Anlaufstelle für Geflüchtete  

Fußballer der SG Wellen/Wega leisten für Integration auch viel neben dem Platz

Mannschaft im internationalen Spielern, viele ballen die Faust
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Viele Fußballer träumen davon, international zu spielen, die Fußballer der SG Wellen-Wega haben das geschafft.

Es ist ruhig um die Geflüchteten geworden, die 2015 nach Deutschland kamen. Das liegt auch an den Fußballern der SG Wellen/Wega, die sich seit sechs Jahren darum bemühen, dass diese Menschen sich in der Fremde nicht mehr fremd fühlen.

Wellen/Wega – Flüchtling, Geflüchteter, Mitspieler. Freund? „Ja, es sind mittlerweile auch Freundschaften entstanden“, erzählt Manfred Riepel. Das ist nicht ungewöhnlich in einer Fußballmannschaft, aber die SG Wellen/Wega ist keine gewöhnliche Fußballmannschaft. Wer ihr beim Training oder Spiel zuschaut, kann das sofort hören und sehen. Die Hautfarben sind schwarz und weiß. Und hier fällt oft der Name Mohammed, zwischen Florian, Maximilian, Jan und Christian, hört man auch Abdulsallam, Jahanzeeb, Rediet, Ebrima, Hassan oder Zaynadin.

„Den vier Mohammeds haben wir Zweitnamen gegeben, damit sie jeder weiß, wer gemeint ist“, erzählt Riepel, Vorsitzender des TuSpo Wellen. Derzeit kicken 17 Geflüchtete in der ersten oder zweiten Mannschaft, die in den Kreisliga A und C antreten, sieben Afghanen, drei Äthiopier, zwei Eritreer, ein Gambier, drei Iraker und ein Somalier.

Der TuSpo Wellen ist einer von hessenweit 95 anerkannten Stützpunktvereinen, die sich der Integration von Geflüchteten durch Sport verpflichtet hat. Insgesamt trugen bereits rund 25 Geflüchtete das Trikot dieser Multikulti-Spielgemeinschaft, deren Kicker weitaus mehr mit den ausländischen Teamkollegen unternehmen als nur mit ihnen gegen den Ball zu treten.

Am Anfang sollte es um Hockey gehen

Ursprünglich sollten sie ja gegen den Ball schlagen, denn mit dieser Idee fing dieses sportliche Bündnis für mehr Menschlichkeit im Jahr 2015 an.

Der Wellener Helmut Winkler suchte Spieler für seine Hockeymannschaft in Fritzlar und er fragte nach bei den Neuankömmlingen, die in einem Haus in Fritzlarer Stadtteil Rothhelmshausen untergebracht waren. Doch die gaben Winkler einen Korb, wollten kein Hockey spielen, sondern Fußball. Aber auch für diese Sportart war Winkler der richtige Ansprechpartner, sein Sohn Lars spielte bei der SG Wellen/Wega und ist heute Obmann und Trainer der zweiten Mannschaft.

Die Geflüchteten kamen für die Vereine wie gerufen, denn das Reserveteam stand wegen akutem Personalmangel kurz vor der Auflösung. „Wir konnten zuvor schon bei zwei Spielen nicht antreten und das dritte wäre des Ende der Saison gewesen“, erinnert sich Riepel. Von nun an kamen sechs Männer zum Training, sieben Kilometer mit dem Fahrrad.

Zum Einstieg auch mal einfachste Spielformen

Dieser unverhoffte Zuwachs war zwar die Rettung für die Zweite, aber die fußballerische Qualität der Mannschaft erhöhten die Neulinge nicht. Bis auf einen hatte keiner von ihnen zuvor Fußball gespielt und das Vereinswesen kannte auch keiner aus seinem Heimatland. Kleine erzieherische Maßnahmen für ein Zuspätkommen etwa waren anfangs genauso angesagt, wie Bambini-Spielformen für Erwachsene im Training.

Manfred Riepel, Vorsitzender des TuSpo Wellen.

„Das war und ist bis heute immer noch nicht einfach“, betont Trainer Olaf Kubaink, der die SG seit zwei Jahren betreut. Da es immer noch Sprachprobleme gebe, zeichne er Übungen und Spielformen auf einen Zettel, den er auf dann den Platz lege und jeder könne bei Bedarf noch einmal drauf schauen. Aber das Lebensgefühl, komme ich heute nicht, komme ich morgen, habe sich weitgehend in Pünktlichkeit gewandelt.

