Mainzer Torwarttrainer Kuhnert: Es ist brutal

Nach Karius-Patzern: So fühlen Torhüter aus der Region mit ihm

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Am Boden: Nach dem Abpfiff des Champions-League-Finales kniet Loris Karius alleine auf dem Rasen des Olympiastadions in Kiew. Karius hatte mit zwei schweren Fehlern entscheidenden Anteil an der Niederlage des FC Liverpool gegen Real Madrid.  

Kassel. Auch Tage nach dem Finale der Fußball-Champions-League sind die zwei schweren Fehler von Liverpools Torwart Loris Karius das beherrschende Thema.

Wir haben uns bei aktiven und ehemaligen Torhütern aus der Region umgehört. Das sagen sie zu Karius:

Stephan Kuhnert

Stephan Kuhnert (57 Jahre/aus Baunatal/Torwarttrainer bei Bundesligist Mainz 05 und Ex-Trainer von Loris Karius): „Auf solche Situationen kannst du einen Torwart nicht vorbereiten. Es ist einfach brutal, wenn du in einem Finale gleich zweimal patzt. Ich fand es gut, dass Loris auf dem Feld geblieben ist und zu den Fans gegangen ist. Das zeugt von Größe. Wenn ich ihm in dieser Situation einen Tipp geben kann, dann ist es der: kein Fernsehen, kein Radio und einfach in den Urlaub verschwinden. Bei aller berechtigter Kritik: Loris spielt nicht ohne Grund in Liverpool – das ist ein Top-Torhüter und ein toller Junge. Ich hatte ihn einige Zeit unter meinen Fittichen und Loris hat speziell in einer Saison überragend gehalten – obwohl er noch sehr jung und unerfahren war.“

Jannik Strüber

Jannik Strüber (20/ aus Wulften am Harz/Stammtorwart beim Oberligisten FC Eintracht Northeim): „Beim ersten Tor hat Karius vielleicht darauf spekuliert, dass Benzema ihn gar nicht anläuft. Als Torwart darf man sowieso keine Fehler machen und wenn es doch passiert, muss man ihn sofort abhaken und weiterspielen. Dass das in einem solche wichtigen Spiel nicht ganz so einfach ist, kann ich gut nachvollziehen. Die Verunsicherung des ersten Fehlers kann sicher auch den zweiten Fehler herbeiführen. Der Umgang damit ist eine Frage der Persönlichkeit. Wie die Fans auf Karius’ Entschuldigung reagiert haben, ist klasse, das macht Liverpool aus.“

Johannes Schmeer

Johannes Schmeer (29/aus Großropperhausen/Stammtorwart beim Verbandsligisten SSV Sand): „Er hat die Situation beim Abwurf vollkommen unterschätzt. Er wollte das Spiel schnell machen, und das ist vollkommen missglückt. In einem so wichtigen Spiel wie diesem denkt man schon mehr über solche Fehler nach. Auch ich habe schon diese Erfahrung gemacht. Wenn man im Anschluss nicht die Chance bekommt, sich auszuzeichnen, dann wird das Abhaken noch schwieriger. Auch beim zweiten Fehler hat er die Situation wohl falsch eingeschätzt, auch wenn die neuen Bälle schon stark flattern.“

Zoran Zeljko

Zoran Zeljko (49/wohnt bei Kassel, Bundesligatorwart beim MSV Duisburg, außerdem auch bei Hessen Kassel, Baunatal und Lohfelden, uletzt Trainer von Hajduk Kassel): „Der erste Fehler von Karius war ein kompletter Blackout, das darf so nicht passieren. Beim zweiten Tor spielen mehrere Faktoren mit rein, ohne den Fehler komplett zu entschuldigen. Bale hat einen starken linken Fuß, außerdem sind Distanzschüsse seine Spezialität. Er hat schon viele solcher Tore aus der Distanz gemacht. Dazu kommt, dass die modernen Bälle, die komplett aus Kunststoff sind, es den Torhütern sehr schwer machen, sie einzuschätzen. Ich sehe es wie Oliver Kahn: An so einem Erlebnis kann man zerbrechen. Es tut mir sehr leid für den Jungen.“ 

