Bald keine Fehlentscheidungen mehr?

Bundesligaklubs stimmen heute über Torlinientechnik ab

Strittige Szene: Im DFB-Pokalfinale im Mai klärt Bayern Münchens Dante (rechts) einen Kopfball des Dortmunders Mats Hummels hinter der Linie. Die Schiedsrichter gaben das Tor nicht. Fotos: dpa

Kassel. Bei der Mitgliederversammlung des Ligaverbands in Frankfurt stimmen die 18 Fußball-Bundesligisten heute über die Einführung der Torlinientechnik ab.

Eine erste Abstimmung im März war gescheitert, lediglich zwölf von 36 Erst- und Zweitligaklubs hatten damals für die neue Technologie votiert.

Damit die neue Technologie ab der Saison 2015/16 in den Bundesligastadien zum Einsatz kommt, müssten sich bei der heutigen Abstimmung zwei Drittel der Bundesligaklubs dafür aussprechen. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Wer hat die Torlinientechnik gefordert? 

Interessanterweise hat der FC Bayern München im Mai dieses Jahres den Antrag zur Einführung der Torlinientechnik in der Bundesliga gestellt. Einige Tage zuvor hatten die Münchner im Finale des DFB-Pokals mit 2:0 gegen Borussia Dortmund gewonnen. Beim Stand von 0:0 hatte der Dortmunder Mats Hummels den Ball per Kopf ins Tor befördert, Bayerns Abwehrspieler Dante klärte ihn hinter der Linie. Das allerdings übersah das Schiedsrichtergespann – und gab den Treffer nicht. Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge begründete den Antrag anschließend damit, dass die Unparteiischen künftig besser geschützt werden müssen. Auf den Tisch kam die Debatte auch im Oktober vergangenen Jahres, als Leverkusens Stefan Kießling im Bundesligaduell gegen Hoffenheim den Ball durch ein Loch im Außennetz ins Tor köpfte und der Treffer gegeben wurde.

Warum stimmen nur die Bundesligavereine ab? 

Der Antrag sieht die Einführung der Technik zunächst ausschließlich für die Bundesliga und den DFB-Pokal ab dem Viertelfinale vor. Daher stimmen auch nur die 18 Bundesligavereine ab. Am ersten Votum im März hatten auch die Zweitligavereine teilgenommen. 15 von ihnen stimmten aus Kostengründen dagegen. Der Grund: Die Klubs müssen die Technologie aus eigener Tasche bezahlen.

Welche Systeme gibt es und was kosten sie?

Es gibt verschiedene Systeme. Das von einem englischen Unternehmen entwickelte „Hawk Eye“ kommt bereits beim Tennis und in der englischen Premier League zum Einsatz. Jedes Tor wird von sieben Kameras überwacht, welche die Position des Balles genau erfassen. Überquert er die Linie, meldet das System das Tor innerhalb einer Sekunde an die Armbanduhr des Schiedsrichters. 300.000 Euro kostet das „Hawk Eye“.

Legendäres Phantomtor: Bayern-Spieler Thomas Helmer (Mitte) schoss vor 20 Jahren im Spiel gegen den 1. FC Nürnberg den Ball neben das Tor – der Treffer zählte trotzdem.

Auch das bei der Weltmeisterschaft in Brasilien eingesetzte „GoalControl“ einer nordrhein-westfälischen Firma arbeitet mit 14 Kameras, die vom Stadiondach aus das Spielfeld überwachen. Tore und Bälle müssen nicht präpariert werden. 200.000 Euro werden fällig, soll ein Stadion mit GoalControl ausgerüstet werden.

Das von Fraunhofer entwickelte „GoalRef“ wiederum arbeitet mit einem Magnetfeld im Tor, welches registriert, ob der mit einem Chip ausgestattete Ball die Linie überquert hat. Es ist mit 120 000 Euro das günstigste aller Torlinien-Systeme.

Mit welchem Ausgang der Abstimmung ist zu rechnen? 

Es gilt als sicher, dass zehn Bundesligavereine – darunter Bayern München, Borussia Dortmund und Hannover – für die Einführung stimmen. Nötig sind aber zwölf Stimmen. Klar gegen die Technik sind nach wie vor fünf Vereine, darunter Schalke und Freiburg. Einige wie Hertha, Stuttgart oder Wolfsburg haben sich zu noch keiner Entscheidung bekannt – und werden heute zum Zünglein an der Waage.

 

Pro und Kontra

Das spricht für die Torlinientechnik

• Die Bundesliga muss endlich mit der Zeit gehen. Die Schiedsrichter können nicht alles sehen – genau das wird aber von ihnen verlangt. Die Technik nimmt die Unparteiischen ein Stück aus der Schusslinie.

• Der Fußball wird fairer. Liegt der Schiedsrichter bei der Torentscheidung falsch, kann das unter Umständen zur Folge haben, dass Mannschaften Punkte oder Spiele verlieren, die entscheidend über Abstieg, Meisterschaft oder Pokalverbleib sind.

• Die Befürchtung, die Einführung der Torlinientechnik sei nur der Anfang des technischen Eingriffs in den Sport, sind Humbug. Existenziell im Fußball sind die Tore – allein die müssen klar und eindeutig gepfiffen werden. Über alles andere darf diskutiert werden.

Das spricht gegen die Torlinientechnik

• In den vergangenen Jahren hat noch nie ein nicht gegebenes Tor über Meisterschaften, Auf- oder Abstiege entschieden.

• Die Technologie ist sehr teuer. Manche Vereine können sich die Technik nicht leisten.

• Phantomtore fallen so selten wie Schnee im Juli. Zudem fällen die Schiedsrichter meist die richtige Entscheidung.

• Fehlentscheidungen gleichen sich in der Saison aus.

Von Anton Kostudis

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