Mehr Respekt in oberen Klassen, Zunahme bei Jugendlichen

Beleidigungen im Fußball: Rassismus steht in der Region im Fokus

Kassel. Nicht erst seit dem Fall von Gazwan Avakhti, der am 1. Februar vor dem Sportgericht des Hessischen Fußball-Verbandes verhandelt wird, steht das Thema rassistische Beleidigungen auf dem Fußballplatz im Fokus.

Doch nicht nur Ausländer werden rassistisch beleidigt, sondern auch deutsche Spieler von den Migranten. Allgemein ist der Tenor bei Spielern und Funktionären gleich: Die sprachliche Verrohung auf den Sportplätzen nimmt zu, was allerdings quantitativ nicht zu belegen ist. „Beleidigungen gibt es leider immer. Im Fußball herrscht generell eine raue Sprache. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, solange es nicht persönlich beleidigend wird“, sagt Tobias Nebe, Spielertrainer des Regionalligisten KSV Baunatal. Aber: „Rassistische Sprüche sind eine Schande“, sagt Nebe. Der Mittelfeldspieler, der viele Jahre auch in unteren Klassen kickte, hat noch etwas beobachtet: „In den unteren Klassen gibt es häufiger verbale Ausfällen.“ Grund: In höheren Ligen geht es deutlich professioneller zu. Eine Sperre bedeutet zugleich auch Gehaltseinbußen.

Lesen Sie auch:

- Rassismus? Urteil über Sperre für Fußballer der SG Calden/Meimbressen vertagt

- Gericht bestätigt: 25 Spiele Sperre für Fußballer

- Sandershausens Spielertrainer rassistisch beleidigt?

Diese These wird von Harez Habib gestützt (spielte zuletzt für den BC Sport) . Der afghanische Nationalspieler, der jetzt in Südhessen wohnt, kennt in Nordhessen fast jeden Sportplatz. „Am Anfang meiner Karriere gab es schon mal ein paar dumme Sprüche. Mit der Zeit stieg dann aber der Respekt“, so Habib. Wichtig sei es, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Auf solche Provokationen muss man als Spieler die passende sportliche Antwort geben“, so Habib.

Bei Jugendspielen werde noch mehr beleidigt als bei den Senioren, sagt Halil Öztas, Vorsitzender des Verbandssportgerichts. „Die Erziehung spielt dabei eine große Rolle. Wenn die Jugendlichen zu Hause oder in der Schule nicht richtig erzogen worden sind, zeigt sich das auch auf dem Sportplatz.“ Zu selten gäbe es geschulte Betreuer in den Vereinen, die Jugendlichen ihr Fehlverhalten aufzeigen könnten. Er sagt aber auch: „98 Prozent der Spiele laufen friedlich ab.“ Ein zunehmendes Problem seien die rassistischen Anfeindungen von Ausländern gegenüber Deutschen: „Sie werden als Nazis oder Juden beschimpft.“

Die Strafordnung sieht für Beleidigungen eine Sperre von zwei bis 18 Spielen vor. Bei rassistisch motivierten Beleidigungen sind es vier bis 36 Spielen. Hinzu kommen Geldstrafen und Platzsperren. Wie aber gehen die Schiedsrichter mit Beleidigungen auf dem Sportplatz um? „Früher wurde nicht mehr beleidigt als heute. Heute sind aber die Sprüche viel härter als früher“, sagt Kai Graviat, Schiri-Obmann im Kreis Kassel.

Deutsche werden als Nazis bezeichnet, Türken als Kanaken. „Beides ist rassistisch und muss geahndet werden“, sagt Graviat. Das heißt: Rote Karte. Die Referees sind für diese Problematik geschult, müssen die Vorgaben aber situativ umsetzen. Graviat: „Generell gilt null Toleranz bei Beleidigung.“ 

Stimmen zum Thema

Ein-, zweimal pro Saison kommen Beleidigungen vor. Auf engen Plätzen, wenn die Fans nah dran sind. Ich bin aber so konzentriert aufs Spiel, dass ich nichts höre. Einmal war es krass, als wir beim KSV in der U23 mehrere Ausländer waren. Das hatte mit Fußball nichts zu tun.“ Steven Preuss (21), 1. FC Schwalmstadt (Verbandsliga)

Bei uns in der Liga habe ich rassistische Beleidigungen noch nicht mitbekommen. Fußball ist ein Männersport mit einer derben Sprache, aber persönlich beleidigend ist zum Glück noch keiner geworden – weder die Gegenspieler noch die Zuschauer.“ Gencer Alaca (22), FSV Bergshausen (Kreisklasse A)

Es ist deutlich besser geworden. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten drei, vier Jahren Pöbeleien gehört zu haben. Es geht respektvoll zu - in beide Richtungen. Das entspricht auch der Entwicklung in der Gesellschaft, die Nationalitäten vermischen sich immer mehr.“ Seref Alkin (38), FSK Vollmarshausen (Gruppenliga)

In dieser Saison wurde ich einmal als Scheiß-Ausländer bezeichnet. Das kommt leider immer mal vor. Wichtig ist es, Ruhe zu bewahren. Die Gegenspieler versuchen einen zu provozieren. Nach dem Spiel ist das vergessen, wenn derjenige den Mumm hat, sich zu entschuldigen.“ Armin Ebadi (18), SG Dennhausen/Dörnhagen (Kreisl. A)

Bei uns in der Landesliga sind rassistische Beleidigungen kein Thema. Zuletzt habe ich das in der Jugend mitbekommen. Je höher die Liga ist, desto höher ist auch die Hemmschwelle bei Gegenspielern und Zuschauern, rassistische Beleidigungen offen auszupacken.“ Andreas Kilian (27), Tuspo Gimte (Landesliga Nds.)

Von Daniel Schneider 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.