Serie über Damenfußball in Waldeck

Frauenfußball in den 1970er Jahren: Rascher Boom, schleichender Niedergang

Bestimmten das erste Jahrzehnt im Waldecker Frauenfußball: Die Teams des SV 09 Korbach und des TV Friedrichstein (gestreifte Trikos) 1969 vor ihrem ersten von zahlreichen Duellen, rechts Schiedsrichter Herbert Bullik.
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Bestimmten das erste Jahrzehnt im Waldecker Frauenfußball: Die Teams des SV 09 Korbach und des TV Friedrichstein (gestreifte Trikos) 1969 vor ihrem ersten von zahlreichen Duellen, rechts Schiedsrichter Herbert Bullik.

1972 spielten Frauen von sechs Waldecker Vereinen erstmals überhaupt Fußball um Punkte. Bestaunt und bespöttelt. 50 Jahre später sind Frauen im Fußball selbstverständlich.

Wer sich auf die Spur des Frauenfußballs in Waldeck begibt, kommt oft nicht weiter. Gerade in den Anfängen während der 1970er Jahre ist die Quellenlage dünn. Unterlagen des damaligen Kreisfußballauschuss scheinen nicht archiviert worden zu sein, Vereinsbroschüren geben nicht immer viel her, und auch die WLZ ist ein unzuverlässiger Chronist der frühen femininen Wettbewerbe um Punkt und Tor. Bestenfalls gab es mal die Tabelle oder eine Kurznotiz zu lesen.

Die im Vergleich mit dem allgegenwärtigen Männerfußball geringe mediale Präsenz erklärt sich zum einen damit, dass dieser eine gewachsene Größe darstellte mit Mannschaften in fast jedem Dorf. Die „Damen“ bauten, nachdem der DFB im Oktober 1970 das Fußballverbot für sie unter seinem Dach aufgehoben hatte, erst langsam auf. Zudem hatten sie schlicht mit Pressearbeit wenig im Hut. Ein Appell vor dem dritten Spieljahr, die Ergebnisse zu melden, „um eine regelmäßige Presse-Berichterstattung zu ermöglichen“, verhallte ohne in der WLZ feststellbare Resonanz.

Aus den Anfängen: Fußballerinnen des SV 09 Korbach beim Training auf dem „Pauli“ 1971 (Ausschnitt).

Berichterstattung gab es, aber sie war unvorhersehbar. Kontinuierlich setzte sie erst in den 1980er Jahren ein. Peter Bauschmann, später Kreispresse- und Kreisfußballwart, schob sie an und besorgte sie. „Es hat viel Mühe gemacht, das in Gang zu bringen“, erinnert er sich.

Die Zeitreise durch 50 Jahre Frauenfußball in Waldeck führt zu vielen Adressen: Mehr als 25 Vereine hatten oder haben ihn im Angebot (die Pionierinnen haben wir im Vorjahr vorgestellt). Manche blieben für zwei, drei Saisons, andere viele Jahre – große Konstante ist der SV 09 (heute TSV) Korbach, seit mehr als einem halben Jahrhundert Adresse für das weibliche Passen und Dribbeln.

Das erste Jahrzehnt

Im April 1972 zündet der Frauenfußball in Waldeck die zweite Stufe. Nachdem sich die Frauen bis dahin lediglich zu Freundschaftskicks hatten treffen können – mit dem ersten Aufschlag am 29. Juni 1969 zwischen dem SV 09 und dem TuS Helsen (WLZ v. 21. Juli 2020) – starten sechs Teams gemeinsam mit der SG Ippinghausen/Naumburg in die Gruppe I der Bezirksklasse Kassel (die wir im Folgenden der Einfachheit halber immer „Liga“ nennen.). Alle 16 Landesverbände des DFB führen 1972 Meisterschaftsspiele für Frauen ein – unter besonderen Regeln, die ein Bild der Frau als „schwaches Geschlecht“ spiegeln.

Die Spielzeit beträgt nur zweimal 35 Minuten, die Frauen spielen den (leichteren) Jugendball, sie sollen keine Stollenschuhe anziehen, nur bei bestmöglichen Platzverhältnissen antreten und erst nach einer sportärztlichen Untersuchung, die Spielberechtigung erhalten. Manche Regeln erweisen sich als unsinnig, andere als nicht umsetzbar; in den 1980er Jahren werden sie schließlich neugefasst

Die erste Runde in Nordhessen findet innerhalb eines Kalenderjahrs statt, sie endet am 21. Oktober 1972. Der SV 09 holt sich mit einem 2:0-Sieg im Endspiel der Gruppensieger gegen den VfB Süsterfeld den erstmals im Bezirk vergebenen Meistertitel für Fußballerinnen.

