Göttingen verarbeitet die Trauer: Das Spiel der BG-Basketballer wird dabei zur Nebensache

BG Göttingen: Das Spiel geht weiter, die Show nicht

Du wirst niemals alleine gehen: Die Fans der Göttinger Basketballer zeigen ihr Mitgefühl mit den Angehörigen der beiden Frauen, die bei einem Umfall ums Leben kamen. Foto: Jelinek

Göttingen. Nach dem Ende dieses Spiels, dessen Ergebnis nicht im Mittelpunkt steht, bat der Hallensprecher die Zuschauer in Göttingen, noch einen Moment sitzen zu bleiben. Diese Veranstaltung sollte würdig beendet werden, und so verharrten die Besucher auf ihren Plätzen, die Spieler fest im Blick.

Es wurde noch einmal still, ehe die Musik einsetzte und „You’ll never walk alone“ ertönte. Die Anhänger beider Mannschaften, die rein sportlich Konkurrenten waren, reckten ihre Fan-Schals in die Höhe und entrollten jeweils ein Plakat. Auch auf ihnen stand: „You’ll never walk alone“.

„Du wirst niemals alleine gehen“ – das Lied ist längst mehr als eine Hymne, die in Fußball-Arenen für Gänsehaut sorgt. Sie schafft Zusammenhalt, spendet einem Kollektiv Trost – so wie der Basketball-Gemeinde des Bundesligisten BG Göttingen.

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Eine Woche vor diesem Spiel gegen Bonn am Samstag waren auf der Rückfahrt von der Auswärtspartie in Gießen die Lebensgefährtin und die Schwester des Spielers Marco Grimaldi bei einem Unfall ums Leben gekommen, die Freundin von Grimaldis Teamkollegen Kyle Bailey wurde verletzt. Das Unglück hat mehr Menschen berührt als die Angehörigen und die BG-Basketballer. Im Kondolenzbuch auf der Internetseite des Klubs sind 1500 Einträge verzeichnet. Die Anteilnahme ist in der ganzen Stadt zu spüren.

90 Minuten vor dem Spiel am Samstag versammeln sich am Göttinger Wahrzeichen Gänseliesel Hunderte und gedenken der Toten. Es sind viele junge Menschen gekommen, die ihr BG-Trikot unter der Jacke tragen. Es ist eine Gedenkfeier bei laufendem Betrieb, die mehr als alles andere zeigt, dass zwei junge Menschen mitten aus dem Leben gerissen worden sind. Die Kaufhäuser in der Innenstadt sind gut besucht, die Tische vor den Cafés an diesem lauen Novemberabend besetzt. Manche Besucher trinken noch Kaffee, manche schon Bier. Nebenan beherrschen Kerzenlicht und Schweigen die Szenerie.

Auch Marco Grimaldi, Kyle Bailey und dessen Freundin stehen am Gänseliesel. Normalerweise hätten sie gleich ein Spiel, aber seit einer Woche ist nichts mehr normal. Heute spielen ihre Teamkollegen ohne sie, aber sogleich für sie. Dass die Partie gegen Bonn stattfindet, ist auch ein Wunsch der betroffenen Familien.

Die Begegnung steht am Ende einer Woche voller Trauer, und sie ist zugleich der Versuch, in die Normalität zurückzukehren. Die Veranstaltung reduziert sich auf das Spiel und die Unterstützung während des Spiels. Die Anfeuerung der 2405 Fans ist nicht anders als sonst, aber die Show bleibt aus: keine Cheerleader, keine Lichteffekte, keine aggressive Musik.

Die Göttinger treten mit Trauerflor an, die Bonner tragen aus Respekt schwarze Trikots, ihre Anhänger zeigen ein Spruchband, auf dem steht: „Wenn der Sport nicht mehr wichtig ist.“ Zu Beginn gibt es eine Schweigeminute.

Während der Pressekonferenz nach dem 65:84 spricht Michael Koch, der Trainer der siegreichen Bonner, von einem guten Rahmen. „Sport ist eigentlich Entertainment, aber das war heute Nebensache.“ Sein Göttinger Kollege Stefan Mienack bedankt sich bei Koch, dann stockt er. Es fällt ihm schwer, ein nächstes Wort zu finden. Er sagt: „Wir sind rausgegangen und haben versucht, alles zu geben, was wir haben. Wir haben dabei alle in unserem Herzen gehabt. Das wird jetzt in jedem Spiel so sein.“

Von Florian Hagemann

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