten in Paris. Die Einkaufsstraße Canebière verquirlt Menschen und Autos zu einem geschäftigen Mix. Früher wurde hier Hanf (canebe) zur Herstellung von Schiffstauen angebaut.

Nordafrika um die Ecke

Später entwickelte sich ein prachtvoller Boulevard, der heute einem morbiden Charme gewichen ist. Unaufhörlich nagen Wind und Sonne am Putz der Häuser in Marseille und rösten die schmiedeeisernen Balkongeländer. Doch das stört hier niemanden. Schließlich beginnt an der nächsten Straßenecke schon Nordafrika. Marokkaner in bunten Gewändern hocken auf Plastikstühlen und warten auf Käufer für geschnitzte Holzfiguren. Das Tor am Porte d’Aix – dem Marseiller L’Arc de Triumphe – führt direkt in den Nahen Osten. Dort dringen die Gebetsrufe der Muslime aus einer Moschee.

Küsschen links, Küsschen rechts, begrüßt Anne auf dem Marché Noailles den Inhaber eines Teehauses. Sogleich stellt er Tisch und Stühle für ihre Gruppe mitten auf den Platz und serviert Minztee.

Am Abend ist sie gern mit Freunden im unkonventionellen Viertel Cours Julien unterwegs. Aus den Restaurants riecht es nach gegrillten Steaks, auf der Terrasse einer Kneipe spielen ein Afrikaner und ein Franzose eine Partie Backgammon und trinken dabei Bier.

Kulturhauptstadt 2013

Das Nachtleben ist weniger üppig als in Paris, doch für Kunst- und Kulturinteressierte hat die Stadt 42 Museen. Und es werden immer mehr. Denn 2013 wird Marseille Kulturhauptstadt. Am Hafen soll dafür eine ganz neue architektonische Landschaft entstehen. Über 400 Veranstaltungen wie Konzerte, Ausstellungen und Partys sind hier und in der Umgebung geplant.

Von Monika Hippe

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