Heute ist er wieder gesund

Kasseler Fußballer Mimbala spricht über seine Spielsucht

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Klare Worte – auch mit dem Megaphon: Cedrick Mimbala während seiner Zeit beim KSV Hessen.

Cedrick Mimbala war spielsüchtig. Offen wie nur wenige andere Fußballer spricht der Kasseler über die Zeit, die hinter ihm liegt. 

Der Ex-Profi des KSV Hessen, der auch schon in der 3. Liga für Fortuna Köln und Cottbus spielte, findet offene Worte. 

Können Sie heute Geld wieder entspannt in die Hand nehmen?

Jetzt ja. Vor gut elf Monaten hat das zum ersten Mal wieder geklappt. Da habe ich aufgehört zu zocken. Seitdem habe ich keinen Drang mehr verspürt, in eine Spielothek zu gehen. Ich laufe einfach daran vorbei. Dass es soweit gekommen ist, das hätte ich nicht gedacht.

Wie schwer ist Ihnen der Schritt an die Öffentlichkeit gefallen?

Gar nicht schwer. Ich hatte einfach das Bedürfnis. Das war so in mir drin, es musste raus. Irgendeiner muss ja darüber sprechen. Denn es betrifft viele Profis. Es redet eben nur keiner darüber. Aber wenn man so tief fällt, muss man etwas machen. Denn es geht ja auch auf die Leistung.

Wie haben Sie den Absprung geschafft?

Ich war am Boden, hatte einen emotionalen Zusammenbruch. Aber letztlich ging es dann von heute auf morgen. Ich bin ein gläubiger Mensch, habe gebetet. Und der liebe Gott hat mich erhört. Er war quasi mein Therapeut.

Das heißt, eine richtige Therapie haben Sie nicht gemacht?

Nein. Meine Mama hat mir gesagt, es ist vor allem eine Kopfsache. Wenn du wirklich willst, kommst du da raus. Geholfen haben mir auch meine Freundin und mein Berater Björn Kron. Aber andere Menschen benötigen sicher professionelle Hilfe, die es ja gibt. Ich war auch bei der Suchtberatung, und dort habe ich mir auch zum ersten Mal eingestanden, dass ich spielsüchtig bin.

Hätten Sie es an Ihrem Tiefpunkt für möglich gehalten, dass es Ihnen wieder so gut gehen könnte?

Geglaubt habe ich daran immer, aber es war nicht einfach. Meine Familie hat in Kassel gelebt, ich an anderen Orten. Ich war viel allein, hatte sehr viel Zeit. Das hat mich dazu gebracht, immer wieder in eine Spielothek zu gehen. Ich würde auch sagen, dass Profi-Fußballer, die viel allein sind, gefährdeter für Spielsucht sind. Wenn du mit der Familie zusammen bist, hat sie ein Auge drauf. Es ist sicherer.

Hat die Zockerei eine Lücke gefüllt?

Ja, eine Leere. Es war meine Ersatzbefriedigung. Um 13 Uhr war ich mit dem Training fertig. Dann bin ich in die Spielothek gegangen und war drin in meinem Film. Ich habe an nichts anderes mehr gedacht. Das Spielen war befriedigend. Manchmal habe ich an zwei, drei Automaten gleichzeitig gezockt, in der Hoffnung, was rauszuholen, oder einfach nur, um Zeit zu verbringen. Manchmal acht, neun Stunden am Stück. Am nächsten Tag bin ich zum Training, und dann wieder in die Spielothek. Das war ein Teufelskreis.

Wie viel Geld haben Sie verzockt?

Ich hätte mir ein Haus kaufen können. Ich habe angefangen, als ich 20 war. Hinter mir liegen also zwölf Jahre. Mal ging es ein halbes Jahr gut, dann bin ich wieder rückfällig geworden. Zum Schluss wurde es extremer, die Sucht war immer zu groß, um komplett aufzuhören. Ich konnte nicht gut mit Geld umgehen. Und immer wenn es knapp wurde, habe ich mir gesagt: Komm, geh mit zehn Euro rein, dann gehst du mit 400, 500 raus. Das ist die Zockerdenke.

Wie sind Sie da reingerutscht?

Ich hatte falsche Freunde, damals mit 20. Man probiert es aus mit ein, zwei, drei Euro. Anfangs gewinnst du immer. Dann denkst du, das läuft immer so. Tut es natürlich nicht.

Haben Sie noch Schulden?

Gott sei Dank sind die mittlerweile überschaubar. Bald habe ich alles wieder zurückgezahlt und dann das Kapitel abgeschlossen. Von Freunden habe ich mir oft etwas geliehen, habe sie belogen. Das ist das normale Zockerleben. Ohne Schulden geht es nicht. Man baut eine Lügenwelt um sich herum auf. Das ist traurig, das tut weh. Aber das war nicht ich, das war die Sucht, die in mir war.

Wann war der Tiefpunkt?

Irgendwann kam der emotionale Zusammenbruch. Als ich in Worms war, habe ich sonntags meinen Trainer angerufen und vor ihm geweint, weil ich nicht mehr konnte. Er hat sofort gesagt, mach dir keinen Kopf, wir helfen dir. Ich war Kapitän, hatte die doppelte Bürde. Ich war nur noch fertig mit der Welt. Ich habe mich in meiner Haut nicht mehr wohlgefühlt, weil ich so viel gelogen und so viele Leute enttäuscht habe. Letztlich haben wir meinen Vertrag aufgelöst, damit ich wieder bei meiner Familie sein konnte.

Indirekt hat die Sucht Sie also zurück nach Kassel geführt.

Ja. Erst wollte ich zurücktreten, dann einfach nur zur Ruhe kommen, um irgendwann wieder richtig anzugreifen. Das ist mir beim BC Sport gelungen. Wir sind aufgestiegen in die Gruppenliga, ich fühle mich dort wohl. Ich bin recht fit und möchte so lange wie möglich Fußball spielen, vielleicht auch mal wieder höherklassig.

Wie genießen Sie heute Ihre Freizeit?

Mit meinem Sohn, meiner Freundin, meinen Freunden. Und Spielotheken nehme ich gar nicht mehr wahr.

Cedrick Mimbala (32) spielt für den Kasseler Gruppenliga-Aufsteiger BC Sport. Es ist seine 17. Station im Seniorenfußball. 116-mal lief er in der 3. Liga u.a. für Fortuna Köln und Cottbus auf. Dazu kommen 90 Regionalliga-Spiele. 2018 spielte der Verteidiger, dessen Eltern aus dem Kongo stammen, ein halbes Jahr für den KSV Hessen. Nach dem Abstieg wechselte er nach Worms, dann zum BC Sport. Er lebt mit Freundin Jennifer und Sohn Luan Levi (20 Monate) in Kassel.

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