Der etwas andere Liebling

Weltcup in Willingen: Severin Freund ist das Zugpferd

Ein beliebter Freund: Deutschlands Topspringer klatscht mit den Fans ab. Foto: Worobiow

Willingen. Nach der Ära von Sven Hannawald und Martin Schmitt haben die Deutschen mit Severin Freund endlich wieder einen Topspringer in ihren Reihen. Und doch lässt sich an ihm ein gewisser Wandel verdeutlichen, den die Sportart erfährt - gerade auch in Willingen.

Als Severin Freund am Samstag beim Teamspringen immer weiter und weiter segelt und schließlich nach fantastischen 149 Metern landet, jubelt die Masse an der Mühlenkopfschanze so laut wie nie zuvor an diesem Tag. Sie schwenkt die schwarz-rot-goldenen Fähnchen, und aus den Lautsprecherboxen ertönt: „Oh wie ist das schön – so was hat man lange nicht geseh’n, so schön.“ So schön.

Severin Freund stellte mit seinem Sprung den Sieg im Team sicher. Aber das ist ebenso wie sein dritter Rang am Sonntag nur ein Randaspekt seiner Geschichte. Freund ist längst mehr als ein Skispringer, er ist einer der Topathleten; bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2015 belegte er hinter Triathlet Jan Frodeno Rang zwei.

Der 27-Jährige, der mit seiner Verlobten in München wohnt, hat mittlerweile die Gabe, die Menge anzulocken. Das bestätigt auch Dieter Schütz, der Pressesprecher des Weltcups: „Als er bei der Vierschanzentournee erfolgreich war, hat bei uns sofort der Vorverkauf angezogen“, sagt er. Dass an den drei Tagen mehr als 35 000 Besucher an die Mühlenkopfschanze kamen, dient auch als Beleg für die Popularität Freunds.

Wer nun aber an eine Neuauflage der verrückten Zeiten Anfang des Jahrhunderts mit Sven Hannawald und Martin Schmitt denkt, der irrt: So beliebt Freund auch ist, so sehr steht er auch für einen Wandel, der sich in der Zusammensetzung des Publikums ausdrückt. „Das ist heute viel gemischter“, sagt Marika Graf aus der Wetterau, die seit 1995 nach Willingen kommt. „Früher waren sehr viel Jüngere da.“

Der Sportler im Vordergrund

Dieter Schütz spricht von einer anderen Zeit, als noch die Mädels in Reihe eins standen und auf einen Moment mit ihrem Hanni oder dem Lilalaunebär Martin Schmitt hofften. „Diese Fans waren im positiven Sinne verrückt und in die Jungs verliebt“, sagt Schütz. „Heute steht die sportliche Leistung im Vordergrund. Die Zuschauer sind Fan des Skispringers Severin Freund und nicht des Menschen Severin Freund.“

Freund ist einer, der zwar Begeisterung, aber keinen Hype unter Teenies auslösen kann. Er kam nicht plötzlich als 17-Jähriger daher und überragte alle, sondern er hat sich über Jahre die Anerkennung hart erarbeitet, wie es Bundestrainer Werner Schuster ausdrückt. Er sagt: „Severin hat kein Popstar-Niveau. Bei ihm erkennt man erst auf den zweiten Blick, welch toller Botschafter er für den Sport ist.“ Schuster glaubt, dass diese Art von Begeisterung über Freund sich nachhaltiger auswirkt auf die ganze Sportart.

Freund dient nicht für den Personenkult. Das zeigt sich auch in Willingen. Er geht in der Regel konzentriert an der Menge vorbei, er verteilt Autogrammkarten, er ist freundlich und spricht sehr geschliffen. Aber er drängt sich nicht auf. Sein Teamkollege Andreas Wank bezeichnet ihn als extrem professionell und nennt ihn ein Vorbild für viele.

So schafft Freund etwas Wertvolles: Er ist Zugpferd, er unterdrückt aber mit seiner Anwesenheit nicht alle anderen Themen. Beim Gang durch Willingen selbst ist er nur einmal zu erkennen: auf einem Plakat, das an einer Hausfassade hängt.

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Fotos vom Freitag:

Skispringen in Willingen: Impressionen vom  Freitag

Fotos vom Samstag, Teil 1:

Weltcup Willingen: So sehen die Sieger aus

Fotos vom Samstag, Teil 2:

Skispringen in Willingen: Impressionen von Samstag

Fotos vom Sonntag:

Skispringen in Willingen: Impressionen von Sonntag

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