17 Monate nach seinem letzten Kampf

Ende einer Ära? Wladimir Klitschko boxt um alles oder nichts

London - Wladimir Klitschko muss am Samstag im Mega-Kampf gegen den jungen Anthony Joshua bestehen, sonst neigt sich eine große Ära dem Ende zu.

Glanzvolles Comeback oder erneute Schmach: Für Wladimir Klitschko geht es am Samstag im "Box-Kampf der Superlative" vor 90.000 Fans im Londoner Wembley Stadion um alles oder nichts. Der Ex-Champ muss gegen den aufstrebenden Anthony Joshua gewinnen, ansonsten scheint das Ende einer glorreichen Karriere unausweichbar.

Während sich Wladimir vor dem Kampf zu seiner Zukunft nicht äußern wollte, sprach der strenge Bruder Witali Klartext. "Wladimir hat keine zweite Chance", sagte der vier Jahre ältere Ex-Weltmeister und heutige Bürgermeister von Kiew: "Er weiß, dass für seine Zukunft viel davon abhängt."

Keine zweite Chance? Keine Option auf einen Rückkampf? Eine zweite Pleite wie gegen Tyson Fury im November 2015 kann sich der mittlerweile 41-Jährige nicht leisten.

Maske: „Irgendwann ist eine Ära vorbei“

Auch Ex-Champ Henry Maske hält für diesen Fall einen Rücktritt des Ukrainers für unvermeidbar. "Bei einer klaren Niederlage wüsste ich nicht, welche Motivation er noch hätte", sagte der 53-Jährige dem SID und fügte an: "Irgendwann ist deine Ära vorbei."

Klitschko gibt sich hoch motiviert und wählte ungewohnt deutliche Worte. Er sei nach der Fury-Pleite "angepisst", habe in der Vorbereitung als "kompromissloser, multidimensionaler Egoist" alles dem großen Ziel untergeordnet und fühle sich generell wie der "Mount Everest", der auch nicht wirklich zu bezwingen sei.

Zentrales Schlagwort ist aber "Besessenheit". Wo der promovierte Sport-Wissenschaftler zuletzt auch auftauchte, durfte die Vokabel nicht fehlen. "So eine Form der Besessenheit hat es noch nie gegeben", sagte der Wahl-Hamburger und erstickte damit jeden Verdacht von Altersmüdigkeit im Keim.

Londoner Wembley-Stadion ausverkauft

Das hätte ihm der Veranstalter auch nicht verziehen, immerhin sind die boxverrückten Briten heiß auf den Fight. Die 90.000 bedeuteten auf der Insel einen Nachkriegs-Besucherrekord. Weltrekord ist das nicht. Der wurde 1993 mit 132.000 Fans beim Kampf zwischen Julio César Chávez (Mexiko) und Greg Haugen (USA) in Mexiko-Stadt aufgestellt.

In Deutschland überträgt Klitschkos Haussender RTL, der noch über drei weitere Kämpfe mit dem Ukrainer verbunden ist. Das große Geld verspricht jedoch das britische Pay-TV, das laut Daily Mirror 30 Millionen Euro erlöst.

Dank Ticketing (10 Millionen Euro) und weiterer Einnahmen liegt der Gesamtumsatz bei rund 50 Millionen Euro. Das ist ordentlich, allerdings nicht im Vergleich zum Jahrhundert-Fight zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao im Mai 2015. Der spülte 465 Millionen Euro in die Kassen.#

69. Profikampf für „Dr. Steelhammer“

Klitschko, der für den Fight wie Joshua eine Börse von knapp 20 Millionen Euro erhalten soll, muss in seinem 69. Profikampf (64 Siege, 5 Knockouts) deutlich druckvoller agieren als gegen Fury - sonst läuft seine Zeit bald wirklich ab. Fast eine Dekade hat der frühere Mehrfach-Weltmeister die Szene beherrscht. Von April 2006 bis November 2015 blieb der Ukrainer ungeschlagener Champion.

Zu den Stärken von Joshua, 2012 in London 16 Jahre nach Klitschko Olympiasieger im Superschwergewicht, gehört, dass er im Ring so gut wie keine Schwächen hat. Der Sohn nigerianischer Einwanderer schlägt hart und schnell, hat eine gute Beinarbeit und ein großes Kämpferherz.

"Ich denke, ich werde Klitschko ausknocken", sagte Joshua, der ansonsten eher bescheiden auftritt und großspurige Ankündigungen vermeidet. Klitschko hält dagegen. "Ich will mir selbst beweisen, dass ich jeden Gegner im Ring besiegen kann - ohne Ausnahme", sagt der 41-Jährige. Geändert habe sich in der Vorbereitung kaum etwas, außer - natürlich - "meine Konzentration und Besessenheit."

