Nach dem Aus in Unterhaching

Vereinssuchend in München - Jannik Bandowski erlebt derzeit eine für ihn unbekannte Phase als Fußballprofi

Vorübergehend am Boden: Jannik Bandowski hofft, dass er bald wieder in einer Mannschaft steht und seinen Beruf als Profifußballer ausüben kann. Der gebürtige Korbacher ist derzeit arbeitssuchend.
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Vorübergehend am Boden: Jannik Bandowski hofft, dass er bald wieder in einer Mannschaft steht und seinen Beruf als Profifußballer ausüben kann. Der gebürtige Korbacher ist derzeit arbeitssuchend.

Jannik Bandowski ist schon einige Jahre im Fußballprofigeschäft, aber Tage wie diese hat der gebürtige Korbacher beruflich bislang noch nicht erlebt.

Korbach/München – Das Arbeitsleben im Profifußball hat Ähnlichkeiten mit dem Kinderspiel Reise nach Jerusalem. Vor jeder neuen Saison werden Tausende Stühle nebeneinander gestellt, die Spieler gehen um sie herum und wenn das Transferfenster schließt, ruft jemand stopp, und jeder Kicker versucht, einen Sitzplatz zu ergattern.

Doch es sind nie genügend Sitzplätze in den drei deutschen Profiligen für alle Kicker da, wer stehen bleibt, hat ein Problem. Kein Verein, kein Spiel, kein Einkommen. Das bedeutet mindestens einen Karriereknick, für den ein oder anderen sogar das Aus als Berufsfußballer.

Der gebürtige Korbacher Jannik Bandowski (27) fand bei der diesjährigen Jerusalem-Reise erstmals in seiner bereits rund zehn Jahre währenden Profikarriere noch keinen Sitzplatz. Und obwohl die Saison in der zweiten und dritten Liga bereits zwei Spieltage alt ist, kriecht noch nicht die Existenzangst in ihm hoch. Er wirkt in dem Telefongespräch entspannt und glaubt auch noch daran, einen Last-Minute-Stuhl zu erhaschen. Das Transferfenster schließt am 31. August.

Eine schier unglaubliche Verletzungsserie hat ihn mittlerweile von der ersten, über die zweite in die dritte Liga absteigen lassen. Er war vor zwei Jahren von damaligen Zweitligisten VfL Bochum zum Drittligisten SpVgg Unterhaching gewechselt. Das Team aus Bayern war im ersten Jahr Mitfavorit auf den Aufstieg, aber der klappte nicht, das zweite Jahr entwickelte sich für Verein und Bandowski zum Desaster. Der Club stieg sang- und klanglos in die Regionalliga ab und Bandowski durfte im Abstiegskampf nicht mitwirken, weil er und zwei weitere Spieler vom Verein „aussortiert“ worden waren.

Der eigene Verein zeigt ihm Rote Karte

Endlich war er mal über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei, dann zeigt ihm der eigene Verein die Rote Karte. Was war da los? Bandowski überlegt eine Weile und traut sich kaum, diese Antwort zu geben: „Was soll ich jetzt dazu sagen, ganz ehrlich, ich weiß es selbst nicht so genau.“ Lange Denkpause. Das Trio habe von heute auf morgen keine Einsatzzeiten mehr bekommen. „Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, wir hätten der Mannschaft weiterhelfen können, aber das war von der sportlichen Führung einfach nicht gewünscht.“ Er sucht immer noch nach Gründen für diesen Ausschluss, möglicherweise war es nur das Tragen von Handschuhen bei null Grad in einem Spiel.

Bandowski möchte mindestens drittklassig bleiben. „Es gab einige Anfragen aus der Regionalliga, aber die habe ich alle abgelehnt“, erzählt der gebürtige Korbacher. Er weiß mittlerweile das Risiko einzuschätzen, das ein Spieler eingeht, wenn er eine Liga nach unten wechselt. „Man passt sich der Leistung der unterklassigen Mannschaft an. Da muss man schon eine auffällig gute Saison spielen, um wieder nach oben zu kommen“, betont Bandowski. Er kenne diese Anpassungsfähigkeit noch aus Kindstagen. „Als ich in Korbach spielte, hatte ich das Gefühl, ich bin gut, dann bin ich zur Hessenauswahl gefahren, da musste ich mich eine Woche brutal strecken, dass ich mithalten konnte, dann hatte ich nach drei vier Tagen das Niveau der anderen und als ich wieder mit den Korbachern gespielt habe, meinten die Eltern der anderen Kindern, Jannik ist ja noch mal besser geworden.“

Bewerbungen schreibt man diese Branche nicht

Nun sitzt Bandowski vereinssuchend in München. Arbeitslos ist er gemeldet. Und man stellt sich vor, wie er täglich einige Bewerbungen schreibt oder sich telefonisch bei Vereinen für einen Platz in deren Viererkette anbietet. Aber so läuft dieses Geschäft nicht.

