Der Abend in Hannover: Angst? Nein! Oder vielleicht doch?

Am Ende dieses Tages in Hannover kommt eine der unzähligen Kurznachrichten. Die Frage: „Hattest Du Angst?“ Und die prompte Antwort lautet: „Nein.“

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Aber ist das auch die Wahrheit, wenn alles, wirklich alles miteinbezogen wird, was sich an diesem Dienstag abspielte – auf den Straßen Hannovers, am Stadion und vor allem: im Kopf? Die Erinnerung an die letzte Begebenheit dieses Aufenthaltes in der Hauptstadt Niedersachsens, die sich für Stunden im Ausnahmezustand befand: der kurze Gang zum Auto mit Zwischenstopp an einem Kiosk, kurz vor Mitternacht. Es regnet in Strömen, die Ausfallstraße ist von Pfützen gezeichnet, als ein Radfahrer den Weg kreuzt: dunkle Jacke, das Gesicht vermummt. Das reicht für ein mulmiges Gefühl, für ein kurzes Zucken und – ja – für ein bisschen Angst in Abwesenheit rationaler Gedanken: Warum soll ein Radfahrer sich nicht bis zu den Augen vor Regen schützen?

Also: Welch Schwachsinn dieser Moment der Unsicherheit. Oder doch nicht? Der Kollege erzählte zuvor von einer Mitteilung, die ihn soeben aus Israel erreicht hatte. Der Absender habe deutlich gemacht, dass wir nach diesem Abend in Hannover jetzt vielleicht ahnen könnten, wie sie in Israel Tag für Tag leben: in permanenter Unruhe, im ständigen Verdacht, in steter Skepsis gegenüber dem direkten Umfeld. Mit Angst im Alltag. Was nach einem einzigen Abend fernab der Normalität übertrieben klingen mag, kann sich entwickeln. Wer weiß es?

Womöglich waren in diesem Zusammenhang die Gefühle zuvor an diesem Abend nahezu naiv: ein bisschen Kopfschütteln, als das Stadion drei Stunden vor Anpfiff das erste Mal gesperrt wird wegen eines verdächtigen Koffers. Klassischer Fall von Nervosität bei Sicherheitskräften in einer angespannten Lage. Entwarnung, weiter geht es.

Vielleicht funktioniert man an einem solchen Abend auch einfach nur – egal, was passiert. Als der Sicherheitsmann 90 Minuten vor Anpfiff die Journalisten im Stadion ruhig, aber bestimmt anweist, wegen einer Gefährdungslage die Arena zu verlassen, ist die erste Reaktion keine hektische Betriebsamkeit, sondern ein Anruf in der Redaktion.

Vor dem Stadion sammelt sich die Masse, Entsetzen sieht anders aus. Anruf von Zuhause und der dringende Rat: „Lauf bitte nicht dort entlang, wo alle sind.“ Erste SMS auf dem Handy: „Pass auf dich auf.“ Die Sorgen scheinen außen größer zu sein als innen. Gut möglich, dass dies als Phänomen durchgeht. Vor Ort setzt ein Verdrängungsmechanismus ein.

Die Redaktion meldet sich, als Erstes soll der Live-Ticker bedient werden. Im Hintergrund ist die Polizei zu hören, die nachdrücklich die Menge auffordert, den Bereich zu räumen, und die die Würstchenverkäufer bittet, den Betrieb einzustellen. Das alles – fast surreal.

Angst? Nein. Oder doch? Sie kommt schleichend, und ist da – im Nachhinein, als bekannt wird, wie konkret die Gefahr wohl gewesen ist. Auch das: im wahrsten Sinne unfassbar.

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