Veilchen völlig verrückt! Matchwinner Boykin: "Spiritueller Sieg“

Jaaaaaaaaaaaaa! Göttingens Jamal Boykin scheint den Ball geradezu in den gegnerischen Korb schreien zu wollen. Links Andy Onwuegbuzie und Bayreuths David Brembly. Foto: Jelinek/gsd

Göttingen. „Einfach super, erstaunlich, unglaublich“ - wenn selbst der sachlich-nüchterne Johan Roijakkers geradezu ins Schwärmen gerät, muss etwas ganz Besonderes passiert sein.

Ist es auch beim nicht mehr für möglich gehaltenen Göttinger 88:85-Sieg gegen Bayreuth. 16 Punkte hinten (33:49), 17 Punkte zurück (62:79) und doch noch gewonnen. Eine derartige Aufholjagd mit krönendem Abschluss hat es zuletzt gegen Roanne (Frankreich) im EuroChallenge-Halbfinale 2010 gegeben. Da lag die BG 20 Zähler hinten und zog noch ins Finale ein.

So verrückt, so irre wie vor allem dieses denkwürdige letzte Viertel gegen Bayreuth war seitdem wohl kein BG-Spiel mehr. Fast 30 Minuten lang fanden die Veilchen kaum zu einem Rhythmus, verteidigten mies, gestatteten den Franken 20(!) zweite Chancen. Brandon Bowman und Javon McCrea punkteten fast nach Belieben. Die BG musste sich dagegen jeden Punkt hart erarbeiten. Und war sie herangekommen, zog Bayreuth wieder weg.

Fans kommen mit ins Spiel 

Aber dann die letzten zehn Minuten! In dem die Fans mit ins Spiel kamen. Es ist dieses schwer zu fassende Wechselspiel zwischen Zuschauern und Mannschaft: Das Team trifft, die Fans feuern an, das Team trifft wieder, die Anhänger feuern noch mehr an usw. usw. Beide Seiten schaukeln sich gegenseitig hoch, drehen das Spiel und gewinnen es sozusagen gemeinsam. So laut war es in der S-Arena wohl noch nie! Ohrenbetäubende „Defense“-Chöre bei Bayreuth-Angriffen, markerschütternder Jubel bei BG-Punkten. „Danke an unsere Fans, sie waren ganz wichtig“, echauffierte sich Roijakkers.

Dabei startete diese fantastisch-faszinierende Aufholjagd - initiiert von Jamal Boykin - ohne zwei. Kurzfristig musste Alex Ruoff (Rücken) passen, Harper Kamp sowieso. „Ohne zwei Amerikaner, 17 hinten und man kommt so zurück, das ist eine phänomenale Einstellung.“

„Unglaublich, das war eines der besten Spiele, bei denen ich dabei war“, konnte es selbst „Sieges-Humba-Sänger“ Jamal Boykin nicht fassen. Der Held des 4. Viertels (11 Punkte): „Wir haben dann schlaue Schüsse genommen. Keiner war ein Hero, der Glaube hat uns getragen. Das war eine spirituelle Sache.“

„Super!“, war Robert Kulawick überwältigt, dessen Team eine 100-prozentige Freiwurfquote (21 von 21) hatte. „Sowas hab’ ich noch nicht erlebt. Als wir 17 zurück waren, hatten wir nichts mehr zu verlieren“, suchte Acha Njei erklärende Worte. „Wir hatten in der S-Arena schon einige Spiele verloren, das war jetzt die Wiedergutmachung.“

„Die Energie von Jamal hat alle mitgerissen“, meinte Andy Onwuegbuzie, der wieder zehn Zähler beisteuerte. „Ich unterstütze mein Team, wie es geht. Dafür trainiere ich, ich will doch nicht umsonst in der Trainingshalle stehen.“

Ein ganz wichtiger Sieg 

„Zu Anfang haben wir überhaupt nicht verteidigt, denn dort fängt doch alles an“, atmete Dominik Spohr durch. „Wir haben nicht aufgehört, an den Sieg zu glauben. Am Ende war es eine Riesen-Überraschung und ein ganz wichtiger Sieg.“ Stimmt, denn sonst wäre die BG wohl ganz tief unten reingerutscht, hätte im unmittelbaren Abstiegskampf gesteckt. Was für ein Start der Veilchen ins neue Basketball-Jahr! (gsd)

Das letzte Viertel im Zeitraffer:

Die letzten zehneinhalb Minuten noch einmal Punkt für Punkt (Zeit rückwärtslaufend):

3. Viertel (Start bei 62:79)

0.15: Onwuegbuzie 65:69 (3er)

4. Viertel:

8.04: Boykin 67:79

7.29: Onwuegbuzie 69:79

6.09: Boykin 71:79

5.42: Boykin 73:79

+ Freiwurf 74:79

5.12: Boykin 76:79

4.43: El-Amin 78:79 (2 Freiwürfe)

4.03: Boykin 80:79 (die erste BG-Führung überhaupt)

3.13: Onwuegbuzie 82:79

2.51: Godbold 84:79 (2 Freiwürfe) - 22:0-Lauf perfekt

2.37: McCrea 84:81 (nach 7.28 min. ohne Gästekorb!)

2.11: Godbold 86:81

1.53: Schmitz 86:82 (1 von 2 Freiwürfen)

1.28: Burrell 86:85 (3er)

0.29: El-Amin 88:85

Von Helmut Anschütz und Walter Gleitze

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