HNA-Interview

SV Deinste 1952: Alle Spieler auf Gruppenfoto sind schwarz

Das Foto, um das es geht: Weil die beiden Mitspieler Amar Alnoor (oben, 1. v. l.) und Emad Babiker (Mitte, 3. v. r.) rassistisch beleidigt und geschlagen wurden, postete der Deinster SV ein Bild bei Facebook, auf dem alle Spieler schwarze Gesichter haben. Foto:  Deinster SV

Der SV Deinste 1952 macht derzeit deutschlandweit Schlagzeilen. Nachdem zwei Mitspieler rassistisch beleidigt und geschlagen wurde, änderte der Fußball-Kreisligist aus Niedersachsen sein Facebook-Profilbild. Auf diesem haben alle Spieler schwarze Gesichter.

Ein Interview mit Trainer Sönke Kreibich.

Herr Kreibich, schildern Sie doch einmal, wie es zu der Foto-Aktion gekommen ist. 

Sönke Kreibich: Ausgangspunkt war Karsamstag. Da haben wir das Kreispokal-Halbfinale gespielt und im Elfmeterschießen 8:7 gewonnen. Die Stimmung in der Truppe war ausgelassen. Wir sind dann zu einem Osterfeuer mit großem Festzelt gegangen, um unseren Sieg zu feiern. Im Lauf des Abends kamen meine Spieler Amar Alnoor und Emad Babiker, beides Flüchtlinge, zu mir und haben gesagt, dass sie auf der Tanzfläche angerempelt und ins Gesicht geschlagen wurden - Emad hatte sogar schon ein Veilchen.

Wie haben Sie darauf reagiert? 

Kreibich: Ich habe den beiden geraten, sich im Kreis der Mannschaft aufzuhalten. Das hat ganz gut geklappt. Allerdings sind Amar und Emad irgendwann vor die Tür gegangen und da an rechtsgerichtete Jugendlichen geraten. Emad wurde zu Fall gebracht, und als er am Boden lag, ins Gesicht geschlagen. Dadurch hat er auch noch eine Prellung im Gesicht davongetragen.

Wie sind Ihre Spieler damit umgegangen? 

Kreibich: Aus meiner Sicht war das Körperliche gar nicht das entscheidende Kriterium, sondern die Psyche. Die beiden sind aus dem Sudan geflüchtet, weil sie dort Gewalt erfahren mussten. Durch die Vorfälle ist für sie eine Welt zusammengebrochen, weil das gleiche in ihrer neuen Heimat wieder passiert.

Wie kam es anschließend zu der Foto-Aktion? 

Kreibich: Wir haben mit der Mannschaft zusammengesessen und uns gefragt: Was können wir jetzt tun, um darauf zu reagieren? Unsere Intention war eigentlich, dass wir Amar und Emad zeigen wollten: Wir stehen zu euch. Ihr seid Teil unserer Gruppe, unserer Fußballmannschaft. Es gibt andere Jugendliche, die etwas gegen Ausländer haben, aber wir stehen fest zu euch.

Und dann? 

Kreibich: Wir haben dann verschiedene Szenarien durchgespielt, was wir machen könnten, um ihnen das zu verdeutlichen. Wir waren uns einig, dass es sprachlich schwieriger ist, weil Amar und Emad gerade die emotionalen Zwischentöne nicht so aufnehmen, wie wir es meinen. Deswegen haben wir uns entschieden, etwas Symbolhaftes zu machen - und das war das Foto. Das gab es schon und wurde nun bearbeitet und zeigt, dass wir alle schwarz sind. Wir sind genauso wie ihr, und ihr seid genauso wie wir. Wir gehören also alle zusammen.

Nun sorgt diese Aktion für große Aufmerksamkeit. 

Kreibich: Das Foto war eigentlich nur für Amar und Emad gedacht. Sie sollten einen Abzug des Bildes bekommen mit dem Slogan darunter: „Wir freuen uns, dass ihr bei uns seid.“ Dass das Ganze jetzt so viel Aufmerksamkeit erfährt, haben wir nicht gedacht und auch nicht gewollt.

Welche Auswirkungen hat das für Ihren Verein? 

Kreibich: Ich komme gerade von einem Interview mit RTL, der NDR hat sich heute auch noch angekündigt. Außerdem bekommen wir natürlich viele Anfragen von Zeitungen. Das Interesse ist sehr groß.

Welche Aufgabe übernimmt der Fußball für Integration? 

Kreibich: Amar und Emad sind seit anderthalb Jahren bei uns und fester Bestandteil unserer Mannschaft. Sie kommen zu allen Geburtstagsfeiern. Mein Mannschaftskapitän Julian Dubbels hat die beiden Weihnachten zu seiner Familie eingeladen, und sie haben zusammen gefeiert und gegessen. Das zeigt: Integration ist für uns nicht nur ein Wort, und der Fußball kann helfen.

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