Erstes Spiel im Juni 1969

Auftakt bewegt die Massen: Wie die Frauen beim SV 09 Korbach zum Fußball kamen

Das erste Frauenfußball-Team des SV 09 Korbach stellt sich zum Mannschaftsfoto.
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Gespannt vor dem ersten Anstoß: Das erste Frauenfußball-Team des SV 09 Korbach stellt sich zum Foto – hinten von links: Trainer Herbert Bullik, Gerdi Grimme, Wilfriede Klass, Ingrid Schreiber, Hanne Leithäuser, Rosi Schumacher, Angelika Starch, Karin Rube, Solveig Gerling, Obmann Heinrich Schellhaas, vorn von links: Erika Christen, Heidrun Bullik, Sigrid Nolte, Doris Paul, Rosi Wilke, Roswitha Paul, Annemarie Schreiber, Karin Küthe.

Dieser Kick bewegt die Massen. Rund tausend Zuschauer wollen den SV 09 Korbach und den TuS Helsen am 29. Juni 1969 auf der Hauer Fußball spielen sehen. Es ist ein Ereignis mit historischer Wucht. Die Premiere des Frauenfußballs in Waldeck.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballkreises hätten sich „Damen“ aus zwei Waldecker Vereinen gegenüber gestanden, schreibt tags darauf die WLZ. Was die Schaulustigen angelockt hat? Vor allem Neugier, sportliches Interesse, vielleicht bei den Männern ein wenig Spottlust. Viele Zuschauer hätten gestaunt „über so viel Mut und sportliche Begeisterung“, kommentiert die Zeitung wohlwollend. Angelika Starch-Kluth erinnert sich etwas weniger prosaisch. „Die meisten waren am Lachen, aber man wurde auch angefeuert, so: lauf mal ein bisschen“, erzählt die damals 24-Jährige, eine von 16 SV-09-Spielerinnen der allerersten Stunde.

Angelika Starch-Kluth war am Ball eine Anfängerin. Wie eigentlich alle Spielerinnen, die zur ersten „Damenpartie“ aufliefen. Diese fand strenggenommen statt in der DFB-Illegalität. Erst am 31. Oktober 1970 hob der Deutsche Fußball-Bund das Verbot des weibliches Dribbelns, Flankens und Schießens für seine Vereine auf. Aus Sorge, im Kampf um den Ball könne „die weibliche Anmut verschwinden“ und „Körper und Seele unweigerlich Schaden erleiden“, hatten es die Verbandsherren 1955 unter Androhung von Geldstrafen erlassen.

Den Beteiligten am Ladies-Kick auf der Hauer – Anlass gab das 60-jährige Bestehen des SV 09 – war das herzlich egal. Ihr Spiel war ein Spaß, das die Gastgeberinnen mit 3:0 gewannen, Der Startschuss für den organisierten Frauenfußball fiel knapp drei Jahre später. 1972 rief der Bezirk Kassel die erste Punktrunde ins Leben. Ein Jahr vorher hatte der Verband die ersten Spielerinnenpässe ausgestellt, Angelika Starch-Kluth hat ihren Ausweis noch, er trägt die Nummer 131.

Die sechs Waldecker Vereine, Teams der ersten Stunde, spielten mit der SG Ippinghausen/Naumburg in einem Kalenderjahr den Gruppensieger aus. Eine zweite Staffel war mit Kasseler Klubs besetzt. Zum ersten hervorragenden Vertreter der femininen Ballbehandlung im Waldecker Land wurde der SV 09.

„Die waren geschockt, dass wir tatsächlich Fußball spielen wollten.“

Treibende Gründungskräfte seien 1969 der damalige Kreisschiedsrichter-Obmann Herbert Bullik und die Spielerin Rosi Schumacher gewesen, heißt es es in der Chronik zum 75-Jährigen Bestehen des SV 09 (heute TSV) Korbach. Das Motiv der Frauen, eine sportliche Männerdomäne zu schleifen, hatte auch mit den Männern selbst zu tun. Eine Reihe der frühen Fußball-„Mädchen“ (so die damals gängige Bezeichnung) fühlte sich von den Herren Kickern des Vereins herausgefordert.

