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Reporter-Legende Jörg Dahlmann im Interview: „Ich habe heulend Fragen gestellt, Fritz Walter heulend geantwortet“

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Von: Maximilian Bülau, Björn Mahr

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Jude Bellingham (links) und Jamal Musiala.
Prägende Figuren ihrer Klubs: Dortmunds Jude Bellingham (links) und Jamal Musiala vom FC Bayern. © Matthias Balk/dpa

Nach acht Spieltagen in der Fußball-Bundesliga liegen die Bayern und Dortmund punktemäßig gleichauf. Heute treffen beide Teams im direkten Duell aufeinander (18.30 Uhr/Sky).

Einer, der diese Partie selbst schon als Kommentator begleitet hat, ist Jörg Dahlmann. Im Interview spricht der TV-Rentner über die Partie, sein Leben auf Mallorca und einen Anruf von Uli Hoeneß.

Herr Dahlmann, wissen Sie schon, was Sie heute ab 18.30 Uhr tun werden?

Ich schaue mir definitiv das Spiel zwischen Dortmund und Bayern an.

Wie schätzen Sie die Ausgangssituation ein?

Die Bayern sind immer in der Lage, ein Schippchen draufzulegen. Das Team ist wie ein Pferd, das nur so hoch springt, wie es eben muss. Deshalb stellt sich mir auch gar nicht die Frage, ob die Bayern am Ende der Saison ganz vorn stehen. Ob sie in Dortmund gewinnen, vermag ich nicht zu sagen – aber sie sind der Favorit für mich.

Haben Sie von der Borussia mehr erwartet?

In den vergangenen Jahren schon. Der BVB hat die große Chance verpasst, mit Erling Haaland Titel zu holen.

Inwieweit verfolgen Sie seit Ihrem Abgang bei Sky das Geschehen in der Bundesliga?

Ich schaue viel, gern auch mit Freunden. Ich bin richtiger Fußball-Fan: Champions League, Bundesliga, 2. Liga, ab und zu auch 3. Liga, weil ich aus Wiesbaden komme, der SV Wehen in der Klasse mitmischt.

Sie wissen also samstags ab 15.30 Uhr immer etwas mit sich anzufangen.

Ja. Ich bin Rentner und mache die Dinge, zu denen ich Lust habe. Und zu den Sachen, die mir Spaß machen, gehört der Fußball. Ich habe mir am vergangenen Wochenende auch die Schalker gegen Augsburg angesehen. Als gebürtiger Gelsenkirchener bin ich Schalke-Fan, trotzdem mag ich auch Dortmund. Bei mir gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Als Gelsenkirchener lernt man aber, leidensfähig zu sein. Leute aus Kassel kennen das.

Sie sprechen den KSV Hessen an.

Während meiner Zeit bei Sport 1 war ich immer mal wieder zu Regionalliga-Spielen in Kassel. Und mir hat die Nähe zum Verein gefallen. So etwas findest du in der Bundesliga gar nicht mehr.

Wie sehr fehlt Ihnen die Reportertätigkeit?

Einerseits fühle ich mich total wohl, ich verbringe viel Zeit auf Mallorca, habe ein wunderschönes Leben. Andererseits gebe ich auch zu, dass ich gern noch weitergearbeitet hätte und meine Arbeit vermisse. Ich habe ja einen Job gemacht, bei dem ich nie froh war, wenn ich nach Hause gekommen bin. Bei aller Kritik, die ich als TV-Kommentator einstecken musste, hat mir keiner nachgesagt, dass ich lustlos bin. Ich denke, man hat immer gemerkt, dass mir der Job Spaß macht.

Sie haben ein Buch geschrieben. Es heißt: „Immer geradeheraus“. Sind Sie mit sich im Reinen?

Total. Ich kann Dinge beim Namen nennen. Im Nachhinein haben mich Leute angesprochen und gesagt, ich wäre die Bosse von Sky hart angegangen. Da habe ich geantwortet: Ja, weil ich finde, dass man Dinge klar sagen muss, wenn sie schlecht sind. Es geht nur um die Sky-Führung – nicht um die Kollegen, das sind fantastische Menschen. Die Bosse hätten einen anderen Job verdient – weil den, den sie machen, den können sie nicht gut.

Das heißt?

Unabhängig von mir: Ich hätte als Chef erst einmal meinen Mitarbeiter geschützt. Ich finde diese Twitterhörigkeit schlimm. Es ist schlimm, dass man Menschen, die auf Motzkurs sind, so viel Beachtung schenkt und dann auch noch darauf reagiert. Zumal jeder weiß, der sich mit Social Media auskennt, dass am Anfang immer erst das Negative steht und in der zweiten Betrachtung Dinge anders bewertet werden.

