Wie Waberns Kim Sippel im Land der Cricket-Spieler das Scouting-System des Bundesligisten TSG Hoffenheim etabliert

Auf der Suche nach Indiens Lionel Messi

Alles hört auf sein Kommando: Kim Sippel gibt indischen Kindern Anweisungen. Am Ende seiner neunwöchigen Scouting-Tour wird der Torwart vom TSV Wabern 1500 Talente gesehen haben. Fotos: privat/nh

Wabern. Indien und Fußball? Indien und Fußball! 6532 Kilometer von seinem Heimatort Uttershausen entfernt war der Torhüter und Co-Trainer vom Gruppenligisten TSV Wabern Kim Sippel neun Wochen lang für den Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim im Einsatz. Seine Aufgabe: Finde Indiens größte Talente. Was Sippel vor dem Start seiner Reise noch nicht ahnt, er findet auch zu sich selbst.

Jobs im bezahlten Fußball sind rar, was zählt sind Kontakte, Kontakte und ganz wichtig: Kontakte. Sippel, der ehemalige Regionalliga-Schlussmann vom KSV Baunatal, kam über Kontakte zu seinem Indien-Abenteuer. „Über Ex-Profi Sebastian Kneißl bin ich auf das Angebot der TSG aufmerksam geworden“, erzählt er. Und dann ging alles ganz schnell.

Nach einem knapp zehnstündigen Flug landete er vor neun Wochen in Mumbai, der 12-Millionen-Einwohnerstadt (zum Vergleich: in Uttershausen wohnen gut 570 Menschen). Insgesamt war die TSG Hoffenheim in Indien mit drei Trainern vor Ort.

Die 60 besten Talente im Alter zwischen 13 und 14 Jahren, die sie in Trainingscamps finden, kommen nach Hoffenheim und werden dort fußballerisch ausgebildet (siehe Interview). Das Gute: Indiens Kinder sind fußballverrückt. Das Schlechte: Kaum einer kann Fußball spielen. Kein Wunder, wie Sippel meint. „Ich habe mir einen Sportunterricht angesehen, bei dem in die Hände klatschen geübt wurde. Ein Schüler hat sogar während des Unterrichts ein Eis gelutscht. Das ist kein Witz.“

Aber: Aufgrund der gigantischen Größe Indiens ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es im zweitgrößten Staat der Erde tatsächlich ein Talent von Weltklasseformat geben gibt.

Der Start verlief schleppend. Das größte Problem der Inder ist die Organisation. „Ich habe schnell gelernt, auf alles vorbereitet zu sein. Mal sind 60 statt der gemeldeten 20 Kinder da, mal kommt eine Cricket-Mannschaft um die Ecke und macht uns den Platz streitig oder das Training findet auf einem Busparkplatz statt.“ Im Falle des Busparkplatzes wurden die Strafraumbegrenzungen kurzerhand mit der Spitzhacke eingezogen.

In Aizawl fand Sippel dann das, wonach auch sein Arbeitgeber sucht. „In dem Gebiet gibt es ein starkes Gefälle. Entsprechend sind die Waden der Kinder ausgeprägt, die Jungs dort waren richtig schnell und viele von denen könnten locker in den Jugend-Regionalligen spielen“, erzählt der 26-Jährige.

Nach Aizawl ging es nach Bangalore, einer weiteren Millionenstadt, dem Silicon Valley von Indien. Dort erlebte Sippel dann auch die Kuriositäten des indischen Straßenverkehrs. Für die Fahrt zu einer Schule in acht Kilometer Entfernung brauchte sein Fahrer über eine Stunde. „In Indien hält sich niemand an die Verkehrsregeln. Es gibt zwar Schilder, die interessieren aber keinen. Die Hupe wird wohl in keinem Land der Welt so oft betätigt wie in Indien.“ Neben ihm fuhr ein Rollerfahrer, nach einem Schlagloch in Kratergröße war dieser einfach verschwunden. „Der Verkehr war die krasseste Umstellung. Es sind auf den Straßen ja nicht nur verbeulte Autos unterwegs, sondern auch Kühe“, so Sippel.

Trotzdem kam Sippel jeden Tag irgendwie pünktlich zu seinem Arbeitsplatz, was in Indien Schulen waren, mit denen eine Kooperation bestand. Die Gastfreundlichkeit der Inder nahm manchmal auch befremdliche Züge an. „Während einer Einheit liefen mehrmals Lehrer auf den Platz, um uns Kaffee zu bringen“, sagt Sippel und lacht.

Am Ende seiner neunwöchigen Tour hat der Torwart 1500 indische Kinder beobachtet, von denen die besten in Hoffenheim zusammengezogen werden. Und wie war das mit den Weihnachtsgefühlen? „Ein Straßenverkäufer wollte mir in Mumbai bei 35 Grad Nikolausmützen verkaufen. Ich habe dankend abgelehnt“, sagt Sippel.

Mit dem Heimweh hatte er auch dank Skype und Whatsapp keine Probleme. Am größten ist die Vorfreude nun auf seine Freundin Maike Jäger. Aber wie geht es jetzt weiter mit dem Torhüter, der einer ganzen Reihe von Tätigkeiten nachgeht? Sippel ist ja nicht nur Co-Trainer vom TSV Wabern und Stammtorwart der deutschen Kleinfeld-Nationalmannschaft, nebenbei schreibt er als Student der Uni Bayreuth seine Masterarbeit zum Thema Talentförderung, ist gelernter Produktmanager und war zuletzt bei einem Möbelproduzenten angestellt.

Durch seine Aufgabe in Indien für Hoffenheim hat Sippel jetzt den ersten Schritt in den bezahlten Fußball geschafft. Und der könnte weitergehen. „Kim kann für uns und den DFB in Indien ein Jugendleistungszentrum aufbauen“, sagt sein Chef Lutz Pfannenstiel. Dafür müsste Sippel allerdings zwei Jahre in Indien bleiben. Es scheint fast so, als wäre das Abenteuer für Sippel noch nicht beendet. Foto: nh

Von Daniel Schneider

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