Regionalligist hilft sich selbst

Besondere Idee von Lok Leipzig: Mehr als 70 000 Karten für imaginäres Spiel im Mai verkauft

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Alexander Voigt, Vizepräsident von Lok Leipzig

Es ist ein Duell gegen einen unsichtbaren, nicht vorhandenen Gegner.

Und dennoch hat der Fußball-Regionalligist 1. FC Lokomotive Leipzig schon jetzt mehr als 70 000 Karten für ein imaginäres Spiel am 8. Mai verkauft. Der Hintergrund dafür ist klar: Der Verein versucht, durch Spenden die Liquiditätslücke zu verkleinern, die durch die Coronavirus-Pandemie entsteht. Aktionen rufen derzeit einige Vereine ins Leben – eine vergleichbare Erfolgsgeschichte gibt es aber selten. Wir haben mit Lok-Vizepräsident Alexander Voigt darüber gesprochen.

Herr Voigt, wie ist der Klub auf die Idee gekommen?

Wir haben uns am 16. März zusammengesetzt. Mitarbeiter des Vereins und Vertreter von Fangruppen. Wir haben gemeinsam nach Ideen gesucht, wie wir dem Klub nun helfen können. Nach fünf Stunden waren wir fertig und hatten diese Idee. Dabei geht es nicht nur um das imaginäre Spiel, es ist eine Kampagne. Gemeinsam für Lok.

Erklären Sie das einmal genauer.

Im Mittelpunkt steht das Spiel, für das Tickets zum Preis von einem Euro gekauft werden können. Also: Für einen Euro bekommt man ein Ticket. Jeder kann so viele Tickets kaufen, wie er möchte. Das Ganze ist aber auch als Zeitreise durch 125 Jahre Leipziger Fußballtradition gedacht. Unser erstes Ziel war, mehr als 55 000 Karten abzusetzen. So viele Zuschauer kamen im Mai 1955 in unser Bruno-Plache-Stadion. Damals war es noch die Heimspielstätte des SC Rotation Leipzig, der Vorgänger von Lok. Gegner war der FC Bayern München.

Diese Marke ist aber schon geknackt.

Genau. Es soll eine Zeitreise sein, auf der sich Fans selbst immer wiederfinden. Nach dem Motto: Damals war ich selbst live dabei, daran kann ich mich erinnern. Deshalb haben wir Zuschauermarken auf unserer Webseite immer mit Erinnerungen aus unserer Geschichte verknüpft. Jetzt haben wir uns das Ziel 120 000 Karten gesetzt. So viele kamen am 22. April 1987 zum Europapokal-Spiel gegen Girondins Bordeaux.

Offiziell?

Nein. Das Spiel fand damals im Leipziger Zentralstadion statt – heute die Heimat von RB. Offiziell waren 73 000 Zuschauer da. Ich war selbst live als Zehnjähriger dabei. Irgendwann hielten die Tore nicht mehr stand, und die Menschen strömten herein. Es gibt nur Schätzungen. Fotos wurden analysiert und demnach sollen etwa 120 000 Zuschauer im Stadion gewesen sein.

Hat es sich gelohnt?

Lok hatte das Hinspiel 1:0 gewonnen. Es ging bis ins Elfmeterschießen, da wurde unser Torwart René Müller zur Legende. Erst hielt er einen Strafstoß und verwandelte dann selbst zum 6:5 in den Winkel. Lok war weiter. Also ja, es hat sich gelohnt.

Wie viele Zuschauer würden heute eigentlich wirklich in das Bruno-Plache-Stadion passen?

Wir haben derzeit 10 900 Plätze, bauen aber gerade weiter aus.

Stand jetzt sind bereits mehr als 70 000 Karten für das imaginäre Spiel verkauft. Gibt es einige kuriose Käufe?

Viele haben einzelne Tickets erworben, auch mehrfach. Wir hatten aber auch einige, die im drei- und vierstelligen Bereich zugeschlagen haben. 4000 Euro war bislang die höchste Einzelspende – also 4000 Tickets. Zudem haben Menschen aus ganz Deutschland, Europa und sogar den USA mitgemacht. Auch Fans unseres Rivalen BSG Chemie Leipzig unterstützen uns. Wir bekommen immer wieder Anfragen von älteren Menschen, die mit den Internet-Bezahlmodellen nicht zurechtkommen, aber Karten kaufen möchten. Meine Mutter zum Beispiel auch. Ich habe sie gefragt, wie viel sie spenden möchte. Das mache ich nun erst mal. Und wenn ich sie irgendwann wieder sehen darf, dann kann sie mir das Geld zurückgeben.

Gibt es eine Grenze?

Nein, unser Ziel ist erst einmal, die 120 000er-Marke zu knacken und damit den Zuschauer-Rekord für Leipzig zu brechen. Nebenbei haben wir auch noch ein normales Spendenkonto. Auch da sind 10 000 Euro eingegangen.

Zur Person: 

Alexander Voigt (43) ist Vizepräsident und Vorstandsmitglied des Fußball-Regionalligisten 1. FC Lokomotive Leipzig. Er ist Niederlassungsleiter einer Werbeagentur und lebte 15 Jahre in Hessen – in Bad Nauheim und Bad Vilbel. Geboren wurde Voigt in Leipzig, dort wohnt er heute auch wieder. Er ist in einer festen Beziehung und hat ein Kind.

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