Auch sie patzten: Von Oliver Kahn bis Bernd Meier

Loris Karius war nicht der erste Torwart, der in einem wichtigen Fußball-Spiel patzte. Schon einigen Kollegen sind kapitale Fehler unterlaufen. Wir haben ein paar prominente Beispiele zusammengetragen: von Oliver Kahn bis Bernd Meier.

Oliver Kahn: Bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea im Jahr 2002 spielte der Bayern-Keeper Kahn ein hervorragendes Turnier. Allerdings machte die deutsche Nummer eins im Endspiel gegen Brasilien keine glückliche Figur. In der 76. Minute musste Kahn einen haltbaren Schuss von Rivaldo abprallen lassen – Ronaldo brauchte nur noch einzuschieben. Trotz dieses Patzers wurde Kahn zum Spieler des Turniers gekürt.

Sven Ulreich: Der Münchner Sven Ulreich erwies sich in der Saison 2017/18 als ein großartiger Ersatz für den langzeitverletzten Manuel Neuer. Aber auch er erlebte einen ganz bitteren Moment – und das war im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid. Nach einem unnötigen Rückpass von Corentin Tolisso wusste Ulreich mit dem Ball nicht so viel anzufangen. Aufnehmen? War regeltechnisch nicht erlaubt. Also versuchte er, das Spielgerät mit dem Fuß zu erwischen. Dies gelang ihm nicht. So hatte Karim Benzema leichtes Spiel – und musste das Leder nur noch zum zwischenzeitlichen 2:1 der Madrilenen über die Linie drücken. Die Partie endete 2:2 – und die Bayern schieden aus.

Toni Schumacher: Und noch einmal ein Endspiel mit deutscher Beteiligung: 1986 traf das DFB-Team im Finale auf Argentinien – und verlor knapp mit 2:3. Dabei sah Schumacher beim 0:1 alles andere als gut aus. Nach einem Freistoß von Jorge Burruchaga in der 23. Minute sprang der Keeper vom 1. FC Köln unter dem Ball durch. Nutznießer war Jose Luiz Brown, der per Kopf das Leder recht mühelos über die Linie beförderte.

Jens Lehmann: In der Bundesliga-Saison 1999/2000 lief es für Borussia Dortmund überhaupt nicht gut. Das lag unter anderem daran, dass die Borussen zum Anfang der Rückrunde eine Serie mit fünf sieglosen Begegnungen hinlegten. Beim fünften Auftritt erlaubte sich Jens Lehmann einen folgenschweren Fehler. Nach einem Rückpass konnte er den Ball nicht stoppen – Martin Max, Stürmer von 1860 München, schaltete am schnellsten, schnappte sich das Leder und traf. Unter dem Strich stand für die Dortmunder nur ein 1:1-Unentschieden.

Bernd Meier: Vier Jahre, zwischen 1994 und 1998, hütete Bernd Meier das Bundesliga-Tor von 1860 München. Ausgerechnet in einem Stadtderby im April 1998 gegen den FC Bayern war er in einem Moment nicht aufmerksam genug. Gerade, als er den Ball aus dem eigenen Strafraum schlagen wollte, spitzelte Stürmer Carsten Jancker dem erfahrenen Schlussmann der Löwen den Ball vom Fuß und schoss ihn ins Gehäuse der Sechziger. Die Begegnung vor 69 000 Zuschauern im Olympiastadion endete mit einem 3:1-Erfolg des Rekordmeisters. Meier starb am 2. August 2012 im Alter von 40 Jahren an einem Herzinfarkt. (rax)

Archivfotos: Fredrik Von Erichsen/dpa, osx/nh, Andreas Fischer/nh

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