Interview über die Misere im deutschen Fechtsport

Olympia-Silbermedaillen-Gewinnerin Duplitzer: „Brauchen radikalen Neuanfang“

Bild mit Symbolcharakter: Der deutsche Fechtsport ist am Boden. Vorzeigeathletin Britta Heidemann (rechts) schied zuletzt bei der Europameisterschaft gegen die Ungarin Emese Szasz schon in der Vorrunde aus. Foto: dpa

Kassel. Erstmals seit 1956 hat sich keine deutsche Fechtmannschaft für die Olympischen Spiele qualifiziert. Lediglich Peter Joppich, Max Hartung und Carolin Golubytskyi sind bislang sicher in Rio im Einzel am Start.

Was sind die Gründe für die Krise? Darüber haben wir mit der Degenfechterin Imke Duplitzer gesprochen.

Frau Duplitzer, was machen Sie am 11. August? 

Imke Duplitzer: Sie spielen auf das Olympia-Mannschaftsfinale der Degenfechterinnen an. Da wir ja leider nicht vertreten sind, werde ich an diesem Tag den rumänischen Mädels die Daumen drücken.

Warum ausgerechnet den Rumäninnen? 

Duplitzer: Ich kenne sie sehr gut. Hinzu kommt, dass sie das Fechten im taktischen und strategischen Bereich enorm weiterentwickelt haben.

Damit haben sie den Deutschen offenbar etwas voraus. Was läuft schief im deutschen Fechtsport?

Duplitzer: Das deutsche Fechten hat ein strukturelles Problem. Es fehlt uns an qualifizierten Trainern im Nachwuchsbereich. Es wird an Menschen festgehalten, die über Jahre nichts aufgebaut haben. Das ist so weltfremd, als würde im Fußball der Trainer erst dann entlassen werden, wenn er mit dem Team schon sicher in die zweite Liga abgestiegen ist.

Wo gibt’s noch Probleme?

Duplitzer: Früher stand bei uns Fechtern Eigeninteresse immer hinter Mannschaftsinteresse. Heute ist das anders. In den letzten Jahren haben viele ihre Einzelinteressen in den Vordergrund gestellt.

Olympiasieger Arnd Schmitt bezeichnete den Zustand der einstigen deutschen Paradesportart kürzlich als desolat. Ist die Lage wirklich so schlimm? 

Duplitzer: Leider ja. Das zeigt sich schon am geänderten Anspruchsdenken. Wenn heute ein junger Fechter bei einem Turnier unter die letzten 64 kommt, meint er, er wäre schon auf der großen Weltbühne angekommen. Das hätte es bei uns früher nicht gegeben. Hinzu kommen die Nachwuchsprobleme. Als mediale Randsportart hat es Fechten immer schwerer, jungen Leuten Anreize zu bieten.

Ganz anders sieht es bei den russischen und französischen Fechtern aus. Beide Länder werden in voller Stärke nach Rio reisen. Was machen sie besser? 

Duplitzer: Fechten hat dort einen ganz anderen Stellenwert. In Frankreich ist Fechten Schulsportart. Jedes Gymnasium hat eine Fecht-AG. Und wenn man für Russland eine Medaille gewinnt, bekommt man eine Sofortrente. Deutsche Goldmedaillengewinner kriegen nach ihrer Karriere nur mit viel Glück eine Anstellung beim Verband. Andere Länder sind also strukturell und vor allem auch finanziell viel besser aufgestellt als wir.

Tauberbischofsheim gilt als Synonym für erfolgreiches Fechten. Welche Rolle spielt der Olympiastützpunkt in der Krise des deutschen Fechtens? 

Imke Duplitzer, aufgenommen 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking.

Duplitzer: In meiner Trainingsgsgruppe um Herrendegen-Bundestrainer Didier Ollagnon wird hervorragende Aufbauarbeit geleistet. Allerdings arbeiten an einem Stützpunkt sehr viele Trainer, die alle unterschiedliche Anstellungsverhältnisse haben: Vereinstrainer, Stützpunktrainer, Landestrainer und Bundestrainer. Wenn man ihnen von Verbandsseite Anweisungen geben will, muss man sich erst alle 15  Verträge durchlesen, um zu wissen, wer wen bezahlt und wer wem somit überhaupt weisungsbefugt ist.

Was muss sich ändern, damit bei Olympia 2020 in Tokio wieder Deutsche um Medaillen fechten? 

Duplitzer: Zunächst kämpfen wir in Rio um Medaillen, wenn auch nur im Einzel. Und ich hoffe, dass Britta Heidemann auch noch die Qualifikation schafft. Grundsätzlich muss sich das deutsche Fechten aber sehr schnell sehr neu aufstellen. Wir brauchen einen radikalen Neuanfang, eine andere Trainingskultur, ein anderes Gemeinschaftsgefühl. Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich den Rumänen die Daumen drücke. Die stehen fiebern alle an der Seite füreinander mit. Da müssen wir auch wieder hinkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.