Eins zeichnet vor allem die zweite Mannschaft der SG aus. Sie hat jahrelang kein Spiel gewonnen, häufig zweistellig verloren. Das frustet schon sehr und es ist eine große Teamleistung, dass kaum ein Spieler diese Verlierertruppe verlassen hat.

Eine Zeit lang immer mit Dolmetscher

Riepel dankt auch dem VfL Bad Wildungen mit seinem Geschäftsführer Wolfgang Ochs, der dem Team für ihre Auswärtsspiele einen Kleinbus kostenlos ausleiht, weil die meisten Spieler der zweiten Mannschaft kein Auto besitzen. Inzwischen bietet ihnen auch das Autohaus Faupel kostenfrei einen Bus an.

„In der Anfangszeit kam auch immer ein Dolmetscher aus Bad Wildungen, ein Araber, zum Training. Das war der Start unseres Projekts“, erinnert sich Riepel, der den Spielern quasi als Gegenleistung hilft, ihren Papierkram mit den Behörden, Arbeitgebern oder Schulen zu erledigen und Fördergelder beantragt.

„So viel Arbeit habe ich nicht damit“, betont der 66-Jährige, „aber es gibt immer wieder zwei, drei Spieler, die auch hier unsere Unterstützung brauchen.“ Ob er da nicht untertreibt? Riepel ist ein Kümmerer erster Klasse, der am liebsten so hilft, dass er dabei keine Aufmerksamkeit erregt. Er ist als Ansprechpartner meist im Training, kommuniziert dort mit den Geflüchteten telefonisch oder per Whatsapp.

Soeben hat ihm einer geschrieben, ihm seien die Fußballschuhe vor der Haustür in Wabern geklaut worden. Riepel antwortet, dass er sich neue kaufen solle, er bekomme von dem Geld aus dem Stützpunktvereinsfördertopf 50 Euro als Zuschuss.

Rundum-Service für die Mobilität

Nach zwei Jahren zogen die Geflüchteten von Rothhelmshausen in den Fritzlarer Stadtteil Werkel um. Die Unterkunft liegt direkt an einer Bushaltestelle der Linie 500, die nach Kassel und damit auch nach Wellen/Wega führt. „Das ist ein Glücksfall für uns, denn damit mussten wir die Spieler nicht mehr mit dem Auto abholen“, erzählt Riepel.

Diesen Service boten er und ein Spieler mit seinem Wagen in den Herbst-Wintermonaten. Dennoch bereitet auch das Busfahren Arbeit. Riepel besorgt die Fahrkarten, da er sie als Verein günstiger bekommt, er verteilt sie, rechnet die Fahrtkosten ab….

Überhaupt zeigen sich beide SG-Mannschaften auch neben dem Platz immer wieder als Einheit und die Spieler haben Eins-mit-Eins-Situationen geschaffen, indem deutsche Kicker Patenschaften mit den Geflüchteten eingingen.

„Wir wollten, dass alle in der Mannschaft hier mitmachen“, erzählt Spieler und Pate Florian Dehnert. Dafür müsse man sich besser kennenlernen. „Wir halten die Woche über telefonisch oder über Whatsapp den Kontakt aufrecht, reden über das Spiel, was war gut, was nicht, fragen bei Verletzungen nach, was macht das Knie, der Knöchel, sollen wir zum Arzt gehen.“

Es sei bisher noch nicht vorgekommen, dass sich ein Pate nicht mit einem Geflüchteten verstanden habe, betont Riepel. Dennoch erleben die Kicker so manch menschliches Drama mit. Philipp Wagener ist Pate von Hassan. Nachdem der Äthiopier bereits eine Berufsausbildung in Deutschland abgebrochen hat, drohte ihm der Entzug der Arbeitserlaubnis, weil ihm Ausweispapiere fehlen. Sein Arbeitgeber ist zufrieden mit ihm, hat einen entsprechenden Brief an die Behörden geschickt. Aber das reicht nicht. „Meine Freundin war hier noch engagierter als ich“, erzählt Wagener. „Wir waren mit Hassan bei der Ausländerbehörde, um uns für ihn einzusetzen, aber vergeblich.“

Hassan kann seine Identität nicht mehr nachweisen, weil wegen des vor einem Jahr ausgebrochenen Bürgerkriegs der Kontakt zu den Familienangehörigen abgerissen ist. Da ein Flüchtling auch seine im Land gebliebenen Verwandten in lebensbedrohliche Situation bringen könne, vermeidet er den Kontakt zu seiner Familie. Die Eltern könne er telefonisch auch gar nicht mehr erreichten. Der Spielerpass ist auf politischer Ebene nichts wert.

