Am Samstag fällt Entscheidung über Saisonabbruch

HFV-Präsident Stefan Reuß im Interview vor dem Fußball-Verbandstag: „Sportlich fairer Vorschlag“

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Offiziell wurde die Saison noch nicht abgebrochen: Es ist aber zu erwarten, dass die Spielzeit am Samstag beim Verbandstag beendet wird – auch für den KSV Hessen, der im Auestadion seine Heimspiele austrägt.

Die Fußballer schauen am Samstag gespannt nach Grünberg. Dort findet der außerordentliche und digitale Verbandstag des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) statt. Es steht die Frage im Fokus: Wie geht es mit der Saison 2019/20 weiter? Der HFV empfiehlt den Delegierten für den Saisonabbruch mit Aufsteigern und keinen Absteigern zu stimmen. Zudem soll der jeweils nach Punkte-Quotient beste Teilnehmer der Aufstiegsrunden und Relegationen aufsteigen. Wir haben mit HFV-Präsident Stefan Reuß über den Verbandstag, den Saisonabbruch und die Corona-Krise gesprochen.

Herr Reuß, wie froh sind Sie, dass am Samstag die endgültige Entscheidung über die Saison fällt?

Es ist gut, dass wir jetzt eine finale und offizielle Entscheidung treffen werden. Der Verbandsvorstand hat ja zuvor schon Empfehlungen erarbeitet. Diese sind bekannt, es wurde schon viel darüber diskutiert. Es muss jetzt ein Schlussstrich gezogen werden.

Der HFV hat auf Grundlage der Vereinsbefragung seine Empfehlung zum Saisonabbruch ausgesprochen. Gibt es einen Grund zum Zweifeln, dass dem nicht zugestimmt wird?

Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Vorschlag angenommen wird. Aber ich weiß, dass dieser nicht zu 100 Prozent auf Zustimmung stößt. Es gibt Tabellenzweite, die wollen, dass alle Aufstiegsrunden- und Relegationsteilnehmer aufsteigen. Zum anderen gibt es die Interessenslage aus der Region Frankfurt. Diese Vereine befürchten, dass die Ligen zu groß werden. Ich habe für diese Sichtweisen Verständnis. Wir müssen damit umgehen können.

Also müssen Sie sich auf Diskussionen einstellen?

Ja, aber das ist bei einem Verbandstag auch legitim.

Ist der HFV-Vorschlag auch das Szenario, das Sie selbst bevorzugen?

Wir haben viel abgewogen und sehr intensiv geschaut, dass wir möglichst Rechtssicherheit haben. Rechtsberater haben die Güter- und Interessenabwägung geprüft. Wir sind so und nach intensiven Beratungen in den Kreisen und Regionen zu dieser Entscheidung gekommen. Für mich persönlich ist der Vorschlag sportlich fair und ausgewogen. Natürlich weiß ich aber auch, dass dies nicht jeder so sieht.

HFV-Präsident Stefan Reuß. Foto: Gerhard MenkelDie Aufstiegsspiele und Relegationen waren länger ein Thema. Warum hat sich der Verband für die empfohlene Lösung entschieden?

Wir hatten zunächst die klar empfohlene Rechtsposition, dass es Aufsteiger nach Punkte-Quotienten und keine Absteiger geben soll. Dann kam aus dem Verbandsvorstand heraus der Wunsch, über die Tabellenzweiten, die sich für die Aufstiegsspiele und Relegationen qualifiziert haben, nachzudenken. Die Entscheidung haben wir uns nicht leicht gemacht, haben es rechtlich prüfen lassen. Am liebsten wäre uns gewesen, alles Ausspielen zu lassen, aber das geht nun mal nicht. Daher brauchten wir ein Vehikel. Die Rechtsberater haben gesagt, dass es unter diesen Umständen in Ordnung ist, auch Teams aus verschiedenen Staffeln mit dem Punkte-Quotienten zu vergleichen.

Welche Rolle hat der Widerspruch des KSV Hessen und anderer Vereine gespielt?

Als der Antrag des KSV Hessen kam, haben wir die Argumentation auf Anhieb unterstützt. Natürlich helfen wir einem hessischen Verein beim Versuch, in die Regionalliga aufzusteigen. Beim Zusammenschluss der 50 Vereine haben wir uns mit deren Argumenten auseinandergesetzt und rechtlich geprüft. Aber selbst in dieser Gruppe gab es unterschiedlichen Forderungen. Die einen wollten, dass der Verein mit dem besten Punkte-Quotienten in Aufstiegsspielen oder Relegation hochgeht, die anderen, dass alle Teilnehmer aufsteigen.

