41-Jähriger im Interview

Korbacher Ex-Tennisprofi Rainer Schüttler: Tradition des Davis Cups wahren

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Er bezieht Stellung: Rainer Schüttler hat früher selbst jahrelang Davis Cup gespielt und kennt die Probleme des Turniers. 

Korbach. Der Davis Cup ist eines der ältesten Tennisturniere der Welt - aber reformbedürftig. Das sieht auch Ex-Profi Rainer Schüttler aus Korbach so. Die Pläne des Weltverbandes kritisiert er aber. 

Der Davis Cup hat ein Imageproblem: Immer häufiger sagen die Spitzenspieler ab. Der umstrittene Präsident des Tennisweltverbandes, David Haggerty, hat deswegen vorgeschlagen, den Turniermodus radikal zu verändern. Der Deutsche Tennis Bund kritisiert die Pläne scharf.

Der ehemalige Tennisprofi Rainer Schüttler (41) aus Korbach erklärt im Interview, warum auch er von den Plänen nichts hält.

Herr Schüttler, beim Davis Cup repräsentieren Tennisspieler ihr Land. Das gibt es in der Sportart sonst nur bei Olympischen Spielen. Ist das für die Topspieler kein Anreiz? Spielt da jeder nur für sich selbst?

Rainer Schüttler: Nein, gerade das Mannschaftsgefühl ist die große Chance dieses einmaligen Wettbewerbs. Das darf man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Die Prämien im Davis Cup sind deutlich geringer als bei ATP-Turnieren und Grand Slams. Macht es das für die Weltspitze so unattraktiv?

Schüttler: Zu Olympischen Spielen kommen doch fast alle Spieler – und das ohne Prämie. Ich war bei drei Olympiaden dabei. Als ich 2004 in Athen mit Nicolas Kiefer Silber im Doppel gewonnen habe, habe ich die 2000 Euro Prämie des Landessportbundes dem Behindertenverband gespendet. Der Davis Cup ist ebenso wenig eine Frage des Geldes.

Trotzdem waren beim Davis-Cup-Wochenende im Februar nur drei Top-10-Spieler dabei.

Schüttler: Die Termine liegen häufig ungünstig. Im Februar wurde nur eine Woche nach Ende der Australian Open gespielt. Außerdem passt der Belag, mal Sand, mal Hartplatz, mal Rasen, mitunter nicht in den Rhythmus der Spieler. Auch die Bälle unterscheiden sich bei den verschiedenen Turnieren. Der Tennisweltverband ITF hat es versäumt, Reformen gemeinsam mit den Spielern anzugehen.

Also sind Reformen nötig?

Schüttler: Ja, und zwar dringend. Es bringt aber nichts, wenn ständig neue Ideen in die Welt gesetzt werden. Die ITF muss seriöse Gespräche mit der ATP (Vereinigung der professionellen männlichen Tennisspieler, Anm. d. Red.), den Spielern und den Nationen führen. Das ist leider viele Jahre lang nicht geschehen.

Was muss sich ändern?

Schüttler: Ich könnte mir vorstellen, dass der Davis Cup nicht jedes Jahr ausgetragen wird. Es gibt keine andere bedeutende Sportart, die jährlich einen so großen Nationen-Wettbewerb, also zum Beispiel eine WM, ausspielt. Am wichtigsten ist, dass die Spiele nicht erst zwei oder drei Monate vor der Austragung angesetzt werden dürfen. Welcher Sponsor plant mit so kurzer Vorlaufzeit ein Event? Welcher TV-Sender hat da noch Sendeplätze frei?

Das Problem wäre mit dem Vorschlag von ITF-Chef Haggerty behoben. Was spricht gegen seine Idee eines einwöchigen Events, das jeden November in Asien ausgetragen wird?

Schüttler: Es sieht für mich so aus wie die Kopie einer Idee, die die ATP schon verworfen hat. Im November, am Ende der Saison, bekommt man nicht die Masse der Spieler. Das ist eher die Beerdigung des Davis Cups und der Versuch, ein Show-Event mit diesem Namen zu versehen.

Haggerty wird vorgeworfen, er würde die Tradition des Davis Cups über Bord werfen. Was macht das Turnier so besonders?

Schüttler: Der Davis Cup hat eine über 100-jährige Geschichte und ist die einmalige Chance, den Fans bei Heimspielen Weltklasse-Tennis zu bieten. Das darf man nicht aufs Spiel setzen. Immer neue Show-Events hat es im Tennis schon genug gegeben in den vergangenen Jahrzehnten. Davis Cup ist etwas Besonderes und muss es auch bleiben.

Wie groß war für Sie selbst die Bedeutung des Turniers zu Ihrer aktiven Zeit?

Schüttler: Ich habe sehr gerne Davis Cup gespielt. Wir hatten damals mit Nicolas Kiefer und Tommy Haas eigentlich ein Team, das weit hätte kommen können. Wir haben uns gut verstanden. Aber irgendwie war immer einer verletzt. Und es fehlte ein richtiges Team um das Team herum und die Unterstützung vom Deutschen Tennis Bund. Der war damals eher mit seinen eigenen Problemen beschäftigt.

Im September gab es viel Kritik, weil mit Kohlschreiber und den Zverev-Brüdern die drei deutschen Topspieler nicht dabei waren, als es gegen den Abstieg aus der Weltgruppe ging. Zu Recht?

Schüttler: Ich kann die Spieler verstehen. In Portugal auf Sand, direkt nach den US Open, wo auf Hartplatz gespielt wird – da sind wir genau bei den Problemen. Die Spieler müssen auf ihre Gesundheit achten, und der Davis Cup ist mit dem Modus Best of Five eine große Belastung. Aber das deutsche Team hat sich doch super verkauft, gewonnen, und jetzt hat man alle an Bord und mit dem 3:1-Sieg in Australien einen großen Erfolg erzielt. Dass mit Boris Becker nun ein mehrmaliger Davis-Cup-Gewinner im Team ist, macht die Jungs noch viel gefährlicher.

Der Modus des Davis Cups

Tennis ist auf internationaler Ebene kein Mannschaftssport – außer beim Davis Cup. An vier Wochenenden im Jahr kämpfen die Männer der besten 16 Nationen in Heim- und Auswärtsspielen um den Titel. Ein Länderspiel wird im Modus Best of Five ausgespielt: Wenn nach zwei Einzeln und einem Doppel noch kein Team drei Siege eingefahren hat, fällt die Entscheidung in einem dritten oder gegebenenfalls vierten Einzel.

Zur Person

Rainer Schüttler wurde 1976 in Korbach geboren. Von 1995 bis 2012 war er Tennisprofi und schaffte es bis auf Rang fünf der Weltrangliste. Seine größten Erfolge: vier ATP-Turniersiege, eine Olympische Silbermedaille im Doppel (2004) und der Finaleinzug bei den Australian Open (2003). Der 41-Jährige lebt mit seiner Freundin in der Schweiz. Er ist Direktor des ATP-Turniers in Genf.

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