Die 09er hatten zunehmend genervt reagiert, wenn Frau oder Freundin mal wieder ihre Leistungen bekritteln. „Sie haben immer gelästert. Irgendwann haben wir auf gut deutsch gesagt: Versucht ihr’s doch auch mal!.“ Das erzählt Heinz „Henner“ Heerdt, damals Stammspieler der „Ersten“ und – erst als „Co.“ neben Bullik, dann auch verantwortlich – Trainer der Korbacher Ball--Pionierinnen. Seine spätere Frau Rosemarie stand beim Premierenkick im Tor.

Die Spielerfrauen nahmen die mehr im Scherz geäußerte Aufforderung mit überraschendem Eifer an. „Sie hatten richtig Ehrgeiz und haben im Winter sogar in der kalten ,Bullenhalle’ (Halle Waldeck) trainiert“, erinnert sich Heerdt. „Die waren geschockt, dass wir tatsächlich bereit waren, Fußball zu spielen“, sagt Angelika Starch-Kluth.

50 Jahre Frauenfußball - eine Serie

Vor 50 Jahren hat der DFB das Verbot des Frauenfußballs für die Vereine aufgehoben. Ein Anlass zum Feiern, wenn das Coronavirus nicht wäre, ein Anlass zur Rückschau so oder so. Die WLZ stellt in einer kleinen Serie die Pionierinnen vor: Jene sechs Waldecker Teams, die 1972 zur ersten Punktrunde antraten, nachdem in vielen Orten Frauen mit Fußball experimentiert, eine Dauer aber nicht erreicht hatten: Neben dem SV 09 Korbach, mit dem wir unsere Reihe starten, waren das: TV Bergheim, TV Friedrichstein, TuSpo Mengeringhausen, VfR Volkmarsen und TSV Waldeck.

Sie hat drei Mitspielerinnen von damals eingeladen. Als zweite Frau der ersten Stunde sitzt Rosi Heerdt am Tisch. Dazu: Ulrike Stupin, die von der Leichtathletik zum Fußball kam. Sie stieß ebenso wie die vierte in der Runde, Monika Scholl, ein, zwei Jahre nach dem Debüt zum Team. Es ist ein fröhliches Quartett. Man soll sich in diesen Corona-Zeiten ja nicht zu nahe kommen, aber die Abstandsregel stört nicht weiter. Die Frauen scherzen, rufen ständig neue Namen auf, Erinnerungen kommen hoch, sie korrigieren und wundern sich, wälzen Alben mit Fotos und Zeitungsauschnitten.

„Hier, Bezirksmeister! Gleich in der ersten Saison. So sollte es sein“, sagt Monika Scholl und tippt auf eine Zeitungsnotiz, die den Korbacher 2:0-Erfolg im Endspiel um den ersten Bezirkstitel der Frauen 1972 gegen den VfB Süsterfedd erzählt. Rosi Heerdt, die mittlerweile auf Stürmerin umgeschult hatte, erzielte unter ihrem Mädchennamen Wilke das 1:0, die aus Adorf gekommene Annegret Becker das 2:0.

Frühe Fußballerinnen des SV 09 Korbach: Ulrike Stupin, Monika Scholl, Rosi Heerdt (stehend von links) und Angelika Starch-Kluth.

„Ich wollte zuerst gar nicht spielen“, sagt Rosi Heerdt über ihre Anfänge. Fußball-begeistert sei sie aber immer schon gewesen. „Durch meinen Mann.“ Talent hatte sie auch. Bei der Punktspiel-Premiere gegen den TV Bergheim traf sie sechsmal, die Partie endete 16:0.

„Die schönste Zeit in meinem Leben“

Die Novizinnen des SV 09 hatten dazugelernt. „Nach dem ersten Jahr hatten wir schon Grundkenntnisse und liefen nicht mehr alle auf einen Haufen“, sagt Angelika Starch-Kluth. Ein Weiteres bewirkten Neuzugänge. Sie hatten von Kindesbeinen den Ball am Fuß, oft mit Jungen gespielt und forcierten das Prinzip Leistung.

