Zweites böses Nachtreten 

Analyse zu Jürgen Klinsmann und Hertha BSC: 76 Tage Regenwetter

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Stehen im Regen: Jürgen Klinsmann und Hertha BSC.

Jürgen Klinsmann ist als Trainer kein Mann für den richtigen Zeitpunkt. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verließ er zu früh, lagen die besten Zeiten doch noch vor ihr.

Zum FC Bayern ging er zu früh, fehlte ihm doch die Erfahrung für derlei Aufgaben. Beim US-Team blieb er zu lange und wurde wie in München entlassen. Hertha BSC verließ er nun wieder auf eigenen Wunsch. Anders als nach dem Sommermärchen 2006 aber ohne das Ende der Mission zu begleiten.

Der 55-Jährige hat beim Bundesligisten aus der Hauptstadt nach 76 Tagen als Trainer Baustellen geschaffen, die an solche auf Autobahnen erinnern: Es wird lange dauern, bis es wieder in normalem Tempo vorangeht. Sein „Tagebuch“ wie es genannt wird, das die Sport Bild veröffentlichte und Kritik an allen Vereinsinstitutionen und Spielern enthält – vor allem ein erneutes Nachtreten gegen Manager Michael Preetz wird deutlich – ist ein Rufmord an Klub und einzelnen Personen. Nach der unsäglichen Facebook-Selbstdarstellung kurz nach seinem Rücktritt ist es bereits das zweite böse Foul auf Kniehöhe innerhalb kurzer Zeit an seinem ehemaligen Arbeitgeber. Den Aufsichtsratsposten hatte er bereits verloren, nun wendet sich auch Hertha-Investor Lars Windhorst von Klinsmann ab und kündigte an, dass der geborene Göppinger nicht länger Berater der geldgebenden Tennor-Holding sein werde.

Es kann nur darüber gemutmaßt werden, wie viel des Inhalts dieses „Tagebuchs“, das Klinsmann in seiner beratenden Tätigkeit für Windhorst anfertigte, das aber wohl erst nach Ende seiner Trainertätigkeit verfasst wurde, zutrifft. Sicher ist nicht alles erfunden, wohl aber ein größerer Teil. Wie der, dass Ralf Rangnick ein Engagement bei der Hertha wegen Preetz ablehnte. Dass dies nicht zutrifft, bestätigte Rangnicks Berater Marc Kosicke, der in Kassel lebt. Es kann auch nur vermutet werden, wie dieses „Tagebuch“ zur Sport Bild gelangte. Am einfachsten wäre sicher die Annahme, Klinsmann selbst hätte die 22 DIN-A4-Seiten weitergeleitet.

Auf diesen ist übrigens auch vermerkt, dass alle Berliner Torhüter den Ansprüchen nicht genügten. Thomas Kraft? „Ständig krank oder verletzt, keinen Mehrwert mehr, Vertrag auslaufen lassen.“ Rune Jarstein? „Erzeugt keinen Mehrwert mehr.“ Dennis Smarsch? „Keine Perspektive für die 1. Liga.“ Fazit: Klinsmanns Sohn Jonathan aus St. Gallen zurückholen. Der 21-Jährige ist in der Schweiz nicht erste Wahl und war in Berlin der Grund dafür, dass sein Vater Torwarttrainer Zsolt Petry verbannte.

Allein das lässt durchblicken, dass bei Klinsmann wohl nicht viel auf professioneller, sondern mehr auf persönlicher Ebene abläuft. Petry hatte sich einst gegen Jonathan ausgesprochen und ist mittlerweile wieder im Amt. In München wird man derweil froh sein, dass nach Klinsmanns Auswechslung und Entlassung nur eine kaputte Tonne sowie einige Buddha-Statuen übrig geblieben sind und keine öffentliche Schlammschlacht.

76 Tage reichten aus, dass die Hertha in jeglicher Hinsicht im Regen steht. In der öffentlichen Wahrnehmung, in der Trainerfrage, in allen sportlichen Belangen. Das Gastspiel heute in Düsseldorf gegen einen Konkurrenten im Abstiegskampf (20.30 Uhr/Dazn) gerät dabei fast in den Hintergrund.

In dieser Hinsicht könnte man Klinsmann beinahe die Fähigkeiten eines José Mourinho unterstellen, der in schwierigen Phasen häufig die Aufmerksamkeit von der Mannschaft auf sich lenkt. Anders als Klinsmann findet er dafür den richtigen Zeitpunkt. Er tut dies, wenn er noch im Amt ist.

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