Interview: Hüseyin Üstün hört als Trainer bei den Türkgücü-Fußballern auf – er blickt zurück

„Man macht viel Sozialarbeit“

Disziplin vor, während und nach dem Spiel: Hüseyin Üstün zeigte als Trainer von Fußball-Gruppenligist SV Türkgücü bei aller Freundschaft und Fürsorglichkeit stets auch klare Kante. Archivfoto: Hofmeister

Kassel. Eigentlich wollte Hüseyin Üstün im Herbst 2009 das Traineramt bei Fußball-Kreisoberligist SV Türkgücü Kassel nur für die vier Spiele bis zur Winterpause übernehmen. Doch er hatte Erfolg, fand Gefallen an seinem Amt, und so wurden daraus fast sechs Jahre - inklusive Aufstieg in die Gruppenliga. Zum Saisonende geht der 45-Jährige – auf eigenen Wunsch. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt er zurück auf seine Zeit in der Nordstadt.

Herr Üstün, welches sind die Gründe für ihren Abschied von Türkgücü?

Hüseyin Üstün: Ich habe gemerkt, dass die Luft raus ist. An einige Spieler, die ebenfalls schon lange hier sind, komme ich nicht mehr heran. Mich selbst zu motivieren, fiel immer schwerer. Ich habe viel Kraft reingesteckt, weil man hier als Trainer mehr tun muss als anderswo.

Sie meinen, mehr als bei deutschen Vereinen?

Üstün: Auf jeden Fall. Ich habe gelernt, dass man bei Türkgücü nicht nur seinen Trainerjob macht, sondern auch vieles drum herum. Es gibt keinen Abteilungsleiter. Da geht es den Kollegen in deutschen Klubs besser. Ich möchte das aber nicht negativ sehen, es ist eine Frage der Kultur. Im Vorstand türkischer Klubs mischen oft Leute mit, die sich nicht auskennen. Wenn jemand kommt, der sein Wissen einbringt, nehmen sie das gern an.

Welche Aufgaben haben Sie neben dem Traineramt mit übernommen?

Üstün: Ich habe zum Beispiel die Organisation der erfolgreichen Blutspendeaktion mitgewirkt und viele Sponsoren, darunter den größten, ins Boot geholt. Auch an der Verbesserung der Außenpräsentation von Türkgücü habe ich mitgewirkt.

Kollegen von Ihnen sprachen davon, als Trainer in der Nordstadt auch Sozialarbeiter zu sein. Können Sie dies nachempfinden?

Üstün: Ja schon, man macht viel Sozialarbeit. Manchmal kommen Spieler, die keinen Job haben, und suchen Unterstützung. Mit denen schreibe ich auch Bewerbungen. Ich will den Jungs was mitgeben, bin nicht nur Trainer, sondern auch Lehrmeister für allgemeine Lebenssituation.

Gibt es dazu weitere Beispiele?

Üstün: Ja, es kommt auch vor, dass ich Spieler zur Arbeitsagentur begleite, die dort allein womöglich nicht klarkämen. Oder ich gehe mit, wenn sich einer für einen Praktikumsplatz vorstellt. Oft kann ich über meine im Fußball gewachsenen Beziehungen helfen.

Gelegentlich werden türkischen Mannschaften Probleme mit der Disziplin nachgesagt. Können Sie dies anhand Ihrer Erfahrungen bestätigen?

Üstün: Nein, allerdings setzte ich auch auf tadelloses Verhalten. Meine Devise lautet ,Disziplin vor, während und nach dem Spiel‘. Die habe ich durchgesetzt. Zudem ist das Image von Türkgücü viel besser geworden, auch deshalb, weil uns der Integrationspreis verliehen wurde. Im Zuge dessen sind auch die negativen Äußerungen uns gegenüber ganz selten. Das war früher schlimmer. Man respektiert uns inzwischen.

Warum gibt es fast keine deutschen Trainer bei türkischen Klubs sowie türkische Trainer bei deutschen Klubs?

Üstün: Darüber mache ich mir auch schon lange Gedanken. Ich weiß es nicht. Außer Osman Duygu in Großalmerode oder Halil Inan in Kirchberg/Lohne kenne ich keinen. Vielleicht trauen sich die Klubs nicht. Oder die deutschen Vereine haben Angst, ein türkischer Trainer würde zu viele türkische Spieler oder Ausländer überhaupt mitbringen. Schade, dass man ihnen die Chance nicht gibt, eine ganz andere Mentalität könnte doch sehr gut tun.

Kommt angesichts des Abschieds Wehmut auf?

Üstün: Ein wenig schon. Es war eine lange Zeit, ich habe hier etwas aufgebaut. Aber ich kehre ja dem Verein nicht den Rücken, sondern spiele weiter für die Altherren und pfeife auch für Türkgücü.

Von Wolfgang Bauscher

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