Sebastian Lehne wirbt für wichtige Aufgabe

Mündener Schiedsrichternachwuchs dringend gesucht

Vorsitzender der Mündener Schiedsrichterkameradschaft Sebastian Lehne.
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Seit einem Jahr Vorsitzender: Sebastian Lehne.

Die Mündener Schiedsrichter-Kameradschaft feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Von den 72 Mitgliedern ist nur noch ein relativ kleiner Teil auf den Fußballplätzen aktiv.

Hann. Münden – Die Altersstruktur hat sich über die Jahrzehnte hinweg stark verändert. Sebastian Lehne, der vor einem Jahr den Kameradschaftsvorsitz von Wolfgang Bickmeyer übernommen hat, redet nicht lange um das Problem herum. „Julius Barth, Christian Ring und ich machen den Alterschnitt fast schon kaputt mit unseren 27, 40 und 37 Jahren. Wir haben einen Durchschnitt von 64; da muss sich unbedingt etwas ändern“, sagt der Lippoldshäuser, der für die SG Werratal pfeift.

Das komplette Obergericht ist für die Mündener förmlich ausgestorben, nachdem die Staufenberger Vereine in den hessischen Verband gewechselt sind. In Münden haben schon mehrere Unparteiische die 70 überschritten, an Nachwuchs mangelt es seit Jahren. Da es anderswo im Kreis auch nicht viel besser aussieht, lautet die Frage, wie lange können die Spiele im Erwachsenenbereich noch durchgängig mit Unparteiischen besetzt werden?

Der letzte Anwärterlehrgang im Altkreis sollte Ende Oktober in Lippoldshausen stattfinden, doch fiel er den Corona-Beschränkungen zum Opfer. Der Kurs wäre der erste seit Langem gewesen. „Die Vereine haben noch gar nicht begriffen, dass sie nicht nur Spieler, sondern auch Schiedsrichter ausbilden müssen“, meint Lehne. Sollte sich der Mangel an Unparteiischen fortsetzen, so hätte das schwerwiegende Konsequenzen für den Spielbetrieb: Bereits in dieser Saison wurden zu Großfeldspielen der D-Jugend keine offiziellen Schiedsrichter mehr angesetzt. Das Problem mussten die Vereine selbst lösen, indem wie schon in den jüngeren Jahrgängen beispielsweise Betreuer pfiffen. Die Gefahr, dass sich der Schiedsrichtermangel bald auch im Seniorenbereich auswirkt, ist real. Zu allererst würde es dann die unterste Spielklasse (3. Kreisklasse) treffen. Seit Jahren wird davon auf den Kreisfußballtagen gesprochen, positive Veränderungen blieben aber aus.

Prinzipiell, da ist sich Lehne sicher, müssen die Vereine im Altkreis Münden schnell wach werden und größere Anstrengungen unternehmen. Ansonsten könnten künftig hauptsächlich Schiedsrichter aus dem Göttinger oder auch länderübergreifend aus dem Kasseler Raum Spiele leiten. Das hätte auch finanzielle Folgen für die Vereine, die sich auf deutlich höhere Aufwendungen für die Fahrten der Schiedsrichter einstellen müssten.

Unparteiische zu finden ist für die Vereine noch nie leicht gewesen. Allerdings dürfte es früher etwas einfacher gewesen sein, jemanden zu überzeugen. Die Schiedsrichter hatten höheres Ansehen und waren auf dem Feld Respektspersonen. Wenn ein Vorstandsmitglied eines Vereins auf einen seiner Ansicht nach geeigneten Kandidaten zuging und ihn fragte, ob er den Lehrgang absolvieren wolle, war eine abschlägige Antwort eher selten. Daran kann sich auch Sebastian Lehne erinnern, der seine Schiedsrichterprüfung schon vor 23 Jahren ablegte. Damals sei an ihn als 14-Jährigen der Vorsitzende der Kameradschaft, Ernst Polej, herangetreten. Auf die Idee, Nein zu sagen, sei er nicht gekommen. „Mir haben die teilweise recht weiten Fahrten auf Bezirksebene, natürlich damals als Linienrichter, immer großen Spaß gemacht“, so Lehne. Ich konnte damit ja mein Taschengeld aufbessern und schließlich kommt man als Schiedsrichter umsonst zu Profispielen in die Bundesliga-Stadien. Das ist auch heute noch so.“

Später hat Lehne weitere positiven Seiten der Aufgabe kennengelernt: „Wenn man da durchkommt, bringt die Schiedsrichterei einem persönlich sehr viel. Das kann auch für den Job neue Erkenntnisse bescheren.“ Souveränes Auftreten und Durchsetzungsvermögen müsse man sich natürlich erst erarbeiten, aber dann mache die Aufgabe als 23. Mann auf dem Platz auch jede Menge Spaß.

Unter anderem könnten Jugendliche, denen der Aufwand als Spieler zu viel ist, durch das Schiedsrichterwesen dem Sport erhalten und im Verein weiter aktiv bleiben. Auch das ist laut Sebastian Lehne ein nicht zu unterschätzender Vorteil für so manchen Hobbykicker.

Eine weitere Aufstockung der Aufwandsentschädigungen könnte zu einer Attraktivitätssteigerung beitragen. Derzeit bekommen die Männer und Frauen an der Pfeife für ein Kreisklassenspiel 22 Euro plus Kilometerpauschale. Gekümmert wird sich um neue Schiedsrichter laut Lehne schon: Man bekommt zu Beginn einen erfahrenen Kollegen beiseitegestellt und wird zunächst sogar zu den Spielen abgeholt.

Größere Disziplin und Zurückhaltung der Spieler wäre wichtig, um junge Schiris nicht gleich zu verschrecken. Jene Spieler, die am meisten meckerten, dürften später die Ersten sein, die sich über fehlende Unparteiische aufregten, ist Lehne überzeugt.

Aus der Not heraus hat sich ein regelrechter Markt für Schiedsrichter entwickelt – besonders in Göttingen und Kassel. Die Klubs dort unterbreiten laut Lehne bisweilen finanzielle Anreize für einen Vereinswechsel. In Hessen ist der Druck sogar noch größer. Denn dort werden nicht nur Geldstrafen für fehlende Schiedsrichter erhoben, sondern auch Punktabzüge durchgesetzt.

Zu ihrem 40. Geburtstag will die Schiedsrichterkameradschaft Münden im Oktober feiern. „Ganz beiseitegelegt haben wir das trotz Corona noch nicht“, bekräftigt Lehne abschließend. (Manuel Brandenstein)

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