Im Fußball könnte die Zeitstrafe wieder eingeführt werden

Diskussion um die weiße Karte – ein Stimmungsbild von der Basis

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Sieht die Zukunft bald so aus: Auf unserer Fotomontage zeigt Schiedsrichter Markus Wingenbach schon einmal die weiße Karte. Sie soll bedeuten: Zeitstrafe.

Kassel. Die Fußballszene denkt wieder stärker über die Einführung der Zeitstrafe auch im Seniorenbereich nach.

Nachdem Michel Platini, der Präsident der Europäischen Fußball-Union, den Vorschlag einbrachte, hat nun Herbert Fandel, Chef der deutschen Schiedsrichter, die Diskussion belebt.

Fandel kann sich die Einführung einer weißen Karte als Zeichen für eine zehnminütige Zwangspause gut vorstellen, auch wenn er sagt: „Es müsste aber genauer definiert werden, bei welchen Vergehen die weiße Karte eingesetzt werden kann.“ Bisher sieht Platinis Idee vor, die Zeitstrafe dann auszusprechen, wenn ein Spieler simuliert oder dem Schiedsrichter widerspricht.

Schon in den Jahren 1978 bis 1992 durften Unparteiische hierzulande bei Amateurspielen Zeitstrafen verhängen. Die Regel wurde aufgehoben, als die Gelb-Rote Karte aufkam. Jetzt also ein Zurück? Wir haben uns mal im heimischen Fußball bei Spielern, Trainern und Verantwortlichen umgehört und gefragt, was die Beteiligten von der weißen Karte verbunden mit einer Zeitstrafe halten.

Das sagen die Betroffenen

Schiedsrichter: "Wären sehr glücklich"

Kai Graviat, Schiedsrichterobmann im Kreis Kassel, spricht sich deutlich für die Zeitstrafe aus. Der 50-Jährige sagt: „Ich glaube, alle Schiedsrichter wären sehr glücklich, wenn die Zehn-Minuten-Strafe wieder eingeführt würde.“ Er verweist auf die Erfahrungen von früher, als es eben diese Zeitstrafen bei den Amateuren gab: „Diese Strafe hat eine sehr disziplinierende Wirkung“, sagt Graviat. Und: „Sie wirkt direkt aufs Spiel ein.“

Graviat bringt in diesem Zusammenhang zugleich die Abschaffung der Gelb-Roten Karte ins Spiel, die aus seiner Sicht im Amateurbereich ohnehin nicht sinnvoll ist, weil sie anders als bei den Profis keinerlei Sperre nach Spielschluss nach sich zieht. Dazu erzählt Graviat eine Geschichte aus seinem Schiedsrichterleben: „Ich habe einmal bei Eiseskälte eine Partie geleitet und einem Spieler in der 80. Minute Gelb-Rot gegeben. Der hat sich bedankt und gesagt: ,Schiri, ich dusche jetzt warm, wenn du kommst, ist die Dusche kalt.‘ Genau so ist es dann auch gekommen.“

Dann also lieber so wie früher, als die Schiris erst Gelb zückten, dann gegebenenfalls eine Zeitstrafe aussprachen und - wenn es ganz hart kam - Rot zeigten. Wobei ein Spieler auch dann eine Zeitstrafe bekommen konnte, wenn er zuvor kein Gelb gesehen hatte.

Ob für eine Zeitstrafe dringend die weiße Karte eingeführt werden muss, da ist sich Kai Graviat nicht sicher. Schließlich sollte es ja nicht das Ziel sein, dass Schiedsrichter eines Tages mit einem ganzen Kartenspiel Fußballbegegnungen leiten.

So denken Spieler und Trainer über die Zeitstrafe

Thomas Müller (22), Spieler des Hessenligisten OSC Vellmar: „Von der Sache her ist das nichts Schlechtes. Aber die Schiedsrichter haben es eh schon schwer, genau zu beurteilen, für was es Gelb und Rot gibt. Die Zeitstrafe würde es ihnen noch schwerer machen.“

Patrick Klein (39), Trainer des Verbandsligisten TSV Rothwesten: „Man sollte die Regeln so lassen, wie sie sind. Ich wüsste nicht, wo der Vorteil von Zeitstrafen liegen sollte.“

Okan Gül (22), Spieler des Verbandsligisten BC Sport: „Zeitstrafen würden nur zusätzlich für Unterbrechungen sorgen und das Spiel dadurch langsamer machen. Gelb, Gelb-Rot und Rot - das reicht aus. Gäbe es Zeitstrafen, bekämen die Verteidiger noch eine Chance mehr. Das fände ich nicht gut.“

Lothar Alexi, Trainer des Kreisoberligisten CSC 03 Kassel: „Manches wiederholt sich. Ich war früher als Spieler auch einer, der hin und wieder von der Zeitstrafe betroffen war. Im Grundsatz stehe ich dem Vorschlag kaum kritisch gegenüber. Die Zeitstrafe gibt dem Schiedsrichter mehr Spielraum und erleichtert ihm womöglich manche Entscheidung. Er kann die Zeitstrafe aussprechen, anstatt gleich Knallrot zu zeigen. Vielleicht sollte man auch über die Einführung einer Matchstrafe nachdenken. Dann stellt der Schiedsrichter den Spieler für den Rest des Spiels vom Platz, ohne dass über eine weitere Sperre verhandelt wird.“

Eugen Tschigrinetz (28), Kapitän des Kreisoberligisten TSV Oberzwehren: „Gerade in den unteren Klassen haben die Schiedsrichter ohne Assistenten schon genug zu tun. Zeitstrafen würden das Ganze noch einmal verkomplizieren und das Spiel kaputtmachen.“

Von Florian Hagemann

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