Wie sie durch Sport gelingt

Ex-Nationalstürmer Cacau über Integration: „Müssen Mut haben zuzuhören“

Fußball steht auch nach Cacaus Profikarriere im Mittelpunkt: Heute reist er als Integrationsbeauftragter des DFB durch Deutschland. Unser Foto zeigt ihn in Kassel. Foto: Koch

Kassel. Früher war ihm Deutschland fremd, heute hilft er Kindern und Jugendlichen, sich hier zurecht zu finden: Cacau - einst Fußballprofi in der Nationalelf und der Bundesliga - ist heute Integrationsbeauftragter des DFB.

In dieser Funktion hat er die Sport-und-Wort-Woche in Kassel besucht, ein Event das Kindern mit Migrationshintergrund durch Fußball zusammenbringt. Wie der Ballsport und Integration zusammenpassen und wie Cacau mit Vorurteilen umgeht, erklärt er im Interview.

Sie sind als DFB-Integrationsbeauftragter hier in Kassel. Was verbinden Sie denn mit der Stadt? 

Cacau: Ich war schon mal als DFB-Integrationsbeauftragter in der Region in Hofgeismar, deshalb war mir Kassel ein Begriff. Vor ein paar Tagen habe ich mit meiner Frau und meinen Kindern ein Deutschland-Puzzle gemacht. Ich wusste, wo Kassel liegt und hatte das Teil in der Hand, aber wir haben die Teile drumherum nicht gefunden. Da kamen wir kurz nicht richtig weiter (lacht).

Zu Ihrem Job: Wie passen denn Fußball und Integration zusammen? 

Cacau: Die Kinder verbessern sich in der Sprache, weil sie Spaß am Fußball haben - und sie erleben ein Miteinander. Hier in Kassel war das Turnier zwar eher für Migranten- und Flüchtlingskinder. Aber durch den Fußball kommt man auch mit den Einheimischen zusammen. Und da fangen Integration und das Leben in Deutschland an. Da, wo man versucht, miteinander zu reden und einander kennenzulernen.

Welche persönlichen Erfahrungen Ihres Starts in Deutschland bringen Sie mit ein? 

Cacau: Einige. Aber das Wichtigste aus meiner Sicht ist, dass ich beide Seiten in ihren Situationen verstehen kann. Ich kann Migranten jeden Alters sagen, was wichtig ist, um in Deutschland Fuß zu fassen. Mit derselben Autorität kann ich Menschen, die hier geboren wurden, sagen, wie sie Neuankömmlinge empfangen können. Viele wollen helfen. Und da kann ich ansetzen und vermitteln.

Die Bundestagswahl hat aber auch gezeigt, dass nicht alle Deutschen für Migration und Integration offen sind. Verändert das Ihren Job?

Cacau: Es verändert an sich nichts. Die Ergebnisse bei der Bundestagswahl zeigen eigentlich nur, dass mein Job richtig und wichtig ist. Denn es gibt nach wie vor Vorurteile, und die gilt es, abzubauen. Ich denke, wir müssen den Mut haben, zuzuhören, was die Leute beschäftigt. Es sind nicht alle Rassisten. Es sind Menschen mit Sorgen, darauf muss man mutig eingehen.

Was passiert denn, wenn man Vorurteile nicht abbaut? 

Cacau: Dann stellen Menschen, die hier ihre Wurzeln haben, ihre Vorurteile gegen die Vorurteile der Migranten. Dadurch distanzieren sich die Gruppen voneinander. Deswegen muss man mit Mut und Offenheit auf Menschen zugehen, von denen wir wissen, dass sie noch falsche Bilder im Kopf haben, aber möglicherweise noch umzustimmen sind. Extrem Rechte erreicht man schwer, aber das sind die wenigsten. Wir können noch viele Menschen für Integration gewinnen.

In der Nationalelf gibt es auch Beispiele für gelungene Ingegration. Wie sehen Sie die WM-Qualifikation des Teams? 

Cacau: Die Mannschaft war anfangs trotz der Siege nicht souverän. Das Team musste damit klar kommen, dass wichtige Spieler aufgehört haben: Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Miroslav Klose - starke Spieler und Persönlichkeiten. Die Mannschaft hat einfach ein bisschen gebraucht, um wieder in Fahrt zu kommen.

Deshalb ist es jetzt unglaublich zu sehen, wie stark sie sind, und wie viele Spieler nachgekommen sind.

Haben Sie das Gefühl, dass es ein Überangebot an Talenten im deutschen Fußball gibt? 

Cacau: Überangebot - kann es so etwas geben? Nein, viele Talente tun dem deutschen Fußball gut, sowohl in der Bundesliga, als auch international.

In der Nationalelf konnten sich die Talente richtig zeigen. Wie sieht es denn in der Bundesliga aus? 

Cacau: Trotz der vielen Talente muss man die Bundesliga-Klubs gerade kritisch sehen. Obwohl die Nationalmannschaft super spielt und viele junge Spieler nachkommen, schneiden die Vereine nicht wirklich gut ab. Spanische Mannschaften wie Atletico Madrid, Sevilla und Villareal haben zwar einen ähnlichen Etat wie Schalke und Leverkusen. Sie sind aber international deutlich besser. Da müssen die Trainer noch sehr dran arbeiten, die Bundesliga international auf ein besseres Niveau zu bringen.

Cacau (36) - eigentlich Claudemir Jerônimo Barreto - wurde in São Paulo, Brasilien, geboren und spielte ab 2000 bei SV Türk Gücü München. Mit dem VfB Stuttgart wurde er 2004 Deutscher Meister. Er schaffte den Sprung in die Nationalelf und beendete 2016 seine Karriere. Im selben Jahr wurde er DFB-Integrationsbeauftragter. Cacau lebt mit seiner Frau und drei Kindern bei Stuttgart.

Hintergrund: Was ist eigentlich Cacaus Aufgabe?

Den Job des Integrationsbeauftragten schuf der DFB vor elf Jahren. Das Ziel: Sozialprojekte in ganz Deutschland zu unterstützen, die mithilfe von Fußball Integration fördern. Cacau trifft sich mit Migranten, aber auch mit Menschen, die in Deutschland geboren wurden, sowie mit Mitarbeitern in den Projekten. Er hört ihnen zu, macht Mut und wirbt hinter den Kulissen dafür, dass Integration gefördert wird.

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