Jetzt haben sie endlich eine Torfrau

Haddamars Fußballerinnen trainieren für ihr erstes Tor bei 101 Gegentreffern

Laura

Regen prasselt auf den Sportplatz im Fritzlarer Stadtteil Haddamar nieder. Ein Traktor tuckert vorbei.

Windböen lassen fünf Grad kälter erscheinen. Trotzdem jagen zwölf Fußballerinnen des TSV Haddamar dem Leder hinterher, weil sie in der Kreisliga A bessere Ergebnisse einfahren wollen. „Kopf hoch! Helft euch!“. Das sind die häufigsten Worte, die Coach Patrick Finster beim Trainingsauftakt von sich gibt. Angriffsabläufe hören sich so an: „Gutt, Denise. Melissa, lass dich fallen. Jetzt es Franzi. So siehts uss.“

Wie alles begann

Im Oktober 2014 hatten Laura Kiepe und ein paar Spielerfrauen der Haddamarer Männer, die in der Kreisliga A Schwalm-Eder kicken, eine Idee: Nicht nur gucken, selbst die Schuhe schnüren wollten sie. Frauenfußball gab’s beim TSV in 104 Jahren bis dahin nicht. Schnell wurde Kiepe im Freundes- und Bekanntenkreis fündig. Als Trainer ins kalte Wasser geschmissen wurde Patrick Finster. Ein 24-jähriges TSV-Urgestein, dessen Schwester Johanna eine von neun jungen Damen im 15-köpfigen Kader ist, die nie in einem Verein spielten.

Die Entwicklung

Schon der erste Test war hart. Was nicht nur an heftigen Hagelschauern Ende Juli beim 0:3 beim TSV Mardorf II lag, sondern daran, dass das unerfahrene Team Probleme mit den Regeln hatte. Da wurde schon mal aus einem Einwurf ein Einrollen. Flachabstöße gerieten viel zu kurz. „Das haben wir mit Humor genommen“, erklärt Finster. Der Trainer ist stolz auf die Entwicklung der Mannschaft. Am Anfang verfehlten Schüsse aus fünf Metern das Tor. Jetzt ist erstes taktisches Spielverständnis da.

Der Zusammenhalt

„Die Einstellung ist top. Der große Zusammenhalt ist einzigartig“, lobt Finster. Dreimal pro Woche üben sie in der Vorbereitung. Elf bis 13 Spielerinnen sind immer dabei. Einmal im Monat essen sie gemeinsam. „Wir sind gut zusammen gewachsen“, sagt Luisa Weidel. Ehrensache, dass sie und ihre Kolleginnen die Männer weiter bei ihren Partien unterstützen. Die wiederum feuern die Damen an – das ziehen sie sogar der Bundesliga im Fernsehen vor.

Die Motivation

„Wir wollen endlich unser erstes Tor schießen und dann mal gewinnen“, macht Weidel deutlich. Und erinnert gern an den größten Glücksmoment. Ein Test beim SV Seigertshausen. Da traf Julia Neuhaus – und auf der Auswechselbank kullerten Freudentränen. Schade: Aus beruflichen Gründen zog die Angreiferin kurz danach nach Düsseldorf.

Die Torfrau

Ein bisschen Kevin Großkreutz und Istanbul können sie auch im 360-Seelen-Dorf bieten. Denn die Papiere von Lisa Amrhein erreichten den Verband zu spät. Die Folge: Sechs Monate Sperre – und der TSV hatte keine Torfrau. Vier Feldspielerinnen wechselten sich ab. Amrhein gab ihnen Tipps. Jetzt ist die 18-Jährige heiß auf ihr Debüt: „Mir wird bestimmt nicht langweilig, denn ich habe mehr zu tun als in Bad Zwesten“, sagt die Nummer eins. Klar, ihr Ex-Klub ist Tabellendritter.

Die Perspektive

Jeden Doppelpass, sinnvollen Laufweg und gezielten Schuss wertet der Trainer als Erfolg. Lobt, dass sich die Mädels schneller durch die Hütchenparcours dribbeln. „Ein paar mehr dürften es aber schon werden“, findet Luisa Weidel. Dann dürfte das Team seine Ziele schnell erreichen.

Von Sebastian Schmidt

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