Teil fünf der WLZ-Serie: Die 1990er

Frauenfußball in Waldeck: Die Gründervereine kommen zurück

Zwei Fußballerinnen, die eine schießt, die andere blockt
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Zu ihrer Zeit bekannte Spielerinnen: Nicole Obler vom SV Mehlen versucht Gaby Bruynseels (Landau/Wolfhagen) am Schuss zu hindern (undatiertes Archivbild).

Europameister 1989 und 1991, eine Bundesliga für sie und nicht mehr nur für ihn: Ganz oben kommt Deutschlands Frauenfußball in die Puschen, unten bestimmen die Mühen der Ebene das Sein.

Der Frauenfußball in der Region hat ja viel erreicht. Die Liga-Hierarchie steht, Pokal- und Hallenwettbewerbe laufen, Gastspiele von Spitzenvertretern der Zunft wie SSG Bergisch-Gladbach oder TSV Siegen mobilisieren ordentlich Publikum, das Auswahlwesen ist lebendig.

Rund eine halbe Million weibliche Mitglieder zählt der DFB Mitte der 1990er, etwa zehn Mal mehr als 1970. Ob der Fußballkreis Waldeck ähnliche Zuwachsraten vorweist, können wir allenfalls vermuten, aber nicht mit Daten belegen. Die Zahl der Mannschaften aber schwankt wie eh und je. Einige gehen, und andere kommen zurück.

Das dritte Jahrzehnt

Beim Kreisfußballtag 1993 zieht der scheidende Referent Herbert Bullik – ein Mann mit vielen Verdiensten um den Frauenfußball – eine nicht eben günstige Bilanz. „Die Auflösung von Mannschaften setzte sich weiter fort“, stellt er fest. Seit 1990 hätten sich vier Frauenteams zurückgezogen.

Waldeck ist nicht allein, das Bild im gesamten Bezirk Kassel eingetrübt. Referentin Waltraud Schmidt stellt für die Zeit zwischen Anfang der 1980er Jahre und der Spielzeit 1992/93 einen Schwund von 62 auf 43 Mannschaften fest. Eine Ursache macht sie an Trainern und Betreuern fest: „Hört einer von ihnen auf, fällt oft die ganze Mannschaft auseinander.“

Hat Schmidt recht? Die Aufzeichnungen des TSV Meineringhausen scheinen die These Schmidts zu stützen. Das Gründungsmitglied der Kreisliga, seit 1981 mit eigener Sparte fürs weibliche Kicken, Bezirksliga-Aufsteiger 1986 und Waldecker Pokalsieger 1989, gerät ins Trudeln, als Klaus Pletsch nach dem Pokalerfolg als Trainer aufhört. Danach hätten sich 1990/91 „erhebliche personelle Probleme“ ergeben, heißt es in der Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des Vereins. Freilich seien sie „in beruflichen und privaten Verpflichtungen der Spielerinnen begründet“ gewesen. Trainer oder nicht?

Um was zu retten, geht Meineringhausen zur nächsten Saison eine SG mit dem SV Ittertal ein. Die Spielerinnen tragen den Zusammenschluss nur bedingt mit, Ende 1993 wird die Spielgemeinschaft aufgelöst – das Aus für den Frauenfußball im Korbacher Ortsteil. Ein Jahr später meldet Ittertal ab.

Aus für den TSV Sachsenhausen

Ein anderer Kreisligist der ersten Stunde hat früher aufgegeben. Der TSV Sachsenhausen zieht nach der Saison 1990/91 zurück. Die ehemalige Spielerin Anja Schmidt fasst die durchaus typischen Gründe heute so zusammen: „Nach dem Schulabschluss kam der Beruf, die Gründung einer Familie oder der Wegzug, sodass einige Spielerinnen mit dem Fußballspielen aufhörten.“

Nicht alle gehen von der Fahne. Anja Schmidt gibt nach einer Auszeit ihr Comeback bei Eintracht Waldeck – zusammen mit ihrer Tochter. 2017 sei endgültig Schluss gewesen, 35 Jahre nach dem ersten Ballkontakt.