Inwiefern werden die neue Saison und eine Verlängerung des Transferfensters beim Verbandstag eine Rolle spielen?

Beim Verbandstag werden das keine Themen sein. Sie stehen nicht auf der Tagesordnung und wären ansonsten auch Themen in den Gremien Verbandsspielausschuss oder -vorstand. Wir können heute natürlich noch nicht genau sagen, wann die neue Saison beginnt. Wir hoffen aber am 1. September. Den Termin haben wir ausgewählt, weil bis zum 31. August in Hessen die Verordnung gilt, dass Großveranstaltungen verboten sind. Wann die neue Saison beginnen kann, hängt von behördlichen Entscheidungen ab.

Was sind dann neben dem Saisonabbruch weitere wichtige Themen beim Verbandstag?

Das Hauptthema ist die Beendigung der Saison 2019/20, und in welchem Modell dies stattfinden wird. Daran orientieren sich alle anderen Anträge. Dabei geht es auch um die Haftungsfreistellung. Außerdem soll ein Beschluss gefasst werden, dass der Verbandsvorstand über den Fortgang einer Saison bestimmen darf und nicht wieder ein außerordentlicher Verbandstag dafür einberufen werden muss, wie es jetzt der Fall ist.

Der HFV hat sich bei seiner Empfehlung länger Zeit gelassen als zum Teil andere Bundesländer. Warum wurde dieser Weg gewählt?

Ich habe immer gesagt, dass die Nachhaltigkeit der Entscheidung vor Schnelligkeit geht. Wir haben abgewartet, welche behördlichen und rechtlichen Vorgaben es gibt. Ich denke, wir haben es ordentlich und transparent gemacht. Nach jeder Vorstandssitzung haben wir die Vereine und Medien über Zwischenstände informiert. Und die offizielle Entscheidung werden wir früher treffen als andere Verbände. Niedersachsen hat seinen Verbandstag beispielsweise später als wir. Bayern und Thüringen mussten keinen Verbandstag veranstalten, da sie die Saison fortsetzen.

Wie schwer ist die Arbeit für den Verband in der Corona-Zeit?

Es gibt deutlich mehr Abstimmungen in den Gremien als in normalen Zeiten. Wir haben uns schnell die Frage gestellt: Was können wir unseren Vereinen anbieten? Wir haben früh den E-Football-Cup eingeführt und uns überlegt, was wir mit den Auswahlen und dem Training der Vereine machen. Wir waren der erste Landesverband, der Trainingstipps herausgegeben hat. Eine weitere Frage ist, wie wir viele junge Spieler im Jugendbereich halten können.

Sie sind Landrat und HFV-Präsident. Und damit als Krisenmanager doppelt im Einsatz. Wie sieht Ihre Gefühlslage derzeit aus?

Ich versuche, in solchen Situationen Ruhe zu bewahren. Das bekomme ich von verschiedenen Seiten auch immer wieder bestätigt. Aber man stößt dennoch derzeit an die Grenzen der Ressourcen. Mein Beruf verlangt mir schon sehr viel ab und wenn man dann auch in seinem Ehrenamt unvorbereitet in so eine Krisensituation gerät, ist das schon kräftezehrend. Vor allem mit dem Wissen, dass man es nicht allen Recht machen kann und es Kritik sowie Anfeindungen gibt. Das ist nicht gerade ehrenamts-fördernd.

Wie schwer wird es, die kommende Saison zu planen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Flexibilität und Kreativität bei den Entscheidungen benötigen. Wenn wir es noch nicht gelernt haben, müssen wir es jetzt schnell lernen, dass wir diese Situation nicht mit den seit 70 Jahren praktizierten Abläufen normal bewältigen können. Wir müssen uns die Frage stellen: Wie können wir kreativ einen Meister ausspielen, wenn der Zeitrahmen eng wird? Eine Möglichkeit wären beispielsweise Playoffs. Wir müssen dann vielleicht auch aus dem festen Denken ausbrechen, dass eine Saison von August bis Ende Mai dauert. Die DFL hat es ja vorgemacht. Wer hätte gedacht, dass die Bundesliga im Juni noch spielt?

Zur Person

Stefan Reuß (49) ist seit Juni 2016 Präsident des Hessischen Fußballverbandes (HFV). Im Fußball war er bis Mitte der 1990er Jahre als Schiedsrichter bis zur DFB-Ebene aktiv. Er stammt aus Velmeden, seit 2006 ist der SPD-Politiker Landrat des Werra-Meißner-Kreises. Reuß ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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