Neue Serie: Waldecker Landesliga-Vereine

Willinger Fußballer vor 30 Jahren im siebten Himmel

Die Meister-Mannschaft des SC Willingen nach der Landesliga-Saison 1990/91 im Stadion Ziegenhain. mit Transparent
+
Platt, aber ein Aufsteiger: Die Mannschaft des SC Willingen nach dem 1:1 in Ziegenhain, das sie zum Landesliga-Meister krönte – hintere Reihe von links: Markus Behlen, Horst-Dieter Benedikt, Oliver Schmidt, Frank Kesper, Dirk Emde, Volker Kalny, Jürgen Querl, Volker Börger (Leiter Spielbetrieb), Co-Trainer Georg Niglis, Trainer Wolfgang Paul; vorn von links: Oliver Wilke, Reiner Zenke, Eckhard Vogel, Ulrich Schwalenstöcker, Thomas Querl, Kapitän Dieter Schütz, Jürgen Betten, Sven Herchel, Matthias Krevet, Hubertus Albers, Frieder Wilke und Abteilungsleiter Manfred Kesper.

Es sind genau sieben: So viele Verbands- respektive Landesligisten hat der Fußballkreis Waldeck bisher hervorgebracht. Wir stellen sie in ihrem größten Erfolg vor. Am Anfang steht der SC Willingen.

Willingen – In der „ewigen Tabelle“ der (heutigen) Verbandsliga Nord ist der SC Willingen mittlerweile die Nummer eins aus Waldeck (siehe Hintergrund). Die Upländer können außerdem für sich reklamieren, der einzige Waldecker Hessenligist im Männerfußball zu sein. Meister der mittlerweile nur noch 6. Ligawurden sie vor 30 Jahren, die Saison 1990/91 war für sie mit dem überraschenden Titelgewinn und dem Aufstieg in die damalige Oberliga die erfolgreichste der Abteilungsgeschichte.

„Wir wollen einen Platz unter den ersten fünf erreichen“, hatte Trainer Wolfgang Paul als Ziel für die Landesligasaison ausgegeben. Dass der „Held von Glasgow“ – so genannt, weil er 1966 mit Borussia Dortmund erster deutscher Gewinner des Europapokals der Pokalsieger war – mit dem dritten Aufstieg seiner Mannschaft innerhalb eines Jahrzehnts von der A-Klasse bis in die Oberliga auch zum „Helden von Willingen“ werden sollte, ahnte da noch niemand.

Paul war es, der in Willingen Tugenden wie Trainingsfleiß und Disziplin einforderte und vor dem alle im Verein großen Respekt hatten. Unter dem „Trainer“, wie er gerufen wurde, und seinem „Co“, Georg „Schorsch“ Niglis, entwickelte sich in Willingen aber auch ein großartiger Mannschaftsgeist.

„Wir waren eine eingeschworene Truppe, jeder stand für den anderen ein“, erinnert sich der damalige Kapitän Dieter Schütz. Sein Kommentar damals nach dem Aufstieg: „Es ist einfach unbeschreiblich, ich bin im siebten Himmel.“

Herchel und Vogel bestritten alle Spiele

16 Spieler kamen im Meisterjahr zum Einsatz. Keeper Sven Herchel (Paul: „Der Lange ist der beste Torhüter der Liga“) und Spielmacher Eckhard Vogel standen in allen 34 Saisonspielen von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz. „Eckes“ aus Rattlar (13 Saisontore) gestaltete als Ausnahmefußballer neben dem brillanten und torgefährlichen Techniker Dirk Emde sowie dem klugen Spielstrategen Uli „Schwalle“ Schwalenstöcker das Willinger Spiel.

Oberliga-Saison 1991/92: Uli Schwalenstöcker (links) und Matthias Krevet mit vollem Einsatz im Spiel gegen den SV Wehen.

In der Spitze hatten die Westfalen im Dress des SCW, der kopfballstarke Torjäger Hubertus Albers sowie Allrounder und Kämpfernatur Matthias „Tissi“ Krevet, mit 21 und 16 Treffern als „Torfabrik“ maßgeblichen Anteil am Erfolg. Weitere Stammspieler waren im Meisterjahr der pfeilschnelle Libero Reiner Zenke, die Brüder Jürgen „Puiwi“ und Thomas Querl, Oli Schmidt, Jürgen „Mucke“ Betten, Oliver Wilke und Spaßvogel Frieder „Ascho“ Wilke, der nach seiner Einwechslung als Joker sofort auf Touren kam und für viel Unruhe in der gegnerischen Hälfte sorgte. Auch der junge Volker Kalny und „Tom“ Köster kamen unter Paul regelmäßig zum Einsatz. Zum Meisterkader gehörten zudem Frank „Zappa“ Kesper, Jörg Bartmann und Ersatz-Keeper Markus Behlen.

Dabei hatten die Willinger zunächst im oberen Mittelfeld der Tabelle festgehangen, sie konnten zunächst vor allem auswärts nicht gewinnen. Aus dem Bezirkspokalspiel gegen den KSV Hessen Kassel, der als Oberliga-Meister ans Tor zur 2. Bundesliga klopfte, zogen die Paul-Schützlinge trotz der 1:4-Niederlage vor 1000 Zuschauern im heimischen Hoppecketalstadion schließlich die richtigen Lehren. Mit dem 1:0-Sieg beim SC Neukirchen stürzten sie den Spitzenreiter und blieben neun Spiele ohne Niederlage.