Um noch einmal zu Herbert Bulliks dunkler Diagnose zurückzukommen: Er hat ja recht. Skeptisch stimmen nicht nur die frischen Verluste, es ist die Bilanz insgesamt. Zwar macht die Gleichstellung Fortschritte – zur Saison 1993/94 stellt der DFB die Frauen bei der Spielzeit den Männern gleich, auch ihr Spiel dauert jetzt 90 Minuten (vorher 80). Waltraud Schmidt sogt sich jedoch um die Basis. Während das Haus nach oben (zweigeteilte Bundesliga) weiter aufgestockt werde, „gibt es nach unten kein Fundament mehr, auf dem dieses Bauwerk steht. Es muß ja irgendwann einstürzen, weil keine Grundlage mehr im unteren Bereich vorhanden ist.“

Von neun Vereinen mit Frauenfußball bleiben zwei

In Waldeck bieten zur Spielzeit 1993/94 von den neun Vereine der ersten beiden Kreisligajahre nur noch die SG Diemelsee und der TSV Landau den „Damenkick“ an. In der Bergstadt schwächelt er. Der TSV, der immer mal Spielerinnen dazu bekommen hat, wenn in der Nachbarschaft Teams zerbrochen sind, bangt um seinen Fortbestand auch wegen einer Besonderheit als indirekter Folge der Deutschen Einheit: Belgische Spielerinnen sind mit dem Abzug der Nato-Truppen aus Arolsen in ihre Heimat zurückkehrt.

Solo geht es nicht mehr. Obmann Jaak Bruynseels lotet sogar eine Spielgemeinschaft mit dem 25 Kilometer entfernten SV Ittertal aus, doch Partner wird ein Verein in direkter Nachbarschaft: Rot-Weiß Wolfhagen. Diese Verbindung über die Grenzen zweier Fußballkreise hinweg hält bis heute, lebendig dank einer Fülle von Titeln und Erfolgen sowie, vielleicht vor allem, stetiger Nachwuchsarbeit – bis weit in die 2000er hinein ist Landau eine große Nummer im nordhessischen Juniorinnenfußball.

Die SG-Frauen steigen innerhalb von fünf Jahren von der A-Liga bis in die (heutige) Verbandsliga auf, der sie derzeit wieder angehören. Mehr noch: Landau/Wolfhagen bildet mit Korbach und Anraff nach fünf Jahrzehnten die „Großen Drei“ des Waldecker Frauenfußballs.

Westfalen-Teams sichern die Existenz der Liga

Die eigene Spielklasse für Frauen hat der Fußballkreis 1991 aufgeben müssen, Waldeck macht nun mit Wolfhagen in der Gruppe 3 der Kreisliga A gemeinsame Sache. Die Gruppen in Nordhessen verändern sich Sommer für Sommer. Es geht zu wie im Mietshaus, eine Partei zieht ein, die andere aus, manchmal steht eine Wohnung leer. 1993/94 sichern die westfälischen Klubs TuS Medebach und GW Düdinghausen (SG Grafschaft) die Existenz der A-Liga 3. Doch es tut sich was, vor allem an der Eder.

1992 vollzieht ein frischer „Player“ den Eintritt in die A-Liga: der SV Mehlen. Der Verein profitiert vom Aus der Sparte in Sachsenhausen, drei Spielerinnen wechseln vom TSV ins Edertal. Entscheidend lebt die Neugründung aber von eigener Anstrengung – sie hat viele Mädchen am Ball; seit 1987 wächst da unter Trainer Reinhard Obler etwas heran. Ein späterer WLZ-Bericht erhebt den Verein zum „Aushängeschild in puncto Nachwuchsarbeit“ bis Mitte der 1990er.

1992 schickt der SV Edergold also das erste Mal Frauen in den Spielbetrieb; sie steigen gleich auf und werden es bis beinahe zur Landesliga schaffen. Mehlen ist nun neben Anraff, Armsfeld und Battenhausen die vierte Adresse der Region Südwal-deck/Kellerwald für das feminine Fußballfach.

Hoch im Süden Waldecks

1996 kommt der TV Friedrichstein hinzu – ein Comeback, 15 Jahre nachdem die Pioniergeneration des TVF aufgegeben hat. Auch in Altwildungen steht eine fundierte Nachwuchsarbeit hinter dem Neustart. Woher diese Frauenfußball-Dichte in diesem Raum? Die Antwort auf die Frage wäre eine Extra-Untersuchung wert. Zumal im selben Jahr ein weiterer Edertaler Debütant den Platz betritt: der TSV Giflitz probiert sich mit einem ehemaligen Hobbyteam in der Liga aus.