„Zuerst war das mehr eine Spaßmannschaft. Dann kamen richtig gute Spielerinnen dazu“, erzählt Ulrike Stupin. „Das waren Spielerinnen, die das Talent hatten“, sagt Monika Scholl.

Scholl war unter ihrem damaligen Nachnamen Flecke die Stammkeeperin und stieg mit Korbach 1987 in die Oberliga auf, die höchste hessische Spielklasse. „Ich habe von Anfang an im Tor gespielt, weil ich mit dem Abseits nicht zurecht kam. Es war aber auch mein Ding“, sagt sie. Später wechselte sie, im Zorn, zum SV Anraff.

Bis sie um Titel und Zählbares rennen und schießen durften, hatten sich die 09-Frauen auf Turnieren und in Einlagekicks bei Spiellaune gehalten. 1969/70 kamen 20 Partien zusammen, allein siebenmal traf Korbach auf den TV Friedrichstein. Diese Duelle begründete eine ausgesprochene Rivalität. „Da ging es immer richtig zur Sache“, sagt Ulrike Stupin.

Legendär in Kreisen der frühen 09erinnen: die Begegnung mit dem SC Bad Neuenahr. „Korbachs Fußballmädchen vor ihrem bisher schwersten Spiel“, titelte die Zeitung vor dem Treffen im September 1971 beim späteren deutschen Meister, den Italien ein Jahr vorher zur ersten inoffiziellen Frauen-WM als deutschen Vertreter eingeladen hatte. Korbach verlor 0:7. Das freundliche Lob von SC-Trainer Arzdorf, man habe in Bad Neuenahr „noch keine Damenmannschaft gesehen, die so gut, aber so unglücklich“ gespielt hätte, tröstete über den verpassten Ehrentreffer hinweg.

Von Gleichberechtigung mit den Männer konnte am Anfang die Rede nicht sein – die Spiele der Frauen dauerten zunächst nur zweimal 35 Minuten, die Bälle waren leichter, Stollenschuhe verboten. Wenn die 09-Frauen vorspielten, stießen sie gleichwohl auf großes Interesse und viel Wohlwollen.

Derbe Späße, sexistische Sprüche der Männer? Gab es. Sie waren die Ausnahme. „Auf Trikotwechsel haben sie sich am meisten gefreut“, sagt Monika Scholl lakonisch. „Wir waren ein lustiger Haufen, das hat uns nicht gestört“, sagt Rosi Heerdt.

Selten ging es unter die Gürtellinie. „Wenn Frauen die Manndeckung bevorzugen“, zitiert Angelika Starch-Kluth feixend aus einem frühen Zeitungsbericht. Das Wortspiel ruft Befremden hervor. In der Regel begleitete die lokale Presse die Schritte zur Eroberung des Männerterrains freundlich. Sie stellte die Frauen auch mal als Vorbild hin. Eines gebe es nicht bei den „Blauweißen-Mädchen“: Meckern auf dem Platz, so die WLZ 1971. Da könne sich „manche ,Erste’ eine Scheibe abschneiden.“

Was wurde aus dem TuS Helsen?

Als sehr besonders empfinden die vier Frauen die große Kameradschaft. Nach jeder Partie hätten sie damals im „Altvater“ zusammengesessen, erzählt Angelika Starch-Kluth. Noch 50 Jahre später treffen sie sich als Traditionsteam zum Stammtisch, das Outfit: einheitlich blaue Poloshirts und weiße Jacken. „Es war immer ein toller Zusammenhalt“, sagt Ulrike Stupin. Für manche war es mehr. „Fußball“, sagt Monika Scholl, „war die schönste Zeit in meinem Leben.“

Frauenfußball in Korbach gibt es bis heute, aber was wurde aus dem TuS Helsen, das zweite Team beim Debütantinnen-Ball 1969? Eine zweite Begegnung mit dem SV 09 ist nicht überliefert. Selbst die Vereinschronik des TuS weiß über die ersten Frauen nicht mehr, als dass sie unter Trainer Walter Gröticke auf der Hauer gespielt hatten. Erst seit 1982 fand weibliches Kicken im TuS eine Heimat, ein Verdienst vor allem des bereits verstorbenen Kurt Bleibtreu. Zehn Jahre später endete das Kapitel.

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