Die WLZ titelte seinerzeit: „Der erste Schritt hin zur Oberliga?“. Den Höhenflug führte Paul, Uhrmachermeister und Goldschmied aus Bigge, im WLZ-Interview auf die „gewachsene Cleverness“ seiner Truppe zurück: „Fußball wird auch im Kopf gespielt. Zu Beginn der Saison haben sich meine Spieler selbst unter Druck gesetzt und gemeint, auch auswärts unbedingt gewinnen zu müssen. Jetzt sind sie bereits mit einem Punkt zufrieden, und schon läuft es.“

Waldecker Vereine in der Verbandsliga

Die Geschichte der heutigen Verbandsliga Nord begann 1965 unter der Bezeichnung Gruppenliga. Der Verband führte sie als zweite Stufe unter der neuen Hessenliga in drei Staffeln aufgeteilt ein, erster Waldecker Gast auf dieser Ebene war der SV 09 (heute TSV) Korbach. In der „ewigen Tabelle“ der 1978 in Landes- und 2008 in Verbandsliga umbenannten Klasse sind die Kreisstädter trotzdem nicht die Nummer eins, sondern der SC Willingen. Die Upländer kommen auf 31 Liga-Jahre, in denen sie (mit der kläglichen Ausbeute der Corona-Saisons) 1427 Punkte holten. Korbach bringt es bei 30 Jahren auf 1264 Zähler. Waldecks Nummer drei in diesem Ranking ist mit fünf Spielzeiten und 164 Punkten der TSV Altenlotheim. Auf jeweils ein Jahr kommen SG Bad Wildungen/Friedrichstein, FC Korbach, TuSpo Mengeringhausen und TSV Sachsenhausen. (mn)

Nach einem 2:1 bei Hermannia Kassel übernahm der SCW am 27. Spieltag erstmals die Tabellenführung und gab sie in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Neukirchen nicht mehr ab. Nach drei Siegen in Folge (2:1 bei Jahn Calden, 7:3 beim CSC 03 Kassel, 4:0 über Eintracht Baunatal) hätte den Willingern am letzten Spieltag ein Punkt beim TuSpo Ziegenhain zur Meisterschaft gereicht. Mit Reisebussen machte sich die große Upländer Fangemeinde auf den Weg in die Schwalm, wo das 1:1-Unentschieden mit dem Schlusspfiff wie ein Sieg gefeiert wurde.

Da der SC Neukirchen gleichzeitig mit 0:6 in Baunatal unter die Räder gekommen war, hätte auch eine Willinger Niederlage nichts mehr am Triumph geändert. Die Meisterspieler feierten über mehrere Tage (und Nächte). Die Ankunft in der Heimat auf dem offenen Lkw mit Schützenblaskapelle vornweg bleibt unvergesslich. Nach 20 Siegen, neun Unentschieden und fünf Niederlagen war die Sensation perfekt. Mit 49:19 Punkten und 75:44 Toren stand der SC Willingen als Aufsteiger in die Oberliga Hessen fest.

Goldschmied und Meistertrainer: Wolfgang Paul, aufgenommen im Jahr 1990.

„Freundschaften halten ein Leben lang“

In der damaligen dritten Liga musste der SCW trotz aller Euphorie gegen namhafte Vereine wie Kickers Offenbach, KSV Hessen Kassel und Viktoria Aschaffenburg viel Lehrgeld zahlen. Als glückloser Aufsteiger blieb der „Ski-Club“, wie die Mannschaft am traditionsreichen Bieberer Berg in Offenbach angekündigt wurde, in der Vorrunde bei vier Unentschieden sieglos.

Die Abteilungsleitung griff zum üblichen Mittel, entließ den beliebten Trainer und holte Dieter Mietz vom SSV Sechshelden, um den Umschwung zu erzwingen. Doch die Spieler machten nicht mit, sie standen hinter Paul und Niglis. Nach einer Krisensitzung trat der Spartenvorstand zurück und Uli Rehbein übernahm den Trainerjob. Unter ihm gelangen noch sieben Siege, darunter mit der besten Saisonleistung ein 3:0 gegen Spitzenreiter SpVgg. Bad Homburg (Tore zweimal Uwe Theiß und Krevet), doch der Abstieg war nicht mehr zu verhindern. Sechs Punkte fehlten zum Klassenerhalt.

Die Heimspiele in der ersten Oberliga-Saison (die zweite sollte 1994/95 folgen) waren teilweise Feste. Das Nordhessen-Derby gegen die „Löwen“ aus Kassel (0:2) etwa lockte 2500 Fans in brasilianischer Stimmung ins Hoppecketalstadion.

An diese Zeit denken alle Ehemaligen des SCW gern zurück. „Mir bedeutet das auch 30 Jahre danach noch immer sehr viel“, sagt Thomas „Zobber“ Querl. „Wenn wir uns heute treffen, dann ist das so, als wären wir nie auseinandergegangen. Diese Fußballfreundschaften kann man nicht hoch genug bewerten, sie halten ein ganzes Leben.“ (mha/mn)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.