Die erste Abschlusstabelle

1. SV 09 Korbach 12 43:5 23: 1
2. Ippinghsn./Naumb 12 26:17 14:10
3. Mengeringhausen 12 26:20 13:11
4. Eintr. Waldeck 12 19:15 12:12
5. VfR Volkmarsen 12 27:30 11:13
6. TV Friedrichstein 12 1 1:19 8:16
7. TV Bergheim 12 9:55 3:21

Im Jahr darauf tun sich Bergheim und Friedrichstein zur SG Edertal zusammen (die Bezeichnung findet sich allerdings erst in der Runde des Jahres 1974 in der WLZ) – und feiern den Gruppensieg, für den sie als Kreismeister geehrt werden. Ein Jahr später firmieren die Frauen aus dem Süden als Edertal/Bergheim und 1976 dann als TV Friedrichstein/Edertal. Danach verliert sich die Spur des TV Bergheim.

Der VfR Volkmarsen taucht 1973 nicht mehr in der „Waldecker Staffel“ auf. Laut Chronik des Vereins spielten die Frauen jedoch bis 1974. Im selben Jahr zieht der TuSpo Mengeringhausen nach dem ersten Spieltag zurück, meldet im Jahr darauf erneut ein Team (das sich wohl mit dem TSV Ippinghausen zusammentut), um sich 1976 für immer zu verabschieden.

TSV Battenberg spielte in Waldeck mit

Kreis- und Bezirksgrenzen sind für die Frauen durchlässig. So spielt der TSV Battenberg aus dem Bezirk Gießen/Marburg in Nordhessen mit. Am 9. März 1974 startet eine Punktrunde mit zwölf Teams aus Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder in einer von drei Staffeln im Bezirk.

Es sind Jahre des langsamen Aufholens. 1974 fällt der Gratis-Guck für Zuschauer: Die Vereine beschließen bei den „Damenspielen (...) eine Mark Eintritt zu nehmen“, schreibt die WLZ; (mindestens) ab 1977 spielen die Frauen einen Bezirkspokal aus, 1979 wechseln sie im Bezirk zur Kalenderjahr-übergreifenden Saison.

Die Vereine müssen auf dem Gebiet des Damenfußballs aktiver werden.

Kreisfußballwart Siegmund Wiesemann 1978

Battenberg, bald eine Topadresse in Hessen und 1975 Landesmeister, gibt noch ein zweites Gastspiel im Norden. 1976 wechseln die „Bärinnen“ dann in eine gemeinsame Liga der Kreise Marburg, Biedenkopf und Frankenberg. In Waldeck sind sie jetzt nur noch zu dritt: Neben dem SV 09 der TSV Waldeck und Friedrichstein/Edertal. Wieder ein Jahr später geht die Eintracht.

Kreisfußballwart Siegmund Wiesemann sorgt sich. Beim Kreisfußballtag im April 1978 ermahnt er die Vereine, „auf dem Gebiet des Damenfußballs aktiver zu werden“. Ein Rundschreiben der ersten Frauenreferentin Bärbel Friedrich, die Neugründungen anstoßen will, bleibt ohne „positive Antwort“.

Frauenfußball in Waldeck: Fünf von sechs Teams geben wieder auf

Sportlich läuft es: Der SV 09 schafft in der Bezirksliga Waldeck/Schwalm-Eder Platz eins (Friedrichstein wird Dritter) und gewinnt in den Entscheidungsspielen gegen die anderen Gruppenersten Süsterfeld und Pfaffenbachtal seinen zweiten Bezirkstitel. Auf den Aufstieg in die vom Verband neu installierte Landesliga verzichten die Korbacherinnen – aus Kostengründen, heißt es in der WLZ.

Die Saison 1979/80 schließen die Kreisstädterinnen in der neu zusammengestellten Bezirksliga mit sieben Vereinen als Zweiter ab, Friedrichstein ist punktloser Letzter – die Altwildungerinnen melden ab. Bis zum Comeback des TVF wird es lange dauern.

Die Bilanz am Ende der 1970er Jahr fällt ernüchternd aus: Fünf der sechs 1972 gestarteten Waldecker Mannschaften haben aufgegeben. Doch der nächste Boom folgt. Die 1980er sind fette Jahre. Aber nicht nur.

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