Riepel sprach mit Hassan beim Konsulat in Frankfurt vor - vergebens. Vor einigen Tagen hat die Ausländerbehörde Hassans Arbeitserlaubnis gestrichen. Er verdiente bisher rund 1400 Euro netto, nun unterhält ihn wieder die deutsche Gesellschaft mit 350 Euro Sozialhilfe. Er hat zwar jahrelang in die Arbeitslosengeldkasse eingezahlt, erhält daraus aber nicht einen Cent.

Toleranzgrenzen weiter gesteckt

Bei solchen Auf-Leben-und-Tod-Konflikten wird Fußball und die Probleme der deutschen Mitspieler schnell zur Nebensache. Die große Mehrheit der Mannschaft bestätigt folgenden Satz von Dehnert: „Was mich immer wieder freut, ist die Dankbarkeit dieser Jungs.“

Bisher habe nur ein Spieler wegen dieser Teamkollegen den Verein verlassen. „Von ihm waren auch rassistische Äußerungen zu hören“, betont Riepel. Dafür lobt er die gegnerischen Mannschaften und Zuschauer, denn von ihnen hörten seine Spieler selten rassistische Beleidigungen.

Und natürlich bekommt auch die SG in beiden Dörfern nicht nur Beifall für diese Flüchtlingshilfe. Zuschauer, die immer kämen, hätten die Jungs kennen und schätzen gelernt, erzählt der 66-Jährige. Wer seltener komme, sage schon mal: „Was ist das denn hier, man kennt ja keinen mehr auf dem Platz.“ Deshalb wäre es schön, wenn die Jungs auch im Alltag im Dorf herumlaufen würden, dann würde irgendwann das Fremde verschwinden.

Es gibt nicht nur gute Erfahrungen

Natürlich sind auch die Mannschaft und Riepel Zielscheiben von Kritikern dieses Projektes: „Dass einer etwas dagegen hat, hat mir zwar noch keiner direkt ins Gesicht gesagt, aber hinten herum haben wir schon das eine oder andere gehört.“ Auch Bekannte hätten ihm schon die Frage gestellt, warum er sich so intensiv um die Ausländer kümmere.

Mit Hilfe des Fußball im neuen Land Fuß fassen: Das wünscht sich auch Abdulsallam Alkhazzan (links), der hier ein Kopfballduell mit Florian Goebeler (SG Vöhl) austrägt.

Riepel gibt zu, dass unter den rund 25 Flüchtlingen ein oder zwei gewesen seien, die diese Hilfe ein wenig ausgenutzt hätten. Einen hat Riepel in eine Spezialklinik gebracht, aber der habe diese Hilfe nicht angenommen. Der zweite habe seine Ausbildung nach Aussicht auf Anerkennung seines Asylantrags geschmissen. Der Grund: zu wenig Lohn. Heute muss die SG aber nicht mehr die Werbetrommel für mehr Personal rühren, denn die Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Geflüchteten spüle öfters neue Spieler in den Verein.

Die meisten haben eine Arbeit

Rund 75 Prozent der geflüchteten Kicker der SG haben derzeit einen Job, zwei von ihnen haben sogar eine Ausbildung nach deutschen Kriterien geschafft. „Sie besitzen die besten Chancen für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland.“ Zwei weitere sind seit zwei Jahren unbefristet als Helfer im Handwerk tätig.

Riepel will seine Arbeit 2022 auf mehrere Schultern verteilen und selbst kürzer treten. Aber er wird weiterhin den Geflüchteten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Denn er weiß: „Wenn die Leute wieder abgeschoben werden, sind sie auch für uns verloren.“

Bei der SG treffen auch verschiedene Kulturkreise aufeinander. Da waren anfangs einige Toleranzgrenzen viel enger gesteckt als heute: Wenn die obligatorische Kiste Bier nach dem Spiel auf den Tisch kommt, tauschen die Geflüchteten, die keinen Alkohol trinken, mittlerweile die Flaschen ohne einen blöden Spruch gegen Limonade aus.

Und Mohammed geht vor einem Spiel hinter sein Auto, breitet dort eine Decke aus und spricht seine Gebete.

Vor Jahren hätten die Mitspieler darüber noch einen dummen Spruch gemacht. Jetzt sagen sie nur: Mohammed ist beten.

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