Basketball-Finalturnier

Göttinger BG-Sieg für die Geschichtsbücher

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Karriere-Bestmarke: BG-Spielmacher Bennet Hundt (links, gegen Crailsheims DeWayne Russell) erzielte 30 Punkte.

Basketball in eigenartiger, skurriler, gespenstiger und völlig ungewohnter Atmosphäre – seit Samstag ist das für drei Wochen Realität. Die Bundesliga (BBL) richtet im Münchner Audi-Dome das Finalturnier um die Deutsche Meisterschaft aus – neben Fußball die einzige publikumswirksame Sportart, die Corona trotzt.

Für die BG Göttingen konnte der Start dabei nicht besser sein. Gegen die Merlins Crailsheim siegten die Veilchen 89:78 (51:42) und schrieben damit auch ein kleines Stück Sportgeschichte. Aber es ist eben alles anders als gewohnt. Wir waren vor Ort beim weltweit ersten Basketball-Geisterspiel – das man nicht vergessen wird.

Der Vor-Lauf

Gut 90 Minuten vor dem ersten Sprungball ist es am Eingang zur VIP-Lounge des Audi-Domes, wo sonst Uli Hoeness und Edmund Stoiber die Halle betreten, ruhig. Fünf Polizisten und ein Ordner empfangen die aufgrund des strengen Hygiene-Konzepts auserwählten wenigen Reporter und erklären, wo es lang geht. Die Lounge selbst ist unbeleuchtet, nichts zu sehen von Münchens Schickeria, alles verwaist. Vorm Presse-Counter: „Waren Sie schon Hände waschen? Nein, dann da hinten sind die Toiletten.“ Okay, wird gemacht. Dann Hände desinfizieren, schön einreiben. Sofort danach die möglicherweise höchste Akkreditierungs-Hürde: Das Fiebermessen. Puh, durchatmen – nur 35,8 Grad, 550 Kilometer mit dem ICE 533 nicht umsonst angereist. Bei 38 Grad Körpertemperatur wäre die „rote Karte“ (oder beim Basketball die „Disqualifikation“) gekommen. Rein ins FC Bayern-Domizil.

Alles ist ausgeschildert. Göttingen ist Heimmannschaft, deswegen bitte Platz nehmen auf dem „Heim-Platz“ für Reporter. Rechts daneben der „Gast-Platz“ für den Kollegen aus Crailsheim, der nun doch da sein durfte. Ursprünglich hatte die BBL nur einen lokalen Journalisten vom Heim-Team erlaubt. Auch noch da: Zwei Agentur-Kollegen von DPA und SID sowie einer vom Bayrischen Rundfunk.

Erst sitzen alle nebeneinander wie normal. Dann kommt BBL-„Hygiene-Chef“ Dr. Florian Kainzinger und wenig später auch BBL-Spielleiter Jens Staudenmayer, beide bemängeln die Nähe, wir sollen uns 1,50 m auseinandersetzen. Der Crailsheim-Reporter zieht sogar noch weiter um. „Was meinen Sie, was wir hier für Kontrollen haben?“, fragt Kainzinger rhetorisch und leicht genervt.

Die Teams kommen aus den Kabinen, wärmen sich auf. Erst die BG, dann die Merlins. BG-Coach Johan Roijakkers und Kollege Tuomas Iisalo (ein Finne) geben MagentaSport erste Kurz-Interviews. Crailsheims Geschäftsführer Martin Romig erscheint neben dem Spielfeld, Göttingens Frank Meinertshagen ist beim Start nicht da.

Das Auftakt-Spiel

16.34 Uhr: Tip-off zum ungewöhnlichsten Basketball-Spiel, das ich in mehr als 30 Jahren je gesehen habe. Keine Fans in der 6700-Plätze-Halle, keine Stimmung, keine Gesänge, keine Anfeuerungsrufe – man hört auf der Tribüne wie bei den Fußball-Geisterspielen fast alles, was die Beteiligten schreien.

Göttingen legt einen super Start hin, führt 8:2, trifft Dreier wie verrückt, am Ende sind es 15 Stück. Vor allem Jung-Nationalspieler Bennet Hundt (21) ist überhaupt nicht zu halten. Der Pointguard erzielt vor und nach der Pause je 15 Zähler – Bestmarke seiner jungen Karriere. „Wichtig war der Sieg der Mannschaft“, sagt er später, nachdem die BG überraschend 89:78 (51:42) gewonnen hat. Dabei waren die beiden Top-Stars, Center Dylan Osetkowski und Spielmacher Kyan Anderson, nicht mehr dabei. Anderson blieb in den USA, Osetkowski wechselte nach Ulm. Crailsheim kommt völlig auf den Hundt, BG-Coach Roijakkers lobt ihn, Hundt habe „big balls“.

Der Nach-Lauf

Klar, dass Hundt der erste Interview-Partner bei MagentaSport ist. Die Zeitungs-Reporter kommen an die Spieler nicht ran. Die Pressekonferenz steigt nicht in der Halle, sondern mehr als eine halbe Stunde später im abgeschotteten Leonardo-Spielerhotel nahe des Münchener Olympiaparks als Livestream auf dem Youtube-Kanal der BBL. Fragen nur schriftlich per E-Mail an die Trainer. Oder später per Handy. Kontakt nicht erlaubt.

Um etwa 19 Uhr ist dieses erste Turnierspiel vorbei. Akkreditierung wieder abgeben, es gibt sie nur tageweise. Mit dem Taxi ins Hotel, für den letzten ICE nach Göttingen ist es viel zu spät. Ende eines doch beklemmenden Events, das in diesen schwierigen Zeiten aber ungeheuer wichtig ist. Als Weg aus der Coronakrise. Aber ganz ehrlich: Spiele unter solchen Umständen möchte man eigentlich nicht sehen. BBL-Spielleiter Staudenmayer zufrieden: „Es war ein guter Auftakt!“  gsd

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