„Kann Alibi werden“

Interview: Anti-Doping-Expertin kritisiert neuen Gesetzentwurf

+
Anti-Doping-Expertin Sylvia Schenk.

Kassel. Doper sollen in Zukunft strikter bestraft werden. Ihnen drohen bis zu drei Jahre Haft. So steht es in dem Entwurf zu einem Anti-Doping-Gesetz (siehe Hintergrund rechts), der heute vorgestellt wird. Wir sprachen mit der Anti-Doping-Expertin Sylvia Schenk. Sie kritisiert die Herangehensweise.

Frau Schenk, was sagen Sie zu dem neuen Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Thema Doping? 

Sylvia Schenk: Einerseits bin ich froh, wenn die ewige Diskussion, ob Doping seinen Weg in das Strafgesetzbuch finden soll, nun zu Ende ist.

Und andererseits? 

Schenk: Andererseits kann der Gesetzentwurf zum Alibi werden und lässt Fragen offen.

Wieso das? 

Schenk: Strafe droht nur Spitzensportlern beziehungsweise Kadermitgliedern, da ist schon die Abgrenzung ein Problem. Zudem wird der Eindruck vermittelt: Ihr könnt im Freizeitsport dopen, mit was ihr wollt. Nehmen wir das Beispiel des Frankfurt Marathons mit 15 000 Teilnehmern. Wie viele Hobby-Läufer haben da etwas eingenommen? Gegen die Dopingmentalität wird so nicht konsequent vorgegangen.

Also viel heiße Luft? 

Schenk: Manche meinen: Mit dem Gesetzentwurf haben wir alle Probleme gelöst. Aber so ist es eben nicht. Ein Gesetz kann lediglich als ein sinnvoller Mosaikstein dienen. Es bringt nichts, allein strafrechtliche Bestimmungen zu erlassen.

Woran hapert es noch? 

Schenk: Die Doping-Problematik hat viel mit dem gesamten Umfeld zu tun. Bei der Prävention muss wesentlich breiter angesetzt werden.

Von welchem Umfeld sprechen Sie? 

Schenk: Es geht nicht bloß um die Sportler, sondern auch um medaillenhungrige Funktionäre, willfährige Ärzte und Eltern, die für ihre sportbegabten Kinder schon Nahrungsergänzungsmittel besorgen. Ohne eindeutige Null-Toleranz-Haltung gegen Doping funktioniert Prävention nicht.

Stichwort medaillenhungrige Funktionäre: Muss sich auch in deren Denkweise etwas ändern? 

Schenk: Natürlich. Das beginnt bei offiziellen Anlässen. Wen lade ich ein? Welchen Sportler hofiere ich? Letzteres geschieht hierzulande auch immer noch mit uneinsichtigen Dopingsündern.

Klingt nach einem generellen Problem im Sport. 

Schenk: Und in der Politik und beim Publikum. Nötig sind geänderte Strukturen und die Abkehr vom Prinzip Leistung um jeden Preis.

Anti-Doping-Expertin Sylvia Schenk.

Von Matthias Hoffmann 

Zur Person

Sylvia Schenk (62) ist eine deutsche Juristin. Die gebürtige Niedersächsin war früher Mitglied beim ESV Jahn Treysa. Schenk nahm 1972 an den Olympischen Spielen in München im 800-Meter-Lauf teil. Aufgrund ihres Kampfes gegen Doping und Korruption nannte sie eine Zeitung „die Frau, die Ärger macht“. Schenk ist verheiratet und hat eine Tochter. (hof)

Hintergrund

Bis zu drei Jahre Haft gür Doper 

Heute stellen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) und Justizminister Heiko Maas (SPD) in Berlin einen Gesetzentwurf vor, der für gedopte Spitzensportler bis zu drei Jahre Haft vorsieht. Wir erklären die wichtigsten Fragen:

• Wer ist betroffen? Etwa 7000 Topathleten, die Mitglied eines Testpools des nationalen Doping-Kontrollsystems sind. Freizeitsportler sollen nicht belangt werden können.

• Wann soll das Gesetz in Kraft treten? Das Gesetz soll im Frühjahr 2015 abgesegnet werden.

• Was wird bestraft? Der Erwerb und Besitz von Dopingmitteln ohne Mengenbegrenzung soll unter Strafe gestellt werden. Das Strafmaß beträgt bis zu zwei Jahren. Gedopten Spitzensportlern droht bis zu drei Jahren Haft.

• Muss jeder Sünder ins Gefängnis? Nein. Auch Geldstrafen sind möglich. Ferner sind Schiedsvereinbarungen zwischen Verbänden und Sportlern zulässig. Die Sportgerichtsbarkeit soll nicht ersetzt werden. (dpa/hof)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.