„Es ist unglaublich, dass wir die Promotion auf diesen Kampf durchgezogen haben, ohne uns gegenseitig zu beleidigen oder uns zu hauen. Ich habe das oft anders erlebt. Ich liebe das“, sagte Joshua über das gute Verhältnis der beiden Box-Gentlemen. Der Ukrainer verlor, sprühte vor Optimismus. „Ich fühle mich schon jetzt als Sieger. Das ist mein Event, auch, wenn es sein Zuhause ist“, sagte Klitschko und nannte sich „Wladimir Reloaded“.

Auf der letzten Pressekonferenz vor dem Megakampf sagte der smarte IBF-Schwergewichts-Titelträger Joshua lakonisch: „Ich werde gewinnen“. Ex-Weltmeister Klitschko, der am Samstag im mit 90 000 Zuschauern ausverkauften Londoner Wembley-Stadion zum dritten Mal den Titel holen kann, hat seine persönliche Kampfprognose auf einem Stick verewigt. Was darauf zu hören und zu sehen ist, werde man erst nach dem Kampf wissen.

Wladimir Klitschko - Anthony Joshua: Der ukrainische und der britische Boxer im Vergleich

Wladimir Klitschko

Anthony Joshua

Alter

41

27

Geburtstag

25.03.1976

15.10.1989

Geburtsort

Semipalarinsk (Ukraine)

Watford (Großbritannien)

Größe

1,98 m

1,98 m

Gewicht

111,5 kg

113 kg

Stil

Linksauslage

Linksauslage

Kampfname

Dr. Steelhammer

AJ

Ausbildung

Doktor der Sportwissenschaften

Maurer

Profikämpfe

68

18

Siege

64

18

K.o.-Siege

54

18

Niederlagen

4

0

WM-Kämpfe

28

4

Trainer

Johnathon Banks

Rob McCracken

Profi-Titel

ehemals WBA, WBO, IBF, IBO

IBF

Wladimir Klitschko: Seine wichtigsten Kämpfe

Olympia 1996 in Atlanta/USA: Wladimir Klitschko wird durch einen Sieg über Paea Wolfgramm (Tonga) erster weißer Olympiasieger im Superschwergewicht (über 91 kg). Im Anschluss wechselt der Ukrainer ins Profilager.

14. Oktober 2000: Klitschko holt sich in Köln durch einen Punktsieg über Chris Byrd erstmals die Profi-Krone. Er gewinnt den Gürtel der WBO und rächt seinen Bruder Witali, der ein halbes Jahr zuvor gegen Byrd durch eine verletzungsbedingte Aufgabe verloren hatte.

8. März 2003: "Dr. Steelhammer" verliert seinen Titel überraschend gegen den als zweitklassig eingeschätzten Altmeister Corrie Sanders (37) aus Südafrika nach TKO in der zweiten Runde. Der Wahl-Hamburger ging viermal zu Boden, ehe der Kampf abgebrochen wurde.

10. April 2004: Klitschko muss die zweite schmerzhafte Niederlage einstecken, seine Karriere steht auf der Kippe. Lamon Brewster (USA) traf den Ukrainer in Las Vegas mehrmals schwer, der Kampf wurde in der 5. Runde abgebrochen.

22. April 2006: Der jüngere der beiden Klitschkos holt sich den WM-Titel der IBF durch einen ungefährdeten TKO-Sieg in der siebten Runde im zweiten Duell mit Chris Byrd zurück. Im Anschluss blieb der promovierte Sportwissenschaftler als Champion neun Jahre unbesiegt.

2. Juli 2011: Klitschko schlägt in Hamburg den britischen Provokateur David Haye einstimmig nach Punkten und sicherte sich drei der vier großen WM-Gürtel. Den fehlenden vierten Titel der WBC hat sein Bruder Witali - die Klitschkos beherrschen das Schwergewicht.

28. November 2015: Gegen den Briten-Riesen Tyson Fury (2,06 m) verliert Klitschko in Düsseldorf überraschend klar und einstimmig nach Punkten. Der Ukrainer muss sämtliche Gürtel abgeben und 17 Monate warten, bis er wieder in den Ring steigen kann - am Samstag in London ist es soweit.

Wir begleiten den 69. Profikampf von Wladimir Klitschko gegen den Briten Anthony Joshua am Samstag im Live-Ticker.

SID

Rubriklistenbild: © dpa

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