Es reicht für ein einjähriges Solo, dann geht Giflitz mit dem SV Anraff zusammen. Diesem Zusammenschluss folgt ein zweiter: Im Jahr 2000 tritt der TV Friedrichstein der Spielgemeinschaft als dritter Verein bei – eine „schwere, aber vernünftige Entscheidung“, heißt es in der TVF-Chronik; mit ihr sei der „Grundstein für den Fortbestand des Damenfußballs beim TVF“ gelegt worden.

Wieder da: TSV Waldeck – hier mit Carola Fincke (links) – und die SG Hesperinghausen (mit Viola Angern) geben in den 1990er ihre Comebacks (undatiertes Archivbild).

Zwar bringt der Dritte im Bunde eine engagierte Nachwuchsarbeit ein, doch sonderlich breit aufgestellt ist der Mädchenfußball in Waldeck noch nicht. Mitte der 90er unterhält eine gute Handvoll Klubs ein oder zwei Juniorinnen-Teams. Wegen der weiten Fahrten? Punkt- wie Hallenrunde werden von Beginn an auf Ebene der Region organisiert. Immerhin: Stützpunkte sind eingerichtet, Schulprojekte für Mädchen auch.

Wach bleibt der Gründergeist, er regt sich ein gutes Stück die Eder aufwärts: Die Sportfreunde Ederbringhausen melden zur Saison 1994/95 erstmals Fußballerinnen zum Punktekick an; im selben Spieljahr steigt der TSV Frankenau in Waldeck ein.

Der Impuls geht in Ederbringhausen von den ganz jungen Spielerinnen aus. „Damals haben ein paar Mädchen überlegt, ob sie Fußball spielen sollten“, erzählt Egbert Koch heute. Er nimmt sich der Novizinnen gemeinsam mit Frank Grochowski als Trainer an. Nach einem Jahr Üben steigen sie in die Liga ein und machen Neulings-Erfahrungen: Schlusslicht der Staffel 3 der A-Liga.

Das wirft sie nicht um. Die Sportfreundinnen wecken Interesse in den Nachbarorten und werden es trotz Not mit dem Personal immerhin bis in die Bezirksliga bringen.

Drei weitere Klubs melden sich zurück

Eigentlich jedoch sind die 90er das Jahrzehnt der Revivals. Friedrichstein mit den Trainern Norbert Schestag und Ralf Hofmann hat den Anfang gemacht, im November 1996 folgt der VfR Volkmarsen: Der Verein stellt den Kader vor, mit dem er zur Saison 1997/98 in den Frauenfußball zurückkehren wird – der Neustart 21 Jahre nachdem die erste VfR-Generation ihr Team aufgelöst hat.

Im August 1998 zündet auch Eintracht Waldeck die zweite Stufe und stellt ein neugegründetes Team vor – sogar 25 Jahre hat der Frauenfußball im TSV brach gelegen. Es spielt seine erste Saison 1999/2000, den geplanten Neustart ein Jahr früher ist den Verantwortlichen um Abteilungsleiter Olaf Renk ein bisschen fix gegangen. Erst als die Frauen regelmäßig trainieren und der Kader 25 Köpfe zählt, melden sie.

Eine Fortsetzung nach zehn Jahren Pause erlebt der Frauenfußball schließlich auch im Roten Land. Vor der Saison 1988/89 hat der TuS Hesperinghausen den Laden dichtmachen müssen, nun kehrt er in der SG mit dem TuS Helmighausen und dem SV Neudorf zurück – im ersten Jahr in der Umgebung einer „Überbrückungsrunde“ mit 14 Teams des Bezirks. Seine erste reguläre Punktrunde in der A-Liga beendet das Team der drei Trainer Jürgen Nehm, Andreas Schweitzer und Peter Wachenfeld auf Platz drei.

Die Bilanz am Ende der 90er liest sich dann doch nicht schlecht. Sieben A-Ligisten (Armsfeld/als Meister, Volkmarsen, SG Helmighausen, Friedrichstein, Ederbringhausen, Waldeck, Anraff/Giflitz II), vier Bezirksoberligisten (Landau/Wolfhagen, Mehlen, Anraff/Giflitz, Diemelsee) und Landesligist TSV Korbach stehen in den Rankings. Zudem geht der TSV Berndorf bei der Hallenkreismeisterschaft 1999 als Neuling aufs Parkett. 13 Teams also, wie zu besten Zeiten. Wird das so bleiben?

Lesen Sie auch: Die Anfänge des Frauenfiußballs in Waldeck;

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