„Das macht alles ein Berater für mich“, betont der 27-Jährige. Ist Eigeninitiative in dieser Branche schon anrüchig? „Ja, das kann man so sagen, aber es ist schon noch legitim, wenn ich jemanden in einem anderen Verein gut kenne, dass ich da mal nachfrage, wie die Planungen dort sind.“ Ein guter Austausch mit dem Berater ist wichtig. Den muss er nicht bezahlen, den zahlt der Verein. „Der Berater kennt meine Vorstellungen in welche Richtung es gehen soll, sportlich und finanziell und er kennt die Stellenpläne der Proficlubs.“

Dabei gehe es nicht immer nur um Fußball, betont Bandowski, es spielten auch andere Komponenten, wie etwa Region oder andere Vorlieben eine Rolle. Doch er weiß natürlich, dass er momentan eher Bittsteller und nicht in der Freie-Auswahl-Position ist. „Trotzdem spielt die private Situation oder die Identifikation mit dem Verein spielt schon noch eine Rolle“, betont er: „Ein Spieler muss sich dort auch wohlfühlen.“

„Dankbar für jede Station meiner Profikarriere“

Das Fußballprofigeschäft hat den Ruf eines Haifischbeckens. Das kann Bandowski nur zum Teil bestätigen. Kalt und egoistisch sieht er die Branche nicht, denn er bekommt auf seine schwierige berufliche Situation durchaus Anrufe von ehemaligen Mitspielern oder Betreuern.

Natürlich gebe es jene Spieler mit denen er sich gut verstanden habe, die sich nach dem Vereinswechsel nicht mehr melden würden, es „gibt aber auch die Jungs, die mich alle 14 Tage fragen, hey wie sieht es aus, wie geht es dir, hast du schon einen Verein“.

Bandwoski betont, dass für ihn aus jeder Station, wo er bisher als Profi gespielt habe, Borussia Dortmund, 1860 München, VfL Bochum und SpvvG Unterhaching, zwei, drei Spieler oder Betreuer, hängen geblieben seien. Für ihn war die Zeit in Unterhaching sportlich zwar eine Enttäuschung, aber „in meiner persönlichen und körperlichen Entwicklung konnte ich nochmal einen Schritt nach vorn machen“.

Fitnessprogramm als Solist

Mehr oder weniger solo spult der 27-Jährige hingegen sein Fitnessprogramm ab. „Manchmal ist ein Fitnesstrainer dabei, es ist ein Aufbauprogramm hauptsächlich im Kraft- und Laufbereich.“ Wenn er Bälle spielen will, geht es nicht ohne einen Zuspieler. Die Option, bei einem Verein mittrainieren, hat er bislang noch nicht gezogen.

Trotz des Verletzungspechs würde Bandowski in seiner Kickerkarriere alles nochmal so machen, sogar den Wechsel zu Unterhaching. „Rein von der Entscheidungsfindung wie es zu dem Wechsel gekommen ist, würde ich es wieder so machen, wir hatten ja eine Idee, die nicht umgesetzt wurde.“

Er findet es schade, dass den jungen Spielern im Profigeschäft nur eine kurze Entwicklungszeit gewährt wird. „Das Geschäft ist sehr kurzlebig, wenn du als 18-Jähriger in ein oder zwei Jahren nicht funktionierst, kommen die nächsten Nachwuchsspieler nach oder es wird ein junger Franzose oder Engländer geholt.“ Er gibt aber auch zu, dass die Jungs, die heute mit 18 rauskommen, sportlich viel weiter seien als er es in diesem Alter gewesen sei.

90 Spieler weniger in der 3. Liga als in der Vorsaison

Bandowski hängt auch keinem Angebot hinterher, dass er jemals ausgeschlagen hat. Er ist für jede Station dankbar. „Gerade für die Jahre in Bochum und bei 1860 München, ich schaue mir heute noch Videos von den Spielen bei 1860 an, das sind tolle Erinnerungen, die bleiben immer.“ Derzeit schaut er sich auch mehr Spiele aus dem Ausland an, denn das wäre auch noch ein Option, um seine Profikarriere fortzusetzen. Wieviel Zeit gibt er sich für die Suche? Er atmet tief durch und sagt: „Eine Deadline habe ich mir noch nicht gesetzt, bis zum Winter auf jeden Fall.“

Es ist wegen Corona auch schwieriger geworden einen Arbeitsplatz zu finden, denn laut des Beraters sind in der 3. Liga 90 Spieler weniger beschäftigt als noch ein Jahr zuvor. Aber Bandowski weiß auch, dass das Verletzungspech eines Kollegen sein Glück bedeuten kann. Dann würde er auch mal wieder in ein Stadion kommen, denn im Stadion war Bandowski tatsächlich schon länger nicht mehr. (rsm)

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