Drei Läufer, zwei Stunden, ein Ziel

„Breaking 2“: Das steckt hinter Nikes Marathon-Experiment

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Olympiasieger Eliud Kipchoge (Kenia) soll am Wochenende Geschichte schreiben.

Monza - Am Wochenende könnte ein neuer Rekord im Marathonlauf aufgestellt werden. Nike hat ein ehrgeiziges Projekt entworfen: „Breaking 2“. Wir erklären, was dahinter steckt und was Sportwissenschaftler sagen.

„Breaking 2“: So lautet das Projekt von Nike. Das Ziel: die Marathondistanz von 42,195 Kilometern in unter zwei Stunden laufen. Am Wochenende sollen Olympia­sieger Eliud ­Kipchoge (Kenia), ­Zersenay Tadese (Eritrea) und Nachwuchstalent Lelisa Desisa ­(Äthiopien) die magische Zahl knacken. Dafür müssen die drei die aktuelle Zeit um 178 Sekunden unterbieten. Eine Ewigkeit. Doch der Sportartikelhersteller hat im vergangenen Jahr ein Team aus Wissenschaftlern, Ärzten und Sportlern zusammen­gestellt. Sie arbeiten unter Laborbedingungen daran, dass am Ende ein neuer Meilenstein erreicht ­werden kann. Zuschauer sind nicht vor Ort, können aber im Livestream ab 5.45 Uhr auf der Homepage von ­Nike dabei sein. Die tz erklärt das Projekt ­„Breaking 2“ und hat Sport­wissenschaftler dazu ­befragt.

17,5 Runden in Monza

Nike forschte über Jahre hinweg, um eine ideale Laufstrecke zu finden. Flach sollte es sein – und günstige äußere Bedingungen haben. Wenig Luftfeuchtigkeit, solide Temperaturen und kaum Wind lauteten die Kriterien bei der Suche nach einem Parcours. Fündig wurde das Team in Italien, in Monza. Kipchoge, Tadese und Desisa laufen auf dem legendären Formel 1-Circuit und stehen unter ständiger Beobachtung. Eine Runde für das Experiment ist 2,4 Kilometer lang, das heißt, sie rennen 17,5 Runden. Ein weiterer Vorteil von Monza: Der Rundkurs bietet die Möglichkeit, genau zu analysieren, was im Rennen passiere, sagt Projektleiter Brad Wilkons. Notfalls könne man dadurch auf Probleme reagieren.

Eigentlich fahren hier Formel-1-Autos. Doch am Wochenende sollen drei Athleten den neuen Marathon-Meilenstein erreichen.

Die Läufer

Eliud Kipchoge: Der Olympiasieger von Rio 2016 ist das Aushängeschild der Kampagne. Seine Bestzeit liegt bei 2:03:05 Stunden. 

Zersenay Tadese: Der Eritreer ist ein Spezialist für den Halbmarathon. Im April 2012 lief er den London-Marathon in 2:10:41 Stunden. 

Lelisa Desisa: Der 26-jährige Äthiopier vervollständigt das Trio. Er gewann bei seinem ersten Marathon-Start in Dubai mit einer Zeit von 2:04:45 Stunden.

Der neue Schuh

Für den Rekord testet Nike den neuen Schuh „Zoom Vaporfly Elite“, der sich an den Wünschen der Athleten orientiert. „Asphalt tut weh“, sagten die Läufer. Deshalb entwickelte Nike ein Schaummaterial für die Zwischensohle, das ein Höchstmaß an Dämpfung ermöglicht. Trotzdem wiegt der Schuh nicht mehr, da das Material 40 Prozent leichter ist als der Kunststoff, der in herkömmlichen Laufschuhen verwendet wird. Das Gesamtgewicht liegt bei nur 185 Gramm. Ein leichtes und steifes Karbon-Element verhilft dem Schuh zu hoher Festigkeit. Man habe das Gefühl, ständig bergab zu laufen, sagte ein Athlet, der den Schuh getestet hat. Das Hightech-Modell wird nicht im Handel erhältlich sein, allerdings gibt es drei ähnliche Modelle, in denen das System zum Einsatz kommt.

Der Zoom Vaporfly Elite.

Fakten zum Marathon

Der erste Olympiasieger im Marathon war 1896 der Grieche Spyridon Louis. Er lief die Distanz von knapp 42,2 Kilometer in 2:58:50 Stunden. Aktuell liegt der Rekord bei 2:02:57 Stunden. Es fehlen also noch 178 Sekunden für die neue Bestzeit. Dafür müssten Kipchoge, Tadese und Delisa im Durchschnitt 21 Kilometer pro Stunde (!) schnell sein. Das sind fast sechs Meter pro Sekunde.

Reine PR-Atkion?

178 Sekunden schneller laufen auf 42,2 Kilometer? „Das sind Welten“, sagt Universitäts-Professor Dr. med. Martin Halle, Facharzt für Sportmedizin im Klinikum rechts der Isar. „Das ist vergleichbar, als ob man beim 100-Meter-Lauf noch eine halbe Sekunde gutmachen will.“ Wenn es die drei Modellathleten tatsächlich schaffen sollten, ist das Limit für weitere Rekordzeiten erreicht, vermutet Halle. Beim Weitsprung verändere sich seit einigen Jahren wenig. „Im Grunde ist das nur eine eigenartige PR-Aktion von Nike“, sagt er. Ähnlich sei es bei der Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff gewesen.

Ziel ist realistisch

„Das Ziel, das sich Nike gesetzt hat ist realistisch“, glaubt Daniel Kaptain, Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. Wichtig sei ein allumfassendes Training, wie zum Beispiel das Maximalkrafttraining. „Viele Ausdauersportler unterschätzen, wie sich Krafttraining auf die Zeiten auswirkt“, sagt Kaptain. Für ihn müsse nach 1:59:59 Stunden noch nicht Schluss sein. „Mit der Technisierung können wir uns wahrscheinlich anzeigen lassen, wie viel Sauerstoff-, Fett-, und Kohlehydratreserven man hat“, vermutet Kaptain.

Meilensteine

Am 6. Mai 1954, also exakt 63 Jahre vor dem „Breaking 2“-Versuch, lief der Brite Roger Bannister als erster Mensch eine Meile unter vier Minuten. Was könnte bei der Leichtathletik in Zukunft bei den Männern noch passieren?:

  • Weitsprung über neun Meter (aktuell 8,95m) 
  • Hochsprung über 2,50 Meter (aktuell 2,45m) 
  • Speerwurf über die 100 Meter (aktuell 98,48m) 
  • Kugelstoßen über 25 Meter (aktuell 23,12m) 
  • Diskuswurf über 75 Meter (aktuell 74,08m)
  • 100-Meter-Lauf unter 9,5 Sekunden (aktuell 9,58s)

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