Boris Becker im HNA-Interview: „Ich bin nicht zum Grüßaugust geboren“

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Erfolgreich als Spieler und Trainer: Boris Becker (großes Bild) ist seit Dezember 2013 Coach vom Weltranglistenersten Novak Djokovic.

Melbourne. Tennisspieler Boris Becker spricht im HNA-Interview über seine Arbeit mit Novak Djokovic, das Leben als Trainer und den Wert der Familie. 

Boris Becker (48) ist der erfolgreichste deutsche Tennisspieler. Der in London lebende Leimener gewann sechs Grand-Slam-Titel und insgesamt 49 Turnierpokale. Vor 25 Jahren, nach dem ersten seiner beiden Australian-Open-Siege, wurde er die Nummer eins der Welt. Seit Dezember 2013 ist Becker Chefcoach des Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic. Ein Interview vor dem Start des ersten großen Turniers des Jahres.

Herr Becker, Novak Djokovic gewann 2015 fast alles, was es zu gewinnen gibt im Welttennis. Er war am Ende die klarste Nummer eins der Geschichte. Was tut man, um das wiederholen zu können?

Becker mit Steffi Graf nach ihren Siegen in Wimbledon 1989.

Becker: Entscheidend ist, eine echte, wirkliche Pause zu nehmen. Total abzuschalten. Nicht bei irgendeinem Schauturnier anzutreten. Er hat im letzten Jahr 80 Matches auf höchstem Niveau gespielt, das war gigantisch. Aber auch verschleißend. Deshalb galt: Ruhe, Entspannung, eine Auszeit von der Tour. Und, ganz wichtig: Sich selbst freuen über das, was du geschafft hast.

„Es ist eine wunderbare Reise. Ich erlebe ungeahnte Glücksmomente.“

Wenn Sie auf Ihren Start als Trainer von Novak Djokovic zurückblicken, was ist von Ihren Erwartungen eingetroffen?

Becker: Ganz ehrlich: Weder Novak noch ich selbst hätten uns das erträumt. Wir wollten auf Platz eins zurück, Grand-Slam-Turniere gewinnen. Aber diese Dominanz in den letzten 18 Monaten, die war ebenso ungewöhnlich wie bemerkenswert. Viel besser als Novak zuletzt kannst du eine Saison kaum spielen. Es ist eine wunderbare Reise mit ihm. Ich erlebe ungeahnte Glücksmomente.

Hat Djokovic nie Motivationsprobleme?

Becker: Es geht ihm wie allen Großen im Sport: Wenn du diesen Lauf hast, willst du mehr. Immer mehr. Er hat eine fabelhafte Einstellung, ordnet fast alles dem Tennis unter. Er weiß, was er mit wem und wie zu tun hat, um erfolgreich zu sein. Im Spitzentennis geht es darum, in den letzten Detailfragen besser zu sein als die anderen Guten und sehr Guten.

Nun fragen sich ja alle immer wieder: Wie macht Becker einen wie Djokovic noch besser?

Der Becker-Hecht.

Becker: Ich habe nie gern über mich und meinen Erfolgsanteil bei Djokovic geredet. Fakt ist: Ich hatte eine gute Tenniskarriere, kann meine Erfahrungen weitergeben. Und Novak ist jemand, der da zuhört, der Erkenntnisse schöpfen will. Er will immer lernen, Tag für Tag.

Was haben Sie aus den Jahren mit Ihren Trainern mit in diese Arbeit genommen?

Becker: Ich hatte wunderbare Trainer und Lehrmeister. Ion Tiriac, Günther Bosch, Bob Brett, Nick Bollettieri und Niki Pilic - alle sehr verschiedene Charaktere mit eigenen Fähigkeiten. Davon profitiere ich heute ungemein. Alles, was ich selbst gelernt habe von diesen tollen Coaches, fließt in meine Arbeit ein. Saisonplanung, Taktik, Gegnerbeobachtung, das psychologische Spiel.

Haben Sie als ehemalige Nummer eins mehr Überzeugungskraft?

Becker: Es ist nun mal so, dass man als mehrfacher Grand-Slam-Gewinner einen anderen Zugang hat. Man hat alles selbst erlebt, die Höhen und Tiefen, die Comebacks, die verrückten Matchsituationen, die Regenpausen in Wimbledon. Für Novak ist es wichtig, mit jemandem sprechen zu können, der Lebenserfahrungen einbringen kann, eine Autorität aus eigenem Erleben. Das stützt ihn.

Sie haben sich mal beklagt, dass seine Erfolge in der Öffentlichkeit nicht ausreichend gewürdigt worden seien. Hat das Jahr 2015 da etwas verändert?

Becker: Eindeutig, ja. Und zwar vor allem, wie er nicht nur mit den Siegen umgegangen ist. Sondern auch mit dieser einzigen schmerzhaften Niederlage in Paris. Seine Ansprache damals, diese Emotionen, die Tränen, das gehörte zu den bewegendsten Momenten, die ich überhaupt je im Tennis erlebt habe. Ich glaube, die Menschen kriegen einfach mit, was für ein großartiger Champion er ist.

Sind Sie heute, als erfolgreicher Trainer, glücklicher als vor zwei Jahren?

Becker: Nein, ich war damals auch glücklich. Ich mache Glück nicht abhängig von beruflichen Erfolgen. Bei mir geht die Gleichung andersrum: Bin ich privat und mit meiner Familie im Reinen, kann ich gut arbeiten. Das war 2013 nicht anders als 2016.

Die gängigste These zum Trainer Boris Becker lautet: Er ist wieder bei sich angekommen. Im Tennis, wo er sich immer noch am besten auskennt.

Becker: Die wenigsten wissen doch, was in meinem Leben passiert, heute wie vor 30 Jahren. Deshalb gibt es auch immer wieder die unmöglichsten Theorien zu Boris Becker - was er warum tut. Zum Thema Becker wird nur in Extremen gedacht, es gibt keine Grauzone. Wieder im Tennis angekommen? Nein, ich war ja nie weg. Ich habe halt nur aufgehört, Spieler zu sein. Ich habe als Experte und Kommentator gearbeitet.

„Es gibt nur Triumph oder Tragödie. Aber ich bereue nichts.“

Aber füllt Sie das, was Sie im Tennis tun, mehr aus als andere berufliche Projekte?

Becker: Mein Leben wäre ärmer gewesen, wenn ich nicht andere Herausforderungen angenommen hätte. Ich habe vieles probiert, vieles hat auch geklappt, anderes nicht. Wem geht das nicht so? Nur wird das bei Becker gleich zum Drama gemacht, zum Scheitern überhaupt. Wie gesagt: Es gibt nur Triumph oder Tragödie. Aber ich bereue nichts. Denn was wäre die Alternative gewesen: Ab 32 Jahren und dem Karriereende nur noch die Legende sein. Ich bin nicht zum Grüßaugust geboren.

Wird es den Trainer Becker nach dem Job bei Djokovic noch geben?

Becker: Ich hatte andere Anfragen vor Djokovic. Aber ich habe das abgelehnt. Weil es ein sehr reisen intensiver Sport ist. Weil ich es selbst 20 Jahre gemacht habe. Bei der Nummer eins konnte ich nicht „Nein“ sagen. Weil ich wusste, was für ein Typ er ist: Einer, der alles fürs Tennis gibt. Motivation, Leidenschaft, Intelligenz. Mit ihm lohnt sich jede Minute Arbeit. Ich weiß nicht, ob es eine ähnliche Partnerschaft nochmal geben könnte. Ich werde auch nicht jünger, möchte mehr Zeit mit der Familie verbringen. Ich sehe meine Kinder und meine Frau schon jetzt zu wenig.

Von Jörg Allmeroth

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