Rechnen Sie bei Lesungen wie in Eschwege mit Ihrem Ex-Arbeitgeber ab?

Nein, es geht ja um 40 Jahre, die ich beim Fernsehen gearbeitet habe plus die Zeit, die ich als Printjournalist tätig war. Kurzum: Es geht um mein journalistisches Leben. Also auch um die Sonntage damals, als ich als Zeitungsreporter angefangen habe. Da habe ich beispielsweise beim Verein gefragt: Wann ist das 1:0 gefallen? Da kam die Antwort: In der ersten Halbzeit. Und wann ungefähr? In der 60. Minute. Ganz nüchtern waren nicht immer alle, man musste sich schon kurz nach Abpfiff melden (lacht). Ich erzähle viel aus meinem Reporterleben, aber ich berichte auch über den kuriosen Rauswurf bei Sky mit Vorwürfen von Rassismus und Sexismus.

Das klingt so, als würde das Ganze Sie immer noch beschäftigen.

Das kann man nicht ausblenden. Mich ärgert die Unprofessionalität der Herren Classen und Nauen. Die sitzen immer noch auf ihren Stühlen und machen einen Fehler nach dem anderen.

Wenn Sie jemand um eine Anekdote aus Ihrem Kommentatoren-Leben bittet, welche erzählen Sie?

Mein emotionalstes Erlebnis war eine Geschichte mit Fritz Walter. Ich war damals auf einer Länderspielreise in der Schweiz. Und da hatten wir ein Treffen mit Fritz Walter organisiert, in Bern, im Wankdorfstadion. Ich bin mit einem Kamerateam durchs Stadion gelaufen und wir haben seine Impressionen Revue passieren lassen. Und als wir so durch die Gänge liefen, da fing Fritz Walter an zu heulen. Ich war so gerührt, dass ich auch heulen musste. Ich habe heulend Fragen gestellt, Fritz Walter heulend geantwortet.

Und gibt es auch Geschichten, über die Sie heute noch schmunzeln können?

Als ich mal Zoff mit dem früheren Bayern-Trainer Louis van Gaal hatte, bin ich von den Münchnern für weitere Aktivitäten gesperrt worden. Dann saß ich in der S-Bahn und bekam einen Anruf von Uli Hoeneß. Der hatte mich noch nie angerufen. Erst habe ich einen Stimmenimitator vermutet, Matze Knop oder so. Ich habe das Gespräch hinausgezögert und gemerkt, dass es wirklich Uli Hoeneß ist. Er hat zu mir gesagt, dass es nicht okay sei, was der FC Bayern mit mir gemacht hat. Man dürfe auch Fragen stellen, die unbequem sind, sie dürfen nur nicht unter der Gürtellinie sein.

Große Geste.

Da fällt mir noch was ein.

Ja, erzählen Sie nur.

In den 80er-Jahren war ich für das ZDF vor einem Revierderby im Vereinslokal der Schalker. Damals war es noch erlaubt, drinnen zu rauchen. Alle tranken ihr Pils. Die Schalker Legende Ernst Kuzorra saß an einem Tisch und hat Skat gekloppt. Ich habe um ein Interview gebeten. Er hat gesagt: Ja, mach schon. Also habe ich ihn gefragt: Herr Kuzorra, waren das früher auch so enge Spiele zwischen Schalke und Dortmund? Auf einmal schrie er: Ach wat, den’ ham’ wa früher den Arsch versohlt! Den Arsch! Dann haben alle gegrölt und „Blau und Weiß, wie lieb ich Dich“ gesungen. (Maximilian Bülau und Björn Mahr)

Zur Person

Jörg Dahlmann (63) kam in Gelsenkirchen zur Welt. Er gehört zu den bekanntesten Fußball-Kommentatoren in Deutschland und arbeitete unter anderem für Sat 1, das ZDF, tm3, Sport 1 und Sky. Dahlmann ist dreifacher Vater. Er lebt teilweise auf Mallorca, teilweise in Wiesbaden.

Hintergrund

Am Donnerstag, 10. November, kommt Reporter-Legende Jörg Dahlmann in die nordhessische Kreisstadt Eschwege und liest ab 19 Uhr im E-Werk aus seinem Buch „Immer geradeheraus“. Karten für die Veranstaltung gibt es unter
tickets.kultur-eschwege.de.

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