Personalberater Werner Schulze über Hoffenheims 28-jährigen Trainer Nagelsmann

Neuer Hoffenheim-Trainer: „Das ist keine Frage des Alters“

Kritischer Blick während einer Einheit: Hoffenheims neuer Trainer Julian Nagelsmann. Foto:  dpa

Kassel. Am 21. Spieltag der Fußball-Bundesliga steht ein Mann schon vor dem Anpfiff im Blickpunkt: Julian Nagelsmann, der neue Trainer der TSG Hoffenheim.

Mit seinen 28 Jahren ist er der jüngste Coach der Bundesliga-Geschichte. Nagelsmann tritt die Nachfolge des zurückgetretenen Huub Stevens an. Darüber sprachen wir mit dem Personalberater Werner Schulze. Herr Schulze, ein 28-Jähriger wird in eine Führungsposition befördert – hat Sie diese Entscheidung überrascht?

Werner Schulze: Das ist sicherlich ein ungewöhnlicher Vorgang. Zumal in der jüngeren Vergangenheit der Eindruck entstand, dass die Vereine – vor allem im Abstiegskampf – eher auf erfahrene Kräfte setzen. Von daher sind mir beim Lesen der Meldung schon einige Fragen durch den Kopf gegangen.

Welche Fragen gehen einem Personalberater denn da durch den Kopf?

Schulze: Wahrscheinlich dieselben wie jedem Sportinteressierten. Wie soll das werden? Bringt der junge Mann alle Voraussetzungen mit? Solche Dinge eben. Aber natürlich kenne ich Nagelsmann zu wenig, um eine Antwort geben zu können?

Welche Voraussetzungen muss ein junger Mensch in dieser Situation aus Ihrer Sicht als Personalberater mitbringen?

Schulze: Vorab etwas Grundsätzliches: Was Führungsqualitäten anbelangt – das ist keine Frage des Alters. In diesem Fall kann das Alter sogar ein Vorteil sein. Nagelsmann hat mit seinen 28 Jahren eine Nähe zu den Spielern, er spricht ihre Sprache und drückt womöglich die richtigen Knöpfe. Allerdings muss er auch eine Balance finden zwischen eben dieser Nähe und seiner Autorität. Dem Thema Abgrenzung kommt hier eine entscheidende Bedeutung zu.

Wie sieht so eine Abgrenzung aus?

Schulze: Um sich Respekt zu verschaffen, muss Nagelsmann seine neue Position klar verdeutlichen. Er sollte die besondere Situation deutlich ansprechen, dass alle im Grunde ein Alter haben. Er sollte erklären, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt, seine Philosophie erläutern, das Team mit einbinden, aber auch in Kleinigkeiten konsequent seine Linie abstecken. Und – das klingt vielleicht altmodisch: Er muss Vorbild sein und diese Linie vorleben.

Würden Sie einer Firma zu solch einem Schritt raten?

Schulze: Da Nagelsmann ohnehin als Nachfolger vorgesehen war, dürfte sich der Klub den Trainer lang genug angeschaut haben. Er kommt aus dem eigenen Laden – das ist immer eine gute Voraussetzung, da somit eine längere Beobachtungszeit gewährleistet ist. Viele Unternehmen gucken sich mögliche Kandidaten zu kurz an und entscheiden dann nur aus dem Bauch.

Trotzdem besteht doch ein gewisses Risiko, oder?

Schulze: Es wäre zu wünschen, dass dem jungen Trainer jemand zur Seite gestellt wird. Jemand, der Tipps gibt, der den Rücken stärkt. Aber ich sehe hier kein größeres Risiko, als wenn sich der Klub einen Trainer von außen geholt hätte. Das Risiko ist doch jetzt kalkulierbar. Außerdem gibt es auch positive Faktoren, zum Beispiel ein gewisses Überraschungsmoment – nach dem Motto: Die trauen sich was in Hoffenheim. Es ist ein Wagnis, aber sie geben dem jungen Trainer eine Chance.

Und wie sieht das Risiko für den jungen Trainer aus?

Schulze: Der Leistungsdruck in der Bundesliga ist enorm. Die Medien. Die Transparenz. Die Gefahr besteht natürlich, dass er scheitert und in der Versenkung verschwindet. Trotzdem: Wenn er richtig vorbereitet ist und weiß, was auf ihn zukommt, hätte ich ihm zu dem Schritt geraten. In fünf Jahren wäre das Risiko ja nicht unbedingt kleiner. Ich hätte ihm gesagt, er wäre schön blöd, wenn er die Chance jetzt nicht nutzen würde.

Wie würden Sie ihn auf die neue Situation vorbereiten?

Schulze: Ein Coaching-Prozess sollte immer Hilfe zur Selbsthilfe sein. Ich würde versuchen, ihm zu Souveränität zu verhelfen. Ich würde Szenarien mit ihm durchspielen, ihn mental vorbereiten, sodass er in kniffligen Situationen nicht auf dem falschen Fuß erwischt wird.

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