Bundestrainer zieht Bilanz

Ausschreitungen - Löw beklagt Missbrauch der Fußball-Bühne

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Bundestrainer Joachim Löw ärgert sich über die Fan-Ausschreitungen am Saisonende. Foto: Arne Dedert

In seiner Saisonbilanz lobt Joachim Löw drei Kollegen speziell. Zwei jungen Spielern und zwei Weltmeistern bescheinigt der Bundestrainer ganz besondere Leistungen. Ab Montag ist der Weltmeister-Coach selbst wieder als Praktiker gefragt. Die jüngste Fan-Randale beunruhigt.

Berlin (dpa) - Mit einer eindringlichen Warnung vor einer falschen Fankultur und warmen Worten an die Bundesliga kehrt Joachim Löw in seine praktische Rolle als Bundestrainer zurück.

Ab Pfingstmontag beginnt für den Weltmeister-Coach und sein neu zusammengestelltes Nationalteam in Kopenhagen die Vorbereitung auf den Confed Cup. Schon einen Tag später steht gegen die Dänen das erste Testspiel an. "Ich freue mich sehr, wieder mit der Mannschaft und dem Team hinter dem Team zu arbeiten. In der ersten Jahreshälfte sieht man sich immer relativ wenig bei der Nationalmannschaft. Daher sind die drei, vier Wochen – je nachdem, wie weit wir in Russland kommen – gut", sagte Löw in einem Gespräch der Deutschen Presse-Agentur.

"Das wichtigste Ziel ist jetzt, die Spieler weiterzubringen, sie auf ein nächstes Level zu heben", erklärte der 57-Jährige. Hinter dem Bundestrainer liegen viele Wochen als Beobachter und Entscheider. Beim ungeliebten Confederations Cup vom 17. Juni bis 2. Juli in vier russischen Städten verzichtet er komplett auf seine Stars von Manuel Neuer über Mesut Özil bis Toni Kroos und Sami Khedira. Dafür bekommen sechs erstmals berufene Akteure eine Chance. Ziel sei, "dass es ein paar junge Spieler im nächsten Jahr schaffen, auf die Etablierten Druck auszuüben. Dann kann man erfolgreich sein", betonte Löw.

Mit seinen Confed-Cup-Plänen fördert der Bundestrainer auch ein entspannteres Verhältnis zur Bundesliga. Die Topstars können nach dem Urlaub ausgeruht in die nächste Saisonvorbereitung einsteigen. Löw sieht die deutsche Eliteliga trotz des Ausscheidens aller Clubs vor der entscheidenden Phase in den Europapokal-Wettbewerben weiter als konkurrenzfähig an: "Die Bayern waren sehr gut und mindestens auf Augenhöhe mit Real Madrid. Sie sind immer in der Lage, die Champions League auch zu gewinnen."

Auf allerhöchstem Level würden Kleinigkeiten entscheiden und einzelne Situationen. "Bayern hat eine Topmannschaft, gehört zu den besten vier, fünf besten Clubs der Welt. Borussia Dortmund hat diesen schrecklichen Anschlag erleben müssen. Sie haben für mich auch eine gute Saison gespielt", sagte Löw. In der Europa League hätte er sich allerdings schon gewünscht, "dass die eine oder andere Mannschaft ein bisschen weiter gekommen wäre. Schalke hatte es in der Hand."

Eine riesige Überraschung hat Löw in der abgelaufenen Saison nicht ausgemacht, auch weil er Hintergründe kenne. "Es war eine tolle Saisonleistung der Hoffenheimer, die im Jahr zuvor noch weit hinten lagen", strich der Bundestrainer heraus. "Eine besondere Leistung haben auch die Freiburger mit Trainer Christian Streich gebracht. Als Absteiger sofort wieder aufzusteigen trotz Veränderungen in der Mannschaft und bis in die Qualifikation zur Europa League zu kommen, "das werte ich schon als Ausnahmeleistung - auch vom Trainer."

RB Leipzig habe als besonderer Aufsteiger eine besondere Saison gespielt. "Wie Ralph Hasenhüttl gearbeitet hat, aus dem Stand heraus Zweiter zu werden, ist schon gut. Streich, Nagelsmann und Hasenhüttl sind Trainer mit einer klaren Idee. Und das sieht man auf dem Platz", unterstrich Löw. "Es gibt ständige Wiederholungen bei diesen Mannschaften, die Automatismen greifen. Das finde ich gut und vermisse es bei anderen Mannschaften."

Auch Spieler haben Löw 2016/17 mit ihren Entwicklungen überzeugt. "Da gibt es schon einige. Für Leon Goretzka, den ich immer für ein sehr außergewöhnliches Talent gehalten habe, war es wichtig, dass er fast ein Jahr durchgespielt hat bei Schalke", erklärte der Bundestrainer. "Timo Werner hat als junger Spieler über 20 Tore erzielt. Das finde ich beeindruckend, wie er sich da durchgesetzt hat." Beide Spieler belohnte Löw mit der Einladung zum Confed Cup.

Auch Mats Hummels hat Löw beeindruckt. Der Neu-Münchner habe in seinem ersten Bayern-Jahr "sehr konstant und sehr souverän gespielt. Auf einem unheimlich hohen Niveau. Und natürlich Philipp Lahm: der auch in seiner letzten Saison Woche für Woche überragend und nahezu fehlerfrei gespielt hat. Ich werde ihn auf dem Platz vermissen und wünsche ihm alles Gute."

In den vermehrten Fan-Ausschreitungen in der Saisonendphase sieht Löw eine ernste Gefahr. "Ich habe kein Verständnis dafür, Böller und Leuchtraketen haben nichts im Stadion zu suchen, sie haben auch nichts mit Fankultur zu tun. Das sind für mich auch keine Fans, sie wollen einfach nur die Bühne des Fußballs missbrauchen", betonte der Weltmeister-Trainer. Die Relegationsspiele in Braunschweig, München und jüngst in Meppen waren von Ausschreitungen überschattet worden, während des DFB-Pokalfinales hatten Fans Pyrotechnik gezündet. "Wir haben da auch den Familien und den Kindern im Stadion gegenüber eine Verantwortung", betonte der DFB-Chefcoach und forderte mehr Respekt.

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