„Süßes an DDR-Bürger verteilt“

Treffen der Nachbarn: Am 30. Dezember 1989 gastierte der ESV Gerstungen erstmals in Obersuhl und traf in einem Freundschaftsspiel auf die SG Wildeck. Kapitän Wolfgang Witzel (vorn rechts) begrüßt den Gerstunger Spielführer Peter Kutza. Hinten von links: Ein Gerstunger Funktionär, Obersuhls Ortsvorsteher Josef Keck, Kreisschiedsrichterobmann Karl-Heinz Blumhagen und Heinz Berge, der Schiedsrichter der Partie. Foto: nh

Obersuhl. Nach dem Fall der Mauer in Berlin hat es nicht lange gedauert, bis auch der Stacheldrahtzaun zwischen der DDR und der Bundesrepublik durchlässig wurde.

Zwischen Gerstungen (Ost) und Obersuhl (West) wurde am 12. November 1989 erstmals ein Loch in den Stacheldraht geschnitten.

Für den damaligen Fußball-Bezirksligisten SG Wildeck, der 1989 von den westlichen Zonenrandvereinen SV Eintracht Obersuhl und TSV Edelweiß Bosserode gebildet wurde, hatte die Grenzöffnung auch sportliche Bedeutung. Über den 12. November 1989 und seine Folgen am Beispiel zweier relativ kleiner Klubs haben wir mit Thomas Becker gesprochen. Becker war am 12. November 1989 Vorsitzender der SG Wildeck und des TSV Edelweiß Bosserode.

Herr Becker, wo waren Sie am 12. November 1989, als bei Obersuhl das erste Loch in den Stacheldrahtzaun geschnitten wurde? 

Thomas Becker: Der 12. November war ein Sonntag. Wie sich das für den Vorsitzenden einer Spielgemeinschaft und eines Vereins gehört, war ich auf dem Sportplatz.

Der Sportplatz in Bosserode ist nur rund 1500 Meter von der Stelle entfernt, an der die Trabi-Karawane die Grenze passierte. War in diesem Moment Fußball noch wichtig? 

Becker: Ich war schon sehr aufgewühlt, denn ich war vier Jahre alt, als 1961 der Stacheldrahtzaun errichtet wurde. Die Grenze, die rund 30 Meter von einem unserer Ackerfelder entfernt war, war 28 Jahre allgegenwärtig, und ich war mir sicher, dass ich ihren Abriss nicht erleben würde. Aber am 12. November habe ich mir trotzdem das Fußballspiel der Kreisliga A zwischen unserer Reserve und der SG Breitenbach bis zum Schluss angesehen.

Und nach dem Schlusspfiff? 

Becker: Da gab es den ersten Stau auf der Landesstraße zwischen Obersuhl und Hönebach, die voller Trabis war. Ich bin dann schnell nach Hause gegangen, habe die für unsere Weihnachtsfeier vorgesehenen Süßigkeiten geholt und unter den DDR-Bürgern verteilt.

Wann kam erstmals der Gedanke auf, dass auch Sportvereine von der neuen Situation profitieren könnten?

Becker: Das hat nicht lange gedauert, denn DDR-Spieler konnten jederzeit wechseln. Deshalb gab es keine Regelungen. Denn niemand hat damit gerechnet, dass dies irgendwann möglich sein würde.

Hat die SG Wildeck vom Fall der Grenze profitiert? 

Becker: Ja. Jetzt kam uns die vorher nicht so erfreuliche geografische Lage zugute. Nach der Winterpause hatten wir je drei Spieler der TSG Ruhla und von FE Eisenach. Die Ruhlaer kamen aus der 3. DDR-Liga und waren praktisch Halbprofis, denn sie arbeiteten fast nur auf dem Papier für den VEB Uhren- und Maschinenkombinat in Ruhla, einer Stadt in der Nähe von Erfurt.

Dann hat die SG Wildeck die Bezirksliga Kassel also richtig aufgemischt? 

Becker: Nein. Vor der Wende waren wir gegen Mannschaften, wie beispielsweise den BC Sport Kassel, überfordert. In der Rückserie konnten wir dann mithalten und hätten fast den Klassenerhalt noch geschafft, mussten aber nach einem 0:1 im Entscheidungsspiel gegen den OSC Vellmar den Abstieg hinnehmen. In der folgenden Saison sind wir aber wieder aufgestiegen. Die DDR-Spieler haben aber auch für Nachhaltigkeit gesorgt, denn manche sind zehn Jahre bei uns geblieben.

Was haben Sie den Spielern geboten?

Becker: Die Spieler kamen zunächst von sich aus. Manchen haben wir anschließend Arbeitsplätze vermittelt, andere waren von den Bedingungen, wie Flutlicht und gepflegte Rasenplätze, begeistert.

Haben sich manche Spieler auch selbst angeboten? 

Becker: Wir hätten 1990 fast die ganze Mannschaft von FE Eisenach haben können, aber wir wollten natürlich auch weiterhin auf unsere eigenen Akteure setzen.

Gab es Probleme wegen der unterschiedlichen Mentalität?

Becker: Bei uns nicht. Die Spieler aus der DDR waren froh, im Westen zu sein, haben sich schnell angepasst und waren darauf bedacht, uns viel zurückzugeben.

Sind auch Sportler aus dem Westen zu ostdeutschen Vereinen gegangen? 

Becker: Solche Fälle sind mir nicht bekannt. Wie gesagt. Die Bedingungen waren bei uns weitaus besser als im Osten.

Wenn sie jetzt nach Thüringen fahren, denken Sie dann manchmal noch an die Zeit vor der Wende? 

Becker: Immer. Wir waren damals von der DDR fast eingekreist. Es klingt paradox, aber nach Westen ging es für uns nur Richtung Süden. Dann kamen wir in die Bebraer Gegend.

Noch mal zurück zum Fußball: Was ist von der damaligen Aufbruchstimmung geblieben? 

Becker: Wir spielen jetzt in der Kreisoberliga Fulda Nord und haben einen Spieler aus Eisenach sowie einen Akteur aus Gerstungen in unseren Reihen. Aber jetzt - nach 25 Jahren - ist das ein Stück Normalität.

Von